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Harry Friebel

Weiterbildungsmarkt

Der bildungspolitische Dauerapell zum → Lebenslangen Lernen suggeriert ein Bild vom scheinbar unbegrenzten Markt der Weiterbildungsmöglichkeiten. Er unterstellt dabei einen offenen Markt für das freie Spiel von Angebot und Nachfrage, unterschlägt dabei aber, dass die individuelle → Weiterbildungsbeteiligung selbst je nach quantitativer und qualitativer Beschaffenheit des Weiterbildungsangebots als Gelegenheitsstruktur gelenkt wird.

Die institutionelle Organisation des Angebots als Gelegenheitsstruktur der Weiterbildungsteilnahme war bis Ende der 1970er Jahre eine in der Erwachsenenpädagogik fast gänzlich vernachlässigte Perspektive. → Didaktik, → Lernen und Teilnahmemotivation ( → Motivation) galten bis dahin als dominanter Fokus. Teilnahmeforschungen haben in dieser Individualisierungsperspektive mit variablensoziologischen Befunden über mehrere Jahrzehnte ein aktives Handlungsmodell der Weiterbildungsteilnehmenden dokumentiert. Anhand soziodemographischer Indikatoren wird statistisch belegt, wer die typischen Teilnehmenden und wer die typischen Nicht-Teilnehmenden sind. Die Teilnahme wurde und wird hier im Paradigma biographischer Eigenleistung gedeutet: Wer nicht teilnimmt, ist „selbst schuld“.

Dieses → Deutungsmuster berücksichtigt nicht die Tatsache, dass WB zugleich auch eine gesellschaftliche Veranstaltung mit überindividuellen Regelungen ist. Dass die Organisation des Weiterbildungsangebots Strukturgeber der Weiterbildungsbeteiligung ist, haben erstmals Schulenberg u.a. in den 1970er Jahren aufgezeigt. Indem sie die Blickrichtung auf die Institutionalisierung hin öffneten, konnten sie darauf verweisen, dass sich die soziale Polarisierung der Weiterbildungsteilnahme auch durch das Weiterbildungsangebot erklärt und dieses wiederum durch die Spaltung in Teilnehmende und Nicht-Teilnehmende stabilisiert wird. Diese methodische Sternstunde in der Weiterbildungsforschung mit ihrer Doppelperspektivität auf die individuellen Akteure ( → Teilnehmenden) und die institutionellen Angebote förderte die Erkenntnis, dass Weiterbildungsverhalten nicht hinreichend durch individuelle Merkmale und Motivlagen erklärt werden kann.

Im Paradigma von Institutionen- und Strukturanalyse ist sodann die Stilisierung des Weiterbildungsangebots zum „Markt“ aller Teilnahmemöglichkeiten als bildungspolitisch gewollte Rhetorik einer unterstellten „Bildungsgesellschaft“ beschrieben. Denn segmentationsanalytisch lässt sich erfassen, dass dieser „Markt“ tatsächlich aufgespalten ist in relativ undurchlässige und wechselseitig voneinander abgeschottete Teilmärkte. Diese Teilmärkte haben überindividuelle Rekrutierungsstrategien, veranstalten WB als „closed shops“ für exklusive → Zielgruppen.

Im Gegensatz zu bildungspolitischen Botschaften über einen „offenen“ W. mit vielfältigen Angeboten, Transparenz und Gestaltungsspielraum ist ein versäultes teilmarktspezifisches Angebot als Gelegenheitsstruktur zu identifizieren: So werden z.B. in Unternehmen besonders qualifizierte Stammbelegschaften oder durch das Arbeitsamt von Arbeitslosigkeit bedrohte Erwerbspersonen in die WB eingegrenzt (Friebel u.a. 1993, 1999), andere Gruppen werden aus der WB ausgegrenzt.

Diese Ein- und Ausgrenzung in die und aus der WB ist in Teilmärkten derart institutionalisiert, dass eine Person prinzipiell keine Alternative zur Teilnahme hat, sofern es der Arbeitgeber oder das Arbeitsamt will; umgekehrt gilt, dass eine Person sich prinzipiell keinen Zugang zur WB erschließen kann, wenn sie nicht zu den exklusiven Zielgruppen der jeweiligen Teilmärkte gehört.

Erst eine Öffnung der Aufmerksamkeitsperspektive für die Wechselwirkungen zwischen dem individuellen Weiterbildungsverhalten einerseits und den überindividuellen Ein- und Ausschließungsprozessen der – in Teilmärkten aufgespaltenen – Angebots- als Gelegenheitsstruktur andererseits erlaubt Einsichten in die Bedingungen der Selbst- und Fremdselektion der Weiterbildungsteilnahme.

Literatur

  • BMBF (Hrsg.): Studie zum europäischen und internationalen Weiterbildungsmarkt. Berlin 2001

  • Friebel, H. u.a.: Weiterbildungsmarkt und Lebenszusammenhang. Bad Heilbrunn/Obb. 1993

  • Friebel, H. u.a.: Bildunsgbeteiligung, Chancen und Risiken. Opladen 1999

  • Schulenberg, W. u.a.: Soziale Lage und Weiterbildung. Braunschweig 1979

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt