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Felicitas von Küchler

Inklusion

Der Begriff I. ist in der EB/WB noch wenig verbreitet und kaum konturiert, während er in der Erziehungswissenschaft im Bereich Sonder- und Heilpädagogik für einen paradigmatisch neuen Ansatz des Umgangs mit Vielfalt und Heterogenität als „inklusive Pädagogik“ steht (Hinz 2006). Die inklusive Pädagogik, so der normative Anspruch, geht bewusst von der Verschiedenheit aller Lernenden aus und fordert dazu auf, das Lernumfeld so zu gestalten, dass Lernende mit unterschiedlichen, vielfältigen und heterogenen Lernvoraussetzungen erfolgreich miteinander lernen können. Nicht Integration der „Abweichenden“ in eine Lernumgebung, die für die Mehrheit konzipiert war, ist das Ziel, sondern die Veränderung der Lernumgebung im Interesse der Berücksichtigung der Potenziale aller Lernenden. Auch in der Sozialpädagogik wird die Debatte um I. und Exklusion, hier allerdings mit dem Akzent auf Exklusion, geführt, um Ausschlüsse und Ausgrenzungen von Bevölkerungsgruppen, die neue gesellschaftliche Entwicklungen indizieren, und darauf aufbauende Interventionsstrategien identifizieren zu können.

Bekannt wurde das Begriffspaar I./Exklusion durch Lenoirs Buch „Les Exclus. Un Francais sur dix“ (1974). In der Folgezeit entwickelte sich Exklusion zu einem zentralen Begriff der französischen gesellschafts- und sozialpolitischen Debatte um die Grundlagen des sozialen Zusammenhalts, gesellschaftlicher Solidarität und die Aufgaben des republikanischen Staats. „Exklusion“ wurde auch in den offiziellen Sprachgebrauch der europäischen Gemeinschaft aufgenommen, die seit 1989 unter dem Stichwort „combat social exclusion“ Programme zur Armuts- und Arbeitslosigkeitsbekämpfung auflegt und im Gefolge der sog. „Lissabon Strategie“ seit 2000 eine Beobachtung sozialen Zusammenhalts und sozialer Gerechtigkeit in den Mitgliedsländern durchführt.

Kronauer entwickelt aus soziologischer Perspektive einen integrativen und multidimensionalen Begriff, der sich auf drei Ebenen von Zugehörigkeit und Teilhabe bezieht:

  • den Bürgerstatus, d.h. Teilhabe an Lebensstandard und Lebenschancen als Partizipation an Bildungs-, Gesundheits- und sozialen und rechtlichen Institutionen,

  • die Einbindung in die Interdependenzen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung durch Arbeitsmarkt und Erwerbsarbeit,

  • die Reziprozitätsverhältnisse sozialer Nahbeziehungen (Kronauer 2007).

Konzeptionelle Merkmale, wie Temporalität und Prozesshaftigkeit, Mulitdimensionalität von Teilhabe und Ausgrenzung, unterschiedlich gelagerte Probleme in „gesellschaftlichen Zonen“, institutionelle Mechanismen und organisationale Praktiken von I. und Exklusion kristallisieren sich, unabhängig von theoretischen Zugängen, heraus.

In der Weiterbildung wird I. zunächst und vor allem unter dem Aspekt der Teilnahme verstanden. Der Zugang zum lebenslangen und lebensweiten Lernen ist nicht für alle Gesellschaftsmitglieder selbstverständlich und möglich, das belegen alle neueren Untersuchungen zur Beteiligung an Bildung und WB (DIE 2008). Dies hat zur Wiederaufnahme der Diskussion geführt, wie Zugänge zur WB erleichtert und bessere Chancen ermöglicht werden können (Forneck/Wiesner/Zeuner 2006). Ein Rückbezug auf die sozialwissenschaftlichen Analysen zur Einbeziehung bzw. zur Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen und das entwickelte Begriffsinventar scheint möglich. Danach ginge es auch in der WB nicht mehr allein um Teilhabe oder Nicht-Teilhabe unterschiedlicher Milieus an WB, vielmehr wären dann konzeptionelle Merkmale der Inklusions-Exklusionsdiskussion einzubeziehen. „Weniger der Ausschluss aus Institutionen als die Ausgestaltung der Institutionen selbst“ – die „Ausgestaltung der institutionellen Inklusion – ist heute für den Verlust von realer Teilhabe entscheidend“ (Kronauer 2007). Eine Verwendung der Begriffe I./Exklusion zielt auf eine gesellschaftstheoretisch aufgeklärte Selbstreflexion der WB, die ihren Wissensbestand im Hinblick auf Exklusionsmechanismen und -faktoren erweitern, neue gesellschaftliche Bedarfslagen erforschen und sich an der positiven Vorstellung einer gesellschaftlichen Inklusions-/Integrationsfunktion von Bildung orientieren will.

Inklusion spielt sowohl auf der System- und Organisationsebene der WB als auch auf der Ebene von Lehr-Lernprozessen eine Rolle. Als gesellschafts- und bildungspolitische Leitvorstellung ist sie auf der Systemebene relevant als Aspekt der politisch gewünschten bildungsbereichsübergreifenden Integration, Vernetzung und Infrastrukturentwicklung. Im Anschluss daran lässt sich fragen: Sind institutionelle Arrangements der WB – auf der Systemebene, auf der Ebene der Organisationen und Institutionen und auf der Ebene der Leistungen – geeignet, soziale Exklusion zu verhindern und I. zu fördern? Daran wird deutlich, dass der produktive Gehalt des Begriffs I. in dem Changieren zwischen wissenschaftlicher Analyse und normativen Leitvorstellungen anzusiedeln ist.

Literatur

  • Bude, H./Willisch, A. (Hrsg.): Das Problem der Exklusion. Hamburg 2006

  • DIE: Trends der Weiterbildung. DIE-Trendanalyse 2008. Bielefeld 2008

  • Forneck, H.J./Wiesner, G./Zeuner, C. (Hrsg.): Teilhabe an der Erwachsenenbildung und gesellschaftliche Modernisierung. Dokumentation der Jahrestagung der Sektion EB der DGfE 2005. Report. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung, H. 1, 2006

  • Hinz, A.: Integration und Inklusion. In: Wüllenweber, E./Theunissen, G./Mühl, H. (Hrsg.): Pädagogik bei geistigen Behinderungen. Stuttgart 2006

  • Kronauer, M.: Inklusion – Exklusion: ein Klärungsversuch. Vortrag auf dem 10. Forum Weiterbildung des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung. Bonn, 8. Oktober 2007. URL: www.die-bonn.de/doks/kronauer 0701.pdf (Stand: 07.11.2009)

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt