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Jörg Wollenberg

Arbeiterbildung

A. ist ein Produkt der „deutschen Doppelrevolution“ (Wehler 1995): der erfolgreichen industriellen Revolution der vierziger Jahre des 19. Jh. und der gescheiterten politischen Revolution von 1848/49. A. bleibt von Anfang an verknüpft mit der Entstehung und dem Wandel des Industriekapitalismus im Verfassungsstaat. Risse und Bruchstellen der modernen, kapitalistisch verfassten Gesellschaft wirken sich unmittelbar auf die A. aus. Dies spiegelt sich wider in der durch den Faschismus in die Krise geratenen Moderne ebenso wie in den gesellschaftlichen Zukunftsfragen seit den 1970er Jahren. „Was muss geschehen, wenn angesichts der Dynamik der technisch organisierten Arbeitsproduktivität der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht?“, formulierte Gorz schon 1980. Dies spiegelt sich ebenso wider in der aktuellen Diskussion über die Rolle der Erziehung in der neoliberalen Gesellschaft, die angesichts der Privatisierung von Bildung durch die Schaffung eines Bildungsmonopols für Bildungskonzerne in eine neue Dimension tritt. Diese Entwicklungen haben dazu beigetragen, dass A. als „Veredelung des Arbeiters“ schon lange den traditionell hohen Stellenwert verloren hat – in der proletarisch-sozialistischen A. ebenso wie in der christlichen oder der bürgerlichen Variante.

Im „Handwörterbuch der Arbeitswissenschaften“ (Leipart/Erdmann) von 1928 gehen zwei führende Repräsentanten der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie, Theodor Leipart und Lothar Erdmann, noch davon aus, dass A. innerhalb der Gesamtheit der Erziehungsaufgaben nur dann erschöpfend gewürdigt werden könne, wenn der Begriff den Bereich der Elementarbildung, der → Allgemeinbildung und der → beruflichen Weiterbildung in den Berufs- und Fachschulen mit einbezieht und nicht nur die von den Parteien und Gewerkschaften ( → gewerkschaftliche Bildungsarbeit) geschaffenen Bildungseinrichtungen und → Angebote berücksichtigt. Damit erinnern sie an die bedeutende Rolle, die Arbeiterbildungsvereine seit Mitte des 19. Jh. als Vorläufer der Arbeiterbewegung wahrgenommen haben. Denn die von bürgerlichen Vertretern initiierten Industrieschulen und Bildungsvereine für Handwerker und Arbeiter/innen postulierten erstmals ein „Bürgerrecht auf Bildung“ auch für Benachteiligte. Dieser Form der „Persönlichkeitsbildung“ ging es um Verbesserung der Elementarbildung – einschließlich handwerklicher Grundqualifikationen. Das Ziel der einflussreichen liberalen Sozialreformer um den „Verein für Sozialpolitik“ blieb es, die soziale und kulturelle Integration der Arbeiterschaft in die bürgerliche Gesellschaft durch → Bildung zu befördern. Dem diente auch die Gründung der „Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung“ von 1871 als Vorläufer der → Volkshochschulen. Daneben entstanden seit 1868 die von der erstarkenden Sozialdemokratie unter August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründeten Arbeiterbildungsvereine. Sie rezipierten die marxistische Theoriebildung und zielten darauf ab, mithilfe der Aufklärungsarbeit und Wissensaneignung Arbeiter/innen zu befähigen, den politischen Kampf um eine andere, gerechtere Gesellschaftsordnung erfolgreich zu bestehen. Beide aufklärerisch orientierten Grundhaltungen wirken zusammen mit der integrativ ausgerichteten christlichen A. bis heute nach, wenn auch abgeschwächt und durch zahlreiche staatliche Reformvorhaben quantitativ und inhaltlich reduziert.

Die öffentliche Anerkennung der A. hat nach 1918 und erneut nach 1945 zu einer Integration der verschiedenen Ebenen in das staatlich regulierte Bildungssystem geführt. Die damit verbundene Zersplitterung erschwert die Präzisierung der Aufgaben von A. heute. Die Auflösungsprozesse sind zugleich auf grundsätzliche Veränderungen der kapitalistischen Risikogesellschaft ( → Gesellschaft) wie auf neue Aufgabenfelder der Arbeiterbewegung zurückzuführen. Mit der zunehmenden Integration der Arbeiterorganisationen in Staat und Gesellschaft setzten sich tarifvertragliche und gesetzliche Regelungen durch, die im 1920 verabschiedeten Betriebsrätegesetz ihren ersten prägnanten Ausdruck fanden und den Aspekt einer an organisationspolitischen Zwecken ausgerichteten Funktionärsschulung in den Gewerkschaften nach der Verabschiedung des Betriebsverfassungsgesetzes von 1952 dominant werden ließen.

Diese Verengung der Bildungsarbeit auf das Funktionieren der Funktionsträger reduziert Bildung auf → Qualifikation und Verwertbarkeit. Interessenorientierte → politische Bildung beschränkt sich in Umbruchphasen vielfach auf Sozialmanagementkonzepte und Moderatorenkompetenz ( → Moderation). Interaktive Lernprozesse dominieren heute. Diese neigen dazu, den Widerspruch von pädagogischer Vermittlung und gesellschaftlicher Wirklichkeit zu übersehen. Dieses Problem regte H. J. Heydorn an, auf „kollektive Mündigkeit“ zu setzen und → Teilnehmerorientierung nicht mit Organisationsinteressen zu verwechseln (Heydorn 1980). Gerade in Zeiten, in denen der Wettbewerbskorporatismus dazu tendiert, die Ökonomisierung der Bildungsarbeit voranzutreiben, ist eine emanzipatorische politische A. gefordert, ein Gegenwissen als Gegenwehr zu entfalten. Sie plädiert für die Erneuerung von A. als „Gesinnungswandel“ – in Anknüpfung an die fortschrittlichen reformpädagogischen Ansätze aus den Kreisen der Arbeiterbewegung um Rosa Luxemburg, Minna Specht und Anna Siemsen. Und sie tritt für eine vermittelnde Verflechtung von Politik, Ökonomie, Pädagogik und Philosophie ein. Das setzt unter den Bedingungen der Globalisierung in der bestehenden neoliberalen Gesellschaft voraus, an die Tradition der parteiunabhängigen, linkspluralistischen und radikaldemokratischen A. anzuknüpfen, in den eigenen Reihen die Stellvertreterpolitik abzubauen und die direkte Beteiligung wie auch die Übernahme von Verantwortung mit grenzüberschreitenden Begegnungen zu fördern.

Literatur

  • Adler, M.: Die Aufgaben marxistischer Arbeiterbildung. Dresden 1926

  • Feidel-Mertz, H.: Zur Ideologie der Arbeiterbildung. Frankfurt a.M. 1972

  • Gorz, A.: Abschied vom Proletariat. Frankfurt a.M. 1980

  • Heydorn, H.J.: Bildungstheoretische Schriften, Bde. I–III. Frankfurt a.M. 1980

  • Leipart, T./Erdmann. L.: Handwörterbuch der Arbeitswissenschaften. 1928

  • Negt, O.: Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen. Zur Theorie der Arbeiterbildung. Frankfurt a.M. 1968

  • Wehler, H.-U.: Von der Deutschen Doppelrevolution bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849-1914. München 1995

  • Wollenberg, J.: Arbeiterbildung. Haupttendenzen der Bildungsarbeit in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Fernuniversität Hagen 1983

  • Wunderer, H.: Arbeitervereine und Arbeiterparteien. Kultur- und Massenorganisationen in der Arbeiterbewegung (1890-1933). Frankfurt a.M. 1980

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt