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Gerhard Reutter

Abschlussbezogene Weiterbildung

Mit a.WB wurden ursprünglich die Angebote in der allgemeinen und in der beruflichen WB bezeichnet, die mit einer staatlich anerkannten Prüfung endeten. A.WB war bis in die 1960er Jahre in der EB eher eine Ausnahme, weil Abschlüsse mit dem traditionellen Selbstverständnis von EB nicht vereinbar schienen, das sich vom schulischen Lernen abgrenzte. Käpplinger (2007) schätzt für 2002 die Zahl der Abschlüsse und Zertifikate in der WB auf ca. 720.000. „Abschlüsse zeigen das profane Gesicht von Bildung. Und tatsächlich – beruft man sich auf ein Verständnis von Bildung, in dem die Entwicklung individueller Persönlichkeit als nicht abschließbarer Prozess gedacht wird, so konterkarieren Abschlüsse dieses in mehrfacher Weise“ (Kuper 2004). Erst in den 1960er Jahren verstärkten sich die Bemühungen innerhalb der EB um den Erwerb von Qualifikationen, Abschlüssen und Zertifikate, vorrangig in der beruflichen EB. Die Nachfrage nach zertifiziertem Wissen und durch Abschlüsse nachweisbare Qualifikationen führte zu einer Vielzahl von Angeboten, die in Inhalt, Zeit- und Organisationsformen, Akzeptanz und Anerkennung kaum Vergleichbarkeiten aufweisen. Neben dem zweiten Bildungsweg kam es insb. zur Etablierung von Zertifikatssystemen bei den Volkshochschulen und Kammern. Im Zuge der deutsch-deutschen Vereinigung wurde die a.WB aufgrund bildungs- und sozialpolitischer Interventionen massiv ausgebaut, um Umschulungen und Nachqualifizierungen in den neuen Bundesländern durchzuführen. Die föderale Struktur der Bundesrepublik mit der bildungspolitischen Hoheit der Länder erschwert allerdings eine bundesweite Durchsetzung von Abschlüssen und Zertifikaten, soweit sie nicht durch entsprechende Gesetze (BBiG, HwO) bundeseinheitlich geregelt sind.

Erwartet wurde durch die a.WB mehr Vergleichbarkeit und Verbindlichkeit in der WB, was aber aufgrund der fehlenden Systematisierung des quartären Bildungssektors und der damit verbundenen Intransparenz nur begrenzt gelang. Der Versuch einer Vereinheitlichung durch die Vergabe von Berufsbildungspässen in den 1970er Jahren war nicht erfolgreich. Allerdings wird die Diskussion um die Berufsbildungspässe aus dem europäischen Kontext wieder angestoßen und um eine Debatte um die Erfassung nicht formal erworbener Kompetenzen erweitert, so u.a. in Frankreich mit dem „bilan de compétences“, in Großbritannien mit der „Accreditation of Prior Learning“ (APL), mit dem „Assessment of Prior Experiential Learning“ (APEL) oder in Deutschland mit dem „ProfilPass“. Ob der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR/EQF) zu einer Vereinheitlichung und Vergleichbarkeit auf europäischer Ebene führt, kann noch nicht eingeschätzt werden. Im Wesentlichen lassen sich drei Typen von a.WB benennen:

  • staatlich anerkannte Abschlüsse, insb. in der beruflichen WB und im Nachholen von Schulabschlüssen,

  • weiterbildungsspezifische Abschlüsse, die sich vorrangig auf beruflich verwertbare Inhalte und auf Fremdsprachen beziehen, wobei ähnliche Zertifikate parallel existieren (im IT-Bereich spielen Herstellerzertifikate zunehmend eine wichtige Rolle),

  • organisationsspezifische Abschlüsse, bei denen Qualifikationen zertifiziert werden, die vor allem innerhalb der jeweiligen Organisation von Bedeutung und anerkannt sind.

Die Pluralität der a.WB wird beispielhaft dokumentiert in der VHS-Statistik, die nach nachholenden Schulabschlüssen, Abschlüssen von Kammern und Berufsverbänden, sonstigen Institutionen, Prüfungen mit ausländischen Abschlüssen, landeseinheitlichen VHS-Prüfungen und sonstigen Prüfungen differenziert.

Die Funktion von Abschlüssen zeigt sich auf der sozialstrukturellen, der institutionellen und der individuellen Ebene (Kell 1982; Moser 2003; Käpplinger 2007). Kell (1982) schreibt Abschlüssen die Funktion des Lernanreizes, der Beurteilung, der Disziplinierung, der Information, der Allokation, der Selektion, der Option, der Monopolisierung und der Herrschaft zu. Moser (2003) listet darüber hinaus noch eine Selbstvergewisserungs-, Orientierungs-, Signal- und Ordnungsfunktion auf. Für Käpplinger (2007) sind Abschlüsse nicht nur polyfunktional, sondern auch polytemporal, da sie Auskunft über abgeschlossene Lernprozesse, den aktuellen Kenntnisstand und Vermutungen über zukünftiges Lern-/Arbeitsverhalten bieten wollen.

Von Abschlüssen und Zertifikaten wird in Zukunft ein Bedeutungszuwachs in der WB erwartet: „Geburtsprivilegien sollten im 19. Jahrhundert durch Nachweise in ihrer Bedeutung relativiert werden. Am Anfang des 21. Jahrhunderts stellt sich die Frage neu, wie Begabung und Leistungsbereitschaft und nicht der Geburtsstand über Lebensperspektiven entscheiden können“ (Käpplinger 2007; auch Nuissl/Conein/Käpplinger 2008).

Literatur

  • Käpplinger, B.: Abschlüsse und Zertifikate in der Weiterbildung. Bielefeld 2007

  • Kell, A.: Das Berechtigungswesen zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem. In: Lenzen, D. (Hrsg.): Enzyklopädie Erziehungswissenschaft, Bd. 9/2. Stuttgart 1982

  • Kuper, H.: Abschlüsse und Selektion im Bildungssystem. In: GdWZ, H. 6, 2004

  • Moser, K.: Diagnostik beruflicher Kompetenzen. In: Straka, G. (Hrsg.): Zertifizierung nonformell und informell erworbener Kompetenzen. Münster 2003

  • Nuissl, E./Conein, S./Käpplinger, B.: Zertifikate in der Weiterbildung. In: Krug, P./Nuissl, E. (Hrsg.): Praxishandbuch Weiterbildungsrecht. Loseblattwerk. Lieferung 3/2008. Neuwied 2004 (Grundwerk)

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt