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Henning Pätzold

Lebenslanges Lernen

L.L. bezeichnet in seiner allgemeinen Bedeutung die Tatsache, dass der Vorgang des Lernens während der gesamten Lebensspanne stattfindet und in dieser Zeit stets Gegenstand wissenschaftlicher pädagogischer Reflexion sein kann. In der pädagogischen Bearbeitung des Themas drückt sich aus, dass es in der Moderne als unangemessen angesehen wird, Zeitpunkte zu benennen, ab denen Lernbemühungen von Menschen nicht mehr wesentlich wären (Kraus 2001). Damit wird l.L. in zweierlei Weise thematisiert: Zum einen wird es als eine quasi-natürliche Gegebenheit, als „eine zentrale Grundfunktion des menschlichen Lebens“ beschrieben (Dohmen 1996). In dieser Fassung ist l.L. ein Ausdruck dafür, dass Pädagogik, Bildungspolitik und andere Akteure dieser Tatsache Aufmerksamkeit widmen. Zum anderen werden mit dem l.L. konkrete Ziele verbunden. So stellt es für die EU-Kommission ein Mittel zur „Förderung der aktiven Staatsbürgerschaft und Förderung der Beschäftigungsfähigkeit“ (EU-Kommission 2000) dar. Zugespitzt wird diese Argumentation oft in ökonomischer Richtung, indem l.L. als notwendige Form der Entwicklung von Humankapital thematisiert wird (Otala 1992).

Die biographiebezogene Bedeutung von l.L. erweist sich für die Erwachsenenpädagogik als besonders anschlussfähig. In dem Maße, in dem sich jene (bzw. die Pädagogik insgesamt) als „Lebenslaufwissenschaft“ (Lenzen 1997) verstehen, kann sie auch das → Lernen (neben der dekontextualisierten Betrachtung des Vorgangs etwa als Wissenserwerb) in seiner biographischen Bedeutung und Wirkung thematisieren. Der Lernende ist dann nicht jemand, der sich abstrakt Kenntnisse oder Fähigkeiten aneignet, sondern er lernt, um in seiner spezifischen biographischen Situation seine Beziehung zur subjektiv wahrgenommenen Lebenswelt zu gestalten.

Die bildungspolitische Dimension des Begriffs l.L. kommt in zahlreichen internationalen Veröffentlichungen zum Ausdruck ( → Lifelong Learning). Von besonderer Bedeutung ist dabei das „Memorandum über lebenslanges Lernen“ (EU-Kommission 2000), das eine lange Vorgeschichte hat ( → Europäische Erwachsenenbildung).

In beiden Bedeutungen hat die Diskussion um l.L. auch Anlass zur Kritik gegeben. In dem Moment, in dem aus der bloßen Feststellung, dass Lernen lebenslang stattfindet, die Forderung folgt, dieses Lernen professionell zu begleiten, ist zu hinterfragen, ob damit nicht einer „Kolonisierung der Lebenswelt“ (Habermas) Vorschub geleistet wird, indem das Lernen als integraler Bestandteil des Lebensvollzugs herausgebrochen und möglicherweise auch partikularen Zielsetzungen unterworfen wird. Diese Kritik spitzt sich mit Blick auf die bildungspolitische Verwendung des Konzepts zu. Hier tritt offen zutage, dass mit l.L. eine Erziehungsvorstellung verbunden ist. Ob es dabei um eine Erziehung im Sinne eines ökonomischen Nutzenkalküls oder um die Ausrichtung von Individuen auf politisch begründete, gesellschaftliche Zielvorstellungen geht, bleibt dabei sekundär. Entscheidend ist, dass l.L. in dieser Form, und insb. in Verbindung mit der Idee des → selbstgesteuerten und des → informellen Lernens, etwas anderes bedeutet als die Verfügbarmachung von Bildungsangeboten. Verschiedentlich ist in diesem Zusammenhang vom Zwang zum l.L. gesprochen worden und vor dem Hintergrund einer an Foucaults Gouvernementalitätstheorie orientierten Betrachtung wird l.L. „als ehrgeiziges Metabildungsprogramm“ betrachtet, in dem es darum gehe, „die Bevölkerung moderner industrialisierter Gesellschaften auf eine Bildungseinstellung zu verpflichten, in der sie sich das bisher von Bildungsinstitutionen Vermitteltete jenseits dieser Institutionen selbst aneignen“ (Forneck 2004).

Literatur

  • Dohmen, G.: Das lebenslange Lernen. Leitlinien einer modernen Bildungspolitik. Bonn 1996

  • EU-Kommission: Memorandum über lebenslanges Lernen. Brüssel 2000

  • Expertenkommission Finanzierung Lebenslangen Lernens: Der Weg in die Zukunft: Schlussbericht der unabhängigen Expertenkommission Finanzierung Lebenslangen Lernens. Bonn 2004 (BMBF)

  • Forneck, H.J.: Reformpädagogische Vexierbilder und erwachsenenpädagogische Professionalität. In: Bender, W./Groß, M./Heglmeier, H. (Hrsg.): Lernen und Handeln. Eine Grundfrage der Erwachsenenbildung. Schwalbach 2004

  • Kraus, K.: Lebenslanges Lernen. Karriere einer Leitidee. Bielefeld 2001

  • Lenzen, D.: Professionelle Lebensbegleitung – Erziehungswissenschaft auf dem Weg zur Wissenschaft des Lebenslaufs und der Humanontogenese. In: Erziehungswissenschaft, H. 8, 1997

  • Otala, L.: European Approaches to Lifelong Learning. Trends in industry practices and industry-university cooperation in adult education and training. Genf 1992

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt