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Eckart Severing

Informelles Lernen

In Anknüpfung an nordamerikanische Studien wird seit Ende der 1960er Jahre → Lernen außerhalb von Bildungseinrichtungen als i.L. bezeichnet. Livingstone (1999) bestimmt i.L. als „jede mit dem Streben nach Erkenntnissen, Wissen oder Fähigkeiten verbundene Aktivität außerhalb der Lehrangebote von Einrichtungen, die Bildungsmaßnahmen, Lehrgänge oder Workshops organisieren. Informelles Lernen kann außerhalb institutioneller Lehrinhalte in jedem denkbaren Umfeld stattfinden“. Informelles Lernen gilt heute nicht als zweitrangige Form des Lernens, sondern als ebenso wichtig und notwendig wie die formale Bildung. Das organisierte bzw. formelle Lernen ist auf die Vermittlung festgelegter Lerninhalte und Lernziele gerichtet, i.L. zeichnet sich hingegen durch seine Offenheit aus. Es wird in der Regel ohne pädagogische Vorstrukturierung gelernt (Dehnbostel 2001).

Die nur negative Abgrenzung des i.L. gegen Lernen in Bildungseinrichtungen ist allerdings im Fortgang der wissenschaftlichen Diskussion als ungenügende Definition empfunden worden, weil dadurch i.L. zu einer bloßen Residualkategorie wird (Eraut 2000). Eine Reihe neuerer Ansätze bestimmen i.L. nicht aus der Systemperspektive der institutionalisierten Bildung, sondern aus Perspektive der Lernenden selbst: So beschreibt Wittwer (2003) i.L. sowohl als nicht-intentionales und nicht bewusstes Lernen, dessen der Lernende nur im Resultat gewahr wird, als auch als bewusstes und intentionales Lernen im Rahmen des Arbeitsprozesses oder im sozialen Umfeld. Dohmen (2001) sieht als entscheidendes Kriterium, dass der Lernimpuls aus praktischen Anforderungen entsteht und das Lernen in der Bewältigung dieser Anforderungen stattfindet.

In der erwachsenen- und berufspädagogischen Literatur der vergangenen beiden Jahrzehnte ist dem i.L. zunehmende Aufmerksamkeit zuteil geworden. Die Potenziale informeller Lernkontexte sind mehrfach durch Teilnehmerstudien belegt worden. So resümiert die NALL-Erhebung (eine Erhebung des kanadischen Forschungsnetzwerks New Approaches to Lifelong Learning, die 1998 mit 1.562 Befragten durchgeführt wurde) „dass die EB einem Eisberg gleicht – weitgehend den Blicken entzogen, aber in ihren verborgenen informellen Aspekten von gewaltigen Ausmaßen“ (Livingstone 1999). Gemäß einer repräsentativen Studie zum Weiterbildungsbewusstsein der deutschen Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter geben nur 14 % der Befragten formalisiertes Lernen als wichtigsten Lernkontext an, für 87 % waren andere Lernkontexte, vor allem das „arbeitsbegleitende Lernen“ (58 %) wichtiger (Baethge/Baethge-Kinsky 2004).

Auch in der → beruflichen Weiterbildung stagniert das Lernen in Lehrgängen und Seminaren, während sich das informelle berufliche Lernen ausweitet. Die Reichweite der informellen WB liegt deutlich höher als die → Weiterbildungsbeteiligung an Lehrgängen und Seminaren. In der → betrieblichen Bildung dominiert dabei das Lernen am Arbeitsplatz. Grundlagen dieser Entwicklung sind zum einen ein schneller Wandel von Arbeitsanforderungen in wissensbasierten Tätigkeiten, der allein mit berufsorientierten Erstausbildungskonzepten oder formalen Bildungsinterventionen nicht zu bewältigen ist und zum anderen die in vielen Unternehmen zu konstatierende Delegation von Qualifizierungsverantwortung an die Beschäftigten (Severing 2001).

Restriktionen für i.L. sind in der noch mangelhaften Transparenz der Lernergebnisse zu sehen, die ihre Verwertung etwa auf dem Arbeitsmarkt behindert ( → Weiterbildungspässe). Auch sind Bildungsabschlüsse in der Regel noch den Absolvent/inn/en formaler Bildungsgänge vorbehalten. Mit der formalen Bildung kompatible Dokumentationsinstrumente und → Zertifizierungen für i.L. sind insb. in Deutschland noch ungenügend entwickelt (Geldermann u.a. 2009). In der → Weiterbildungsstatistik wird dem i.L. noch keine angemessene Beachtung geschenkt, auch weil es einer Erfassung und Quantifizierung naturgemäß weniger zugänglich ist als das formale Lernen.

Literatur

  • Baethge, M./Baethge-Kinsky, V.: Der ungleiche Kampf um das lebenslange Lernen. Eine Repräsentativ-Studie zum Lernbewusstsein und -verhalten der deutschen Bevölkerung. In: Arbeitsgemeinschaft Betriebliche Weiterbildungsforschung e.V. (Hrsg.): edition QUEM, Bd. 18: Studien zur beruflichen Weiterbildung im Transformationsprozess. Münster 2004

  • Dehnbostel. P.: Perspektiven für das Lernen in der Arbeit. In: Arbeitsgemeinschaft Betriebliche Weiterbildungsforschung e.V. (Hrsg.): Kompetenzentwicklung 2001. Münster 2001

  • Dohmen, G.: Das informelle Lernen. Die internationale Erschließung einer bisher vernachlässigten Grundform menschlichen Lernens für das lebenslange Lernen aller. Bonn 2001 (BMBF)

  • Eraut, M.: Non-formal learning, Implicit Learning and Tacit Knowledge in Professional Work. In: Coffield, F.: The Necessity of Informal Learning. Bristol 2000

  • Geldermann, B./Seidel, S./Severing, E.: Rahmenbedingungen zur Anerkennung informell erworbener Kompetenzen in der Berufsbildung. Bielefeld 2009

  • Livingstone, D.W.: Informelles Lernen in der Wissensgesellschaft. In: QUEM-Report, H. 60, 1999

  • Severing, E.: Entberuflichung der Erwerbsarbeit. In: Arbeitsgemeinschaft Betriebliche Weiterbildungsforschung e.V. (Hrsg.): Kompetenzentwicklung 2001. Münster 2001

  • Wittwer, W./Kirchhof, S. (Hrsg.): Informelles Lernen und Weiterbildung. Neue Wege zur Kompetenzentwicklung. München 2003

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt