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Wiltrud Gieseke

Professionstheorie

Wir haben gegenwärtig von Veränderungen im theoretischen Diskurs der Berufs- und Professionsforschung auszugehen. Schlug der Sammelband von Combe/Helsper (1996) noch vor, „Bildung“ als Leitbegriff zu setzen und die Nicht-Voraussehbarkeit und Nicht-Technologisierbarkeit von Vermittlungstätigkeit herauszuarbeiten, um daran den Anspruch an komplexes professionelles Handeln zu bündeln, so verweist die Ausrichtung der aktuellen Professionsforschung durch ihre Ausrichtung auf Berufsfelder im Ökonomischen auf eine veränderte Orientierung, die gegenwärtig auch vor dem Bildungsbereich nicht halt macht. Nach Mieg schaffen Professionen Standards der Leistungsbewertung und kontrollieren diese (Mieg 2006). Als Konstitutionsbedingung für Professionen nennt er: einen gesellschaftlich relevanten Problembereich und dazugehöriges Handlungs- und Erklärungswissen; einen Bezug zu einem gesellschaftlichen Zentralwert; eine akademisierte Ausbildung und letztlich einen Berufsverband. Dieses formuliert er für die berufliche Bildung. Der Professionsgrad hängt vom Verwissenschaftlichungsgrad ab, wobei die Professionalisierung als Prozess darauf zielt, eine gesellschaftliche Institutionalisierung von hochschulgestützter Wissensnutzung in komplexen Situationen zu erreichen. Die Veralltäglichung des Professionsbegriff im Sinne davon, dass alles schnell, glatt und optimiert abläuft, hat sich auch in soweit im theoretischen Diskurs durchgesetzt, als professionelles Handeln nicht nur in Berufen mit hohem interventionistischen Bezug auf den Menschen (wie im Falle des Rechts, der Gesundheit und der Bildung) gesehen wird, sondern gerade Berufe mit betriebswirtschaftlichen Bezug wissenschaftlich von Interesse geworden sind. Wir haben es mit einem erweiterten und erhöhten Anspruch an Professionalität zu tun. Nach diesen aktuellen, theoretischen und empirisch grundgelegten Studien zeigt sich eine veränderte theoretische Akzentuierung, die definiert ist durch ein hohes Wissen auf wissenschaftlichem Niveau, begründete Kenntnisse und Fertigkeiten, systematisch nach den Regeln der Profession zu handeln, durch ein besonderes Arbeits- und Leistungsideal mit ganzheitlicher Problembewältigung sowie ein umfassendes Verantwortungsbewusstsein. Pfadenhauer fasst diese Kategorienbildung so zusammen: „Professionelle Kompetenz ist also dadurch gekennzeichnet, dass sich Befähigung (nachgewiesen durch eine meist wissenschaftliche Ausbildung), Bereitschaft (angezeigt durch Leistungsangebote) und Befugnis (beglaubigt durch Zertifikate) in formaler Deckung befinden. Das Prinzip der Zertifizierung ,regelt^' im Rekurs auf besondere und exklusive Wissensbestände die Frage der Zuständigkeit (…) für Probleme und ihre Lösungen“ (Pfadenhauer 2005). In dieser Definition, die die wissenschaftlichen Standards und ihre Zertifizierung noch betont, verzichtet man aber auf ein organisiertes professionelles Kollegialitätsprinzip mit verbandrechtlicher Strukturierung und der daran anknüpfenden professionellen Sozialisation, was Arbeitshaltungen, Stile sowie gesellschaftlich ausgerichtete Verpflichtung gegenüber den professionelles Handeln in Anspruch nehmenden Menschen anbelangt. In der theoretischen Perspektive ist nicht mehr die Orientierung der professionell Handelnden auf den Menschen, sondern sie selbst mit ihren spezifischen, professionellen Kompetenzen geraten in den Blick. Das Professionelle individualisiert sich. Die Veralltäglichung des Professionalitätsbegriffs bestätigt dies bereits.

Meuser (2005) beobachtet eine stärkere Ökonomisierung und forcierte betriebswirtschaftliche Betrachtung. Die Berufe oder Tätigkeitsfelder, die gegenwärtig aus professioneller Perspektive analysiert werden, gehen eine neue Verbindung zwischen wissenschaftlich fundiertem Wissensstand und der Orientierung am Prinzip der ökonomischen Rationalität ein. Der Maßstab wissenschaftlicher Befunde und ihre Wertigkeit misst sich in neuer Weise am Nutzen. Aber gerade im Maßstab des Nutzens geht es ums Gelingen. Und hier ist der Ort, wo Reflexivität und Erfahrung, das Nicht-Wissen als dominante Größe neben dem Wissen, die individuelle Kompetenz im Handeln herausbilden. Die reflexive professionelle Kompetenz benötigt einen Spielraum, der organisatorisch und ökonomisch vorzuhalten ist, wenn Wissen und der Fall oder die Situation intelligent verschränkt, gedeutet und diagnostiziert werden sollen. Die Theorie von Meuser baut bereits die Rationalisierung in der Weise ein, dass Abläufe schematisiert werden. Da professionelle Kompetenz auf dem Markt teuer ist, wird also permanent dafür gesorgt, inwieweit die interpretative, auswertende und beziehungsintensive Deutungskompetenz und die beratende, vermittelnde Begleitungskompetenz in Steuerungssysteme mit Selbstverantwortung (Selbststeuerung) überführt werden können. Das heißt, der autonome professionelle Prozess steht permanent unter Selbstbeschneidungsanspruch und unter dem Druck, Nicht-Wissen in Wissen oder vermeintliches Wissen zu überführen und auf Rationalisierung zu überprüfen. In der Berufsberatung wird dieser Prozess bereits aktuell vollzogen und mit den Professionsvertreter/inne/n ausgehandelt und verordnet.

Grundlagentheoretisch gilt aber bei aller Rationalisierung und Wissensoptimierung, dass die Verschränkung von Wissenschaft und Praxis im professionellen Handeln unhintergehbar ist. Die Angemessenheit muss immer neu über fallbezogene Reflexionen unter generellen, wissenschaftlichen Befunden zusammengeführt werden. Dabei benötigt auch dieses Vorgehen eine wissenschaftliche Analyse. Hinein wirken dann immer Paradoxien, denn menschlicher Eigensinn benötigt seine Freiheit, wenn sich Gesellschaft kreativ weiterentwickeln soll. D.h. sowohl die wissenschaftliche Grundlegung, der Umgang mit Nicht-Wissen, die Instrumentenentwicklung und Nutzung als auch die Deutungsanforderungen machen gleichwohl eine hohe Autonomie des professionell Handelnden nötig (Gieseke 2002; Nittel 2000). Im neuen Konzept geht es um ein neues Spannungsverhältnis von Professionalität als hoch bezahlte komplexe Tätigkeit und einem Interesse durch Rationalisierung, also durch mehr Instrumentennutzung, den professionellen Anteil zu minimieren. D.h. eine professionelle Tätigkeit ist permanent aufgefordert, sich selbst zu rationalisieren und die wissenschaftlichen Grundlagen zu erweitern. Für pädagogische Prozesse wird dieses aber so schnell nicht gelingen, da die pädagogischen Forschungsmethoden auch bedingt durch die Vagheit von pädagogischen Situationen nicht entsprechend entwickelt sind. Oevermann (1996) knüpft mit seinem strukturtheoretischen Ansatz an diese Vagheit der Situation und der im pädagogischen Prozess befindlichen Personen und die Prozesshaftigkeit von Lernen als individuelle Entwicklung an. Zentrale gesellschaftliche Werte verlangen hiernach eine professionelle Konstituierung des Handelns, um die Individuen vor Übergriffen und Autonomiegefährdung zu schützen. Für die EB/WB leuchtet dies heute mehr denn je ein. → Lebenslanges Lernen stellt erhöhte Anforderungen an ein flexibles Weiterbildungsverhalten. Komplexere Umorientierungen in der Biographie müssen bearbeitet werden. WB ist mit finanziellem Risiko und Verlust von Freizeit verbunden. Gleichzeitig haben sich die inhaltlichen Schwerpunkte ausdifferenziert, neue selbstständige Lernformen und auch virtuelle Lernorte konstituieren sich.

Literatur

  • Combe, A./Helsper, W.: Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. Frankfurt a.M. 1996

  • Gieseke, W.: Was ist erwachsenenpädagogische Professionalität? In: Otto, H.-U./Rauschenbach, T./Vogel, P. (Hrsg.): Erziehungswissenschaft: Professionalität und Kompetenz. Opladen 2002

  • Meuser, M.: Professionelles Handeln ohne Profession? In: Pfadenhauer, M. (Hrsg.): Professionelles Handeln. Wiesbaden 2005

  • Mieg, H.A.: Professionalisierung. In: Rauner, F. (Hrsg.): Handbuch Berufsbildungsforschung. 2., aktual. Aufl. Bielefeld 2006

  • Nittel, D.: Von der Mission zur Profession. Bielefeld 2000

  • Oevermann, U.: Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns. In: Combe, A./Helsper, W.: Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. Frankfurt a.M. 1996

  • Pfadenhauer, M.: Die Definition des Problems aus der Verwaltung der Lösung. In: Dies. (Hrsg.): Professionelles Handeln. Wiesbaden 2005

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt