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Peter Faulstich

Institutionen

Für die EB ist, bedingt durch ihre Entstehungsgeschichte, eine Vielzahl und Vielfalt von Trägern und Einrichtungen kennzeichnend. Das Spektrum reicht von der betrieblichen WB über kommerzielle Anbieter, die Einrichtungen der Arbeitgeber, der Gewerkschaften, der Kirchen und der Parteien, die → Volkshochschulen und Fachschulen bis zur WB an Berufsschulen und Hochschulen. Es ist ein Feld entstanden, in dem unabgeschlossene Institutionalisierung und gegenläufige Deinstitutionalisierung gleichzeitig stattfinden. Auch die Bearbeitung der Thematik I. in der → Erwachsenenbildungsforschung ist defizitär. Dies entspricht in gewisser Weise dem Entwicklungsniveau des Gegenstands, da die EB einen geringeren Institutionalisierungsgrad aufweist als andere Bereiche des Bildungswesens.

Nach der Entstehung der Arbeiterbildungsvereine Mitte des 19. Jh. sowie der „Gesellschaft für Verbreitung der Volksbildung“ von 1871 setzte eine Intensivierung des Institutionalisierungsprozesses erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ein – vor allem durch den „Gründungsboom“ von 174 Volkshochschulen 1919/20. Ein weiterer Expansionsprozess ist in der Bundesrepublik Deutschland besonders durch das „Gutachten des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen“ 1960 und dann durch die Empfehlungen des Strukturplans des Deutschen Bildungsrates 1970 und vor allem durch die Ländergesetze zur EB 1970 und 1974 ( → Weiterbildungsgesetze) angestoßen worden. Dies hat zu Anforderungen einer verstärkten Institutionalisierung geführt, wie sie sich in der Formel von der „vierten Säule“ des Bildungswesens niedergeschlagen haben. Entstanden ist ein hochgradig differenziertes Netz von I.

Gegenläufig ist eine Infragestellung des Stellenwerts von I. für die EB im Zusammenhang gesellschaftlicher Organisation von Aneignungsverhältnissen. Die veränderte Situation ist mit den Stichwörtern Ausbreitung, Zerstreuung und Entgrenzung gekennzeichnet worden. Zu einer ähnlichen Problematik führt die Unterscheidung zwischen institutionalisierter WB, Lernen am Arbeitsplatz, Lernen im sozialen Umfeld und selbstorganisiertem Lernen, welche das Gewicht organisierten Lernens relativiert. Damit verliert EB ihren exklusiven Ort und wird zurückverlagert in andere Funktionssysteme. Es ist also gleichzeitig ein Prozess der Deinstitutionalisierung zu verzeichnen.

Eine erhebliche Expansion der institutionalisierten WB erfolgte von den 1980er Jahren bis zur Jahrtausendwende. Dies spiegelte sich in der steigenden Quote der → Teilnahme (1979: 23 %, 1988: 35 %, 1997: 48 %) wider, die allerdings auch wieder rückläufig sein kann (2000: 43 %, 2003: 41 %).

Gleichzeitig findet eine Differenzierung und Pluralisierung des I.spektrums statt. Es schien lange Zeit, als sei die Entwicklung im Weiterbildungssystem getrennt in zwei deutlich abgrenzbare Stränge: die betriebliche WB ( → betriebliche Bildung) einerseits, die Angebote der Erwachsenenbildungsträger andererseits. Dieses klare Bild löste sich in den 1990er Jahren auf. Gleichzeitig mit dem belegbaren Bedeutungszuwachs und Wachstum von WB differenziert sich das I.system und wird instabil. Es verändern sich etablierte und es entstehen neue → Träger; auch verschiebt sich die Situation der betrieblichen WB in den Unternehmen gravierend, und es ergeben sich breite Überschneidungsbereiche.

Als wichtigste externe Anstöße wirken Diffusionsprozesse zwischen Bildungs- und Wirtschaftssystem. Die systemische Rationalisierung ergreift auch den Weiterbildungsbereich. Die betrieblichen Bildungsabteilungen werden reorganisiert, in Profitcenter umgewandelt, vom Outsourcing erfasst o.ä. Gleichzeitig werden öffentliche Weiteribildungseinrichtungen kommerzialisiert und sogar privatisiert. Der Institutionalisierungsprozess unterliegt also divergierenden Impulsen.

Die Einordnung der I.entwicklung erfordert zunächst einen Rückgriff auf die Systemebene. Das System der EB befindet sich in der Konsequenz ökonomischer Umbrüche gegenwärtig in einer Phase des Übergangs. Einerseits hat der Umfang der Aktivitäten ein Niveau erreicht, das sich in gestiegenen Teilnehmerzahlen, erweiterter Angebotsbreite und -vielfalt und in einer Vielzahl von I. niederschlägt. EB wird „besondert“ zu einem Partialbereich des Bildungssystems. Andererseits tendiert sie dazu, für aktuelle gesellschaftliche Aufgaben und besonders für ökonomische Interessen verstärkt in den Dienst genommen zu werden, und wird so Teil z.B. ökonomischer, sozialer oder politischer Sinnzusammenhänge (Zeuner 2006).

Die Grenzen des Systems werden zu allen Seiten hin ausgelotet. Diese besondere Entwicklungsstufe der EB wurde als „mittlere Systematisierung“ gekennzeichnet (Faulstich u.a. 1991). Damit werden unterschiedliche Aspekte der Erwachsenenbildungsentwicklung zusammengefasst. Dies sind langfristige Tendenzen, welche unter den Stichwörtern Professionalisierung, Curricularisierung und Institutionalisierung diskutiert werden. Innerhalb gesellschaftlicher Systeme kommt es zu internen Differenzierungen und Strukturierungen, die sich als spezifische I. ausprägen.

Der Begriff I. wird in der Diskussion in der EB meist unscharf gebraucht. Allgemein wird er verwendet, um Ordnungen von Handlungszusammenhängen zu bezeichnen. I. sind dann ein Typ sozialer Systeme, der durch relative Stabilität ausgezeichnet ist. Sie weisen eine „verfasste“ Gleichartigkeit und Regelmäßigkeit auf, die stabilisiert wird durch rechtliche Regelungen, organisatorische Strukturen, wertbegründete Normen und Kommunikationsstrukturen.

Ein solcher Begriff von I. umfasst sowohl die traditionellen Erwachsenenbildungsträger als auch die betrieblichen Personal- und Bildungsabteilungen sowie die in den letzten Jahren vermehrt entstandenen Weiterbildungsunternehmen. Dabei wird deutlich, dass divergierende Entwicklungen in einzelnen Systemsegmenten stattfinden, welche nur dann zu fassen sind, wenn man verschiedene I.typen genauer betrachtet, gleichzeitig aber den Gesamtzusammenhang berücksichtigt.

Auf der Grundlage unterschiedlicher Konzepte und Traditionen von EB ist eine Landschaft von I. entstanden, welche jeweilige Partialfunktionen übernehmen. Für das Gefüge der EB ist darüber hinaus eine „institutionelle Staffelung“ (Tietgens 1984) kennzeichnend. Es ist zu unterscheiden zwischen der Durchführung ( → Einrichtungen) und der Entscheidungs-, Finanzierungs- und Rechtszuständigkeit (Träger).

Eine für die Entwicklungsdynamik des Weiterbildungssystems entscheidende Konstellation ist die Einordnung der I. bezüglich Trägerschaft im Spannungsfeld von Staat und Unternehmen. Übersetzt auf die wirkenden Regulationsmechanismen von Macht und Geld erhalten die I. unterschiedliche Ausprägungen vor allem auf den Dimensionen Integration vs. Konkurrenz bzw. staatliche oder im weiteren Sinne → öffentliche Verantwortung vs. Marktorientierung. Dabei geht es für konkrete I. nicht um die Besetzung der extremen Pole, sondern um spezifische Ausprägungen auf dieser Dimension.

Während in Deutschland das Schul- und Hochschulwesen grundsätzlich staatlich bzw. kommunal organisiert ist, findet sich in der EB immer schon ein institutioneller → Pluralismus. Neben öffentlichen Trägern stehen z.B. die kirchlichen Einrichtungen, die → gewerkschaftliche Bildungsarbeit oder die betriebliche WB der Unternehmen. Hintergrund dafür ist, dass sich in modernen Demokratien zwischen die Privatpersonen und den Staat eine Vielzahl von Interessenorganisationen mit sehr unterschiedlichen Zielen, Macht- und Einflussmöglichkeiten schiebt, wobei allerdings nicht übersehen werden kann, dass die Machtgruppen durchaus unterschiedliche Gewichte erhalten. Insofern konzentriert sich, obwohl mehrere tausend I. existieren, die Relevanz auf einige wichtige Träger der EB.

Die Position der EB zwischen Staat, Interessenorganisationen und privaten Unternehmen liefert das spezifische Profil der jeweiligen I. der EB: Es gibt Träger und Einrichtungen, die sich hauptsächlich an einem öffentlichen Auftrag orientieren. Eine zweite Hauptgruppe nimmt partikulare Funktionen für gesellschaftliche Großgruppen wahr. Eine dritte Hauptgruppe sind kommerzielle Unternehmen, die WB verkaufen. Die vierte Hauptgruppe stellt die betriebliche WB der Unternehmen selbst dar.

Wichtig ist dabei, das gesamte Spektrum und seine Interdependenzen im Auge zu behalten. Zwischen den vier I.segmenten entstehen verstärkt Überschneidungsbereiche: „Öffentliche“, aber auch „partikulare“ Träger kommerzialisieren sich, betriebliche Weiterbildungsabteilungen werden selbstständige Rechtsträger, Weiterbildungsunternehmen gehen vielfältige Geschäftsbeziehungen mit den anderen Bereichen ein. In diesem Spektrum sind die Einrichtungen der EB hinsichtlich ihrer Trägerschaft zu verorten:

  • Staat/öffentlich: Volkshochschulen, Fachschulen,

  • Interessenorganisationen/partikular: Einrichtungen von Parteien und Stiftungen, Interessengruppen, Konfessionen, Wirtschaftsverbänden; Gewerkschaften,

  • Unternehmen/privat: betriebliche Bildungsabteilungen, Weiterbildungsunternehmen.

Im Rahmen des unabgeschlossenen Institutionalisierungsprozesses – der „mittleren Systematisierung“ – erhält die Erwachsenenbildungslandschaft eine eigene Dynamik, bei der es regional zu unterschiedlichen Ausprägungen kommt. Es kann folglich von einem einem permanenten Transformationsprozess gesprochen werden.

Literatur

  • Faulstich, P./Teichler, U./Döring, O.: Bestand und Entwicklungsrichtungen der Weiterbildung in Schleswig-Holstein. Weinheim 1996

  • Faulstich, P. u.a.: Bestand und Perspektiven der Weiterbildung. Das Beispiel Hessen. Weinheim 1991

  • Faulstich, P./Zeuner, C:. Erwachsenenbildung. Eine handlungsorientierte Einführung in Theorie, Didaktik und Adressaten. 2. Aufl. Weinheim 2006

  • Kuwan, H. u.a.: Berichtssystem Weiterbildung IX. Integrierter Gesamtbericht zur Weiterbildungssituation in Deutschland. Durchgeführt im Auftrag des BMBF. Berlin/Bonn 2006

  • Tietgens, H.: Institutionelle Aspekte der Erwachsenenbildung. In: Schmitz, E./Tietgens, H. (Hrsg.): Erwachsenenbildung. Enzyklopädie Erziehungswissenschaft, Bd. 11. Stuttgart 1984

  • Wirth, I.: Fragen und Probleme der Institutionalisierung der Erwachsenenbildung. In: Blaß, J. L. u.a. (Hrsg.): Bildungstradition und moderne Gesellschaft. Hannover 1978

  • Zeuner. C.: Zwischen Widerstand und Anpassung: Perspektiven von Erwachsenenbildungseinrichtungen im Prozess der Modernisierung. In: Ludwig, J./Zeuner, C. (Hrsg.): Erwachsenenbildung im Zeitraum 1990-2006-2022. Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Weinheim 2006

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt