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Birte Egloff

Individualisierung

Im Zuge der Herausbildung moderner Gesellschaften versteht man unter I. eine Entwicklung, die den einzelnen Menschen mit seiner Biographie, seinen individuellen Fähigkeiten und Ressourcen zunehmend als autonom denkendes und handelndes Subjekt begreift. Dem gegenüber steht eine Sichtweise auf den Menschen, der als Teil eines Kollektivs (z.B. eines Standes) in starre Strukturen und tradierte Denk- und Verhaltensweisen eingebunden ist. Insofern enthält I. zunächst einen emanzipatorischen Kerngedanken.

Der Begriff der I. hat vor allem über die zeitdiagnostischen Arbeiten des Soziologen Ulrich Beck zur „Risikogesellschaft“ (1986) und zur „reflexiven Modernisierung“ (1996) Eingang in die Sozialwissenschaften gefunden. Beck hebt den doppelten Charakter der I. hervor: Zwar erhöhen sich die Möglichkeiten und Freiheitsgrade in allen Bereichen der Gesellschaft (z.B. bezogen auf Lebensformen), gleichzeitig sind die Individuen aber auch einem erhöhten Druck ausgesetzt, ihre Biographien aktiv und eigenverantwortlich zu gestalten sowie Entscheidungen für oder gegen bestimmte Optionen bewusst zu treffen. Damit haftet dem Prozess der Individualisierung auch ein Zwangsmoment an.

Die EB greift beide Seiten der I. auf, indem sie einerseits in einer stimulierenden Funktion mit Konzepten wie dem Lebenslangen Lernen Erwachsene dazu auffordert, sich bietende Lern- und Bildungsmöglichkeiten in ihrer Vielfalt zur persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung zu nutzen, indem sie andererseits in einer orientierungs- und ordnungsstiftenden Funktion Erwachsenen aber auch dabei hilft, sich in einer komplexen und damit unübersichtlich gewordenen Welt (wieder) zurechtzufinden. Im Kontext von Modernisierungsprozessen übernimmt die EB damit gleichermaßen eine antreibende wie eine kompensatorische Aufgabe.

I. und EB sind aber nicht erst im Gefolge soziologischer Zeitdiagnosen eng miteinander verknüpft. Betrachtet man etwa die Begriffe, mit denen das Lernen Erwachsener seit der Aufklärung etikettiert wurde, so lässt sich von der Volksbildung über die EB/WB bis hin zum → Lebenslangen Lernen eine Linie aufzeigen, die die Erwachsenen zunehmend als Träger individueller Biographien wahrnimmt und somit ihrer Subjektivität und Eigenständigkeit größeren Platz einräumt, was sich auch in der Aufwertung didaktischer Prinzipien wie der Teilnehmer- oder Lebensweltorientierung widerspiegelt. Vor allem mit Beginn der 1980er Jahre ist ein gesteigertes Interesse an den Biographien, dem Alltag und den Lebensumständen von Adressaten und Teilnehmenden der EB festzustellen. Diese Hinwendung zum Teilnehmenden, die als „reflexive Wende“ bezeichnet wird und → Lernen und Bildung nicht auf bloße Verwertbarkeit reduziert, sondern mit Selbstbildung und Persönlichkeitsentwicklung verbindet, lässt sich einerseits mit dem Phänomen einer „Pädagogisierung der Lebenswelt“ erklären, also einer zunehmenden Durchdringung des Alltags mit pädagogischen Fragen und Mustern, zum anderen mit der Etablierung insb. qualitativer Forschungsverfahren, wie etwa der Biographieforschung, die sich ausdrücklich für die Lebenswege und -situation des einzelnen Erwachsenen interessiert. In diesem Kontext erlangen subjektorientierte, aneignungstheoretische und systemisch-konstruktivistische Sichtweisen auf das Lernen und die Bildung Erwachsener innerhalb der Erwachsenenbildungswissenschaft an Bedeutung. Diese betonen die Eigenwilligkeit und die autonome Aneignung, in dezidierter Abgrenzung etwa von institutions- und professionszentrierten Vorstellungen von EB, die vor allem auf pädagogische Wirksamkeit ihrer durchdachten Programme setzen.

Aktuell lässt sich der Begriff der I. als positiv besetzte Chiffre betrachten, die sowohl im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Debatten um das selbst organisierte, selbstgesteuerte, → informelle Lernen, das Lernen mit Neuen Medien, neue Lehr-/Lernkulturen usw. genutzt, als auch gerne von bildungspolitischen Programmen aufgegriffen wird, die allerdings immer auch im Verdacht stehen, aus rein ökonomischen Interessen heraus die Eigenverantwortung Erwachsener hinsichtlich ihrer Lebensgestaltung sowie ihrer Lern- und Bildungsprozesse zu betonen. Gleichwohl mehren sich auch in der Erziehungswissenschaft die kritischen Stimmen, die vor einer normativ überhöhten Erwartung an die Eigenständigkeit Erwachsener warnen bzw. zu differenzierteren Betrachtungen auffordern: So haben insb. Studien aus dem Bereich des → E-Learning deutlich gemacht, dass ein individualisiertes Lernen durchaus voraussetzungsvoll ist und dass es – will es nicht zu einem vereinzelten und isolierten Lernen führen – in vielfältige, auch institutionelle und professionelle Netzwerke eingebettet sein muss.

Literatur

  • Beck, U.: Die Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M. 1986

  • Beck, U./ Giddens, A./Lash, S.: Reflexive Modernisierung - Eine Kontroverse. Frankfurt a.M. 1996

  • Egloff, B.: Der Wandel der Bedingungen des Lehrens und Lernens: Der Trend zur Individualisierung. In: Grundlagen der Weiterbildung – Praxishilfen. Loseblattwerk. Neuwied 2007

  • Kraft, S. (Hrsg.): Selbstgesteuertes Lernen in der Weiterbildung. Baltmannsweiler 2002

  • Wittpoth, J. (Hrsg.): Erwachsenenbildung und Zeitdiagnosen. Theoriebeobachtungen. Bielefeld 2001

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt