Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

Das Wörterbuch Erwachsenenbildung bündelt das gegenwärtige Wissen über Erwachsenenbildung. Es enthält über 300 Stichworte zu den Themenfeldern Didaktik und Methodik, Forschung und Wissenschaft, Geschichte und Entwicklung, Lernen und Erfahrung, Organisation und Profession, Politik und Recht sowie Theorien und Konzepte. Alle Artikel wurden von ausgewiesenen Fachleuten nach dem neuesten Stand der Diskussion verfasst. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Wörterbuch erfahren

Suchvorschläge:

Aufklapper schließen

Ursula Apitzsch

Interkulturelle Bildung

Trotz einer seit mehr als zwei Jahrzehnten andauernden Diskussion hat sich im deutschen Sprachraum bislang keine trennscharfe Verwendung des Begriffs i.B. gegenüber den Begriffen „interkulturelle Erziehung“, „multikulturelle Erziehung“ oder „interkulturelles Lernen“ herauskristallisiert. Dies zeigen überaus deutlich die Resultate des von 1991 bis 1997 durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderten Schwerpunktprogramms FABER („Folgen der Arbeitsmigration für Bildung und Erziehung“, Gogolin/Nauck 2000), wo diese unterschiedlichen Bezeichnungen synonym verwendet werden, obgleich es im Verlauf der 1980er Jahre zunächst heftige Auseinandersetzungen um die richtige Verwendung des Begriffs des „Interkulturellen“ gegeben hatte. Häufig wird die Faktizität der Migrationssituation im Einwanderungsland mit dem Begriff des „Multikulturellen“ bezeichnet (Neubert u.a. 2002), während darauf bezogene normative Handlungskonzepte als „interkulturelle“ verstanden werden (Hohmann 1983). Zutreffend erscheint der Hinweis von Auernheimer (1990), dass es sich hierbei um eine der deutschen Diskussion eigentümliche Unterscheidung handelt, die in der internationalen Diskussion kaum eine Entsprechung findet. Während in anglophonen Kulturen in der Regel von einer „multicultural education“ die Rede sei, werde in französischen Debatten die „éducation interculturelle“ thematisiert. Unabhängig von dieser Wortwahl ist jedoch auch der Adressatenkreis einer i.B. umstritten. Während auf der einen Seite unter i.B. kompensatorische Maßnahmen verstanden werden, die sich an nicht der Mehrheitsgesellschaft zugerechnete und als ethnisch different definierte Gruppen wenden, wird auf der anderen Seite i.B. als notwendiger Prozess der Selbstreflexivität der Mehrheitsgesellschaft gefordert (Hamburger 1994). Mit dieser Forderung wird zugleich die Legitimation der i.B. als besonderes disziplinäres Feld innerhalb pädagogischer Theorie und Praxis infrage gestellt und die i.B. der allgemeinen und der → politischen Bildung zugerechnet.

In der Bundesrepublik sind – wie in anderen westeuropäischen Industrieländern – drei Phasen der Auseinandersetzung mit i.B. auszumachen. Die erste Phase ist mit der Abwendung von einer kompensatorischen „Ausländerpädagogik“ zu Beginn der 1980er Jahre abgeschlossen. In einer zweiten Phase rückt die Beschäftigung mit den besonderen Kulturen der Einwandererminoritäten als mehr oder weniger bleibenden Phänomenen der Einwanderungsgesellschaften in den Vordergrund. In einer dritten Phase seit Beginn der 1990er Jahre wird ansatzweise eine systematische Kritik am multikulturellen → Curriculum erkennbar. Es wird darauf aufmerksam gemacht, dass ethnische Strukturen und Konzepte z.T. durch dieses Curriculum hervorgebracht werden. Das Minderheitenkollektiv werde durch die i.B. zum Teil überhaupt erst erzeugt, insofern die letztere von der kulturellen Selbstdefinition der Adressaten ausgehe (ebd.). Diese Kritik, die weitgehend theoretisch Zustimmung findet, jedoch auch als Blockade der Ausbildung professioneller Praxis empfunden wird, kann in ihrer Engführung korrigiert werden durch die Definition einer „Politik gegenseitiger Anerkennung“ in multikulturellen Gesellschaften, die es ermöglichen soll, „ungekränkt in einer kulturellen Herkunftswelt aufzuwachsen und seine Kinder darin aufwachsen zu lassen, (…) sich mit dieser Kultur – wie mit jeder anderen – auseinanderzusetzen, sie konventionell fortzusetzen oder sie zu transformieren“ (Habermas 1993). Heute wird diese Orientierung im Paradigma „transnationaler Bildung“ weitergeführt (Apitzsch/Siouti 2008).

Im Mittelpunkt der Forschung zu Praxisformen i.B. (Apitzsch 1997) steht eindeutig das Interaktionsfeld Schule. Zentral waren dabei lange Zeit die Probleme der „Sprachschwierigkeiten“ und des Zweitspracherwerbs. Neuerdings werden zunehmend Geschlechterdifferenzen in der Bildungssituation und die besonders benachteiligte Situation ausländischer Jungen thematisiert (Bednarz-Braun u.a. 2004). In den 1990er Jahren rücken insb. Probleme von Flüchtlingen, auch von unbegleiteten Flüchtlingskindern aus Krisenregionen ins Blickfeld. Im Zusammenhang von Familienzusammenführung und Feminisierung der Migration entstand das bis heute im Bereich der Erwachsenenbildung mehr oder weniger professionalisierte Segment „interkulturelle Frauenarbeit“. Eine Reihe von EU-Programmen schuf Angebote insb. für Frauen im Bereich → beruflicher Weiterbildung sowie der Ausbildung zur selbstständigen Unternehmerin (Apitzsch u.a. 2008). Trotz der sich im Verlauf der 1990er Jahre verfestigenden Schlechterstellung ausländischer Personen im Beschäftigungssystem aufgrund von Prozessen technologischen Wandels hatten Ausländer/innen einen verschwindend geringen Anteil an innerbetrieblicher und gewerkschaftlicher WB; Sondermaßnahmen wurden in diesem Bereich nur in sehr geringem Umfang gefördert.

Literatur

  • Apitzsch, U.: Interkulturelle Arbeit. Migranten, Einwanderungsgesellschaft, interkulturelle Pädagogik. In: Krüger, H.H./Rauschenbach, T. (Hrsg.): Einführung in die Arbeitsfelder der Erziehungswissenschaft. 2. Aufl. Opladen 1997

  • Apitzsch U./Siouti, I.: Transnationale Biographien. In: Günther, H. u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit und Transnationalität. Weinheim 2008

  • Apitzsch, U. u.a. (Hrsg.): Migration, Biographie und Geschlechterverhältnisse. Münster 2003

  • Apitzsch, U. u.a. (Hrsg.): Self-employment Activities of Women and Minorities. Their success or failure in relation to social citizenship policies. Wiesbaden 2008

  • Auernheimer, G.: Interkulturelle Erziehung. Darmstadt 1990

  • Bednarz-Braun, I./Heß-Meining, U. (Hrsg.): Migration, Ethnie und Geschlecht. Wiesbaden 2004

  • Gogolin, I./Nauck, B. (Hrsg.): Migration, gesellschaftliche Differenzierung und Bildung: Resultate des Forschungsschwerpunktprogramms FABER. Opladen 2000

  • Habermas, J.: Anerkennungskämpfe im demokratischen Rechtsstaat. In: Gutmann, A. (Hrsg.): Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung. Frankfurt a.M. 1993

  • Hamburger, F.: Pädagogik der Einwanderungsgesellschaft. Frankfurt a.M. 1994

  • Hohmann, M.: Aufnahmeunterricht, muttersprachlicher Unterricht, interkultureller Unterricht. München 1983

  • Neubert, S. u.a. (Hrsg.): Multikulturalität in der Diskussion: Neuere Beiträge zu einem umstrittenen Konzept. Opladen 2002

Das Buch zur Site

Wörterbuch Erwachsenenbildung

Wörterbuch Erwachsenenbildung
hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

» Buch online bestellen

Sie erhalten das Buch auch in Ihrer Buchhandlung!

Die Anbieter

Diese Seite ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, des Klinkhardt-Verlags und der UTB GmbH.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) ist die zentrale Einrichtung für Wissenschaft und Praxis der Weiterbildung in Deutschland. Aus dem Institut stammen die Herausgeber des Wörterbuchs.

Der Klinkhardt-Verlag ist ein pädagogischer Fachverlag. Er hat die Entwicklung des Wörterbuchs verlegerisch betreut.

UTB ist ein Verlag für Lehr- und Studienbücher. Bei UTB ist die Druckausgabe des Wörterbuchs erschienen.

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt