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Ekkehard Nuissl

Internationale Erwachsenenbildung

Internationalität bedeutet, dass ein Gegenstand oder Sachverhalt über nationale Grenzen hinaus thematisiert, entwickelt oder beeinflusst wird. I.EB folgte zeitlich und systematisch dem Entstehen nationaler Strukturen von EB. Diese ist erst nach dem Zeitalter der → Aufklärung, in gesellschaftlichen Strukturen erst seit Mitte des 19. Jh. in den europäischen Nationen erkennbar. Eng verflochten mit gesellschaftlichen Entwicklungen wuchs die jeweilige nationale Bedeutung von Volksbildung und EB. Über die nationalen Grenzen hinweg lassen sich dabei Einflüsse feststellen (etwa des Grundtvig-Modells in der nordeuropäischen EB oder des englischen „Open-university“-Konzepts insb. auch in Deutschland), und es fanden bi- und trinationale Kooperationen statt.

Im eigentlichen Sinne strukturiert wurde die i.EB erst im Jahre 1919, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, als in England, veranlasst von A. Mansbridge, die „World Association for Adult Education“ (WAAE) gegründet wurde. In dieser Organisation war angestrebt, einen regelmäßigen Informationsdienst (Bulletin) und ein Informationsbüro einzurichten, womit bereits wesentliche Ziele i.EB definiert sind: Forschung, Dokumentation, Erfahrungsaustausch. Die deutsche EB arbeitete bereits in den 1920er Jahren in der WAAE mit, hatte einen „deutschen Arbeitsausschuss“ gegründet. Namen von Erwachsenenbildnern dieser Zeit wie W. Hofmann, W. Koch, W. Flitner, W. Picht und R. v. Erdberg sind damit verbunden.

Historisch denkwürdig in der i.EB ist die erste Weltkonferenz, die 1929 in Cambridge stattfand. Ihr voran ging ein Arbeitstreffen in Oberhof 1928, mit dem erstmals auch in Deutschland ein international zusammengesetztes Forum der EB stattfand. Diskutiert wurden nicht mehr nur organisatorische, sondern auch inhaltliche Fragen (Knoll 1996).

Mit der Behandlung auch inhaltlicher Fragen erweiterte sich das Spektrum gemeinsamer Zielvorstellungen einer i.EB. Interkulturelle Verständigung und der Versuch, EB länderübergreifend dem Ziel einer humanen Gesellschaft zu verpflichten, ergaben intensive Diskussionen zu → Arbeiterbildung, Teilnahmestrukturen und gesellschaftlicher Funktion von EB. Allerdings zeigte sich auch – und dieses Problem besteht nach wie vor – die Schwierigkeit, gerade EB, die eng mit den jeweiligen gesellschaftlichen Strukturen und Prozessen verbunden ist, international vergleichbar und übergreifend zu gestalten: Ein zu unsensibles Verständnis traditionell geprägter Unterschiede beispielsweise kann die internationale Zusammenarbeit nach Knoll (1996) beeinträchtigen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die UNESCO die Rolle der WAAE. Sie berief bereits 1959 (in Helsingör) eine Weltkonferenz der EB ein (CONFINTEA), der weitere vier Konferenzen folgten (1960 Helsinki, 1972 Tokio, 1985 Paris, 1997 Hamburg). Die jüngste – Ende 2009 in Belém (Brasilien) – thematisierte insbesondere die Grundbildung im globalen Kontext.

Neben der UNESCO wird die internationale EB vorangetrieben von der OECD, einem Zusammenschluss der dreißig entwickelten Industriestaaten, mit ihrem „Education Committee“ und dem CERI in Paris. Sie organisiert aktuell mit „PIAAC“ einen internationalen Vergleich der Kompetenzen Erwachsener.

Neben OECD und UNESCO, die beide staatlich getragen sind, existieren nicht-staatliche internationale Organisationen der EB. Die wichtigste von ihnen ist der → International Council for Adult Education (ICAE), eine übergreifende Organisation von bereits auf nationaler und internationaler Ebene bestehenden Dachorganisationen. Ergänzt werden diese Organisationen durch jeweils kontinentale internationale Zusammenschlüsse, wie sie etwa in der EU bereits differenziert bestehen ( → Europäische Erwachsenenbildung).

Die internationale Diskussion zur EB, getragen von diesen Organisationen, konzentriert sich vor allem auf Konzepte des → Lebenslangen Lernens und des Erwerbs von Grundbildung in einer möglichst humanistisch orientierten Gesellschaft. Wesentliche Dokumente dabei sind der „Faure-Report“ zum lebenslangen Lernen (Paris 1972) und der Bericht der Delors-Kommission, der 1995 in Paris vorgelegt wurde. In gewisser Weise gehört dazu auch der Bericht des Club of Rome aus dem Jahre 1979, in dem Konzepte antizipatorischen Lernens entwickelt und in ihrer internationalen und „globalen“ Bedeutung begründet werden.

Der „Faure-Report“ definiert lebenslange Bildung als Mittel und Ausdruck einer wechselseitigen Beziehung der Formen, Ergebnisse und Elemente von Bildung. EB wird zwar explizit nur wenig thematisiert, ist jedoch implizit in der Unabgeschlossenheit schulischen Lernens und der Mobilität vertikaler und horizontaler Anpassungs- und Ausschließprozesse enthalten. Insgesamt definiert der Report die technologische Zukunft als einen Motor der lebenslangen Bildung und Erziehung. Und er führt aus: „The normal culmination of the education process is adult education“ (Faure-Report 1972).

Auch im „Bericht des Club of Rome“ aus dem Jahre 1979 wird EB explizit nicht in den Mittelpunkt gestellt. Sie ist jedoch der Kern der Gedanken des Club of Rome, innovative, lebensbegleitende und an menschlichen Zielen des ökologischen Lernens orientierte Aktivitäten zu unterstützen und auszubauen.

Wesentlich deutlicher thematisiert die Delors-Kommission in ihrem Bericht „Erziehung für das 21. Jahrhundert“ die EB. Die Kommission stellt Bildung in den Kontext der Probleme von Bevölkerung, Umwelt, Beschäftigung, Globalisierung, Rassismus, Arbeitsmarkt- und Berufsstrukturen und weist insb. der EB hierbei jeweils die spezifischen Funktionen zu, Erfahrungen, soziales Leben, gemeinschaftliches Verständnis und Gestaltung der Zukunft sicherzustellen. Hingewiesen wird auch auf die Notwendigkeit der Verbindung von → Jugendbildung und EB auf der Basis eines Konzepts, das weniger lebenslange Bildung als vielmehr lebenslanges Lernen betont.

I.EB wird heute vielfach im Kontext von Globalisierung gesehen. Bildungsprojekte dienen der Entwicklung großer Regionen in der Welt: Afrika, Südamerika, Südosteuropa. Inhaltlich geht es dabei nicht nur um die Entwicklung dieser Regionen, sondern auch um diejenigen Fragen, die global interessieren: Ökologie, Humanität und Menschenrechte, Genderfragen, Armut und Weltmärkte. Die Frage der „Inklusion“ wird nicht nur im Kontext der Europäischen Union diskutiert, sondern global als eine der Ziele und Aufgaben von Erwachsenenbildung. Mithilfe der i.EB soll eine vernetzte, humane Weltgesellschaft entstehen, die sich als lernende Gesellschaft versteht und der sozialen Gerechtigkeit und dem Gemeinwohl verpflichtet fühlt. Zu diesem Ziel i.EB tragen nicht nur internationale Weiterbildungsorganisationen und staatliche Stellen bei, sondern auch etwa die Weltbank (z.B. UNESCO 2007).

Im Bereich der Forschung zur EB bedeutet Internationalität insb. die vergleichende Erwachsenenbildungsforschung, die gelegentlich als „Teildisziplin“ der Wissenschaft von der EB bezeichnet wird. Ihr Forschungsgebiet liegt analog zur vergleichenden erziehungswissenschaftlichen Forschung vor allem in der Untersuchung der Unterschiede der Ziele, Strukturen, Methoden, Voraussetzungen und Konzeptionen von EB. Die besonderen Schwierigkeiten ergeben sich hier darin, dass EB enger mit gesellschaftlichen Strukturen verbunden ist als andere, bereits stärker institutionalisierte Bildungsbereiche.

Die Probleme i.EB liegen vor allem in der Schwierigkeit, die gemeinsamen Ziele in unterschiedlich entwickelten Ländern zu finden, kaum vergleichbare Strukturen aufeinander zu beziehen und zu akzeptieren sowie gemeinsame Probleme zu finden und zu lösen. Insb. das Sprachproblem zeigt sich in der i.EB darin, dass die Bedeutungen auch von gleichlautenden Begriffen des gleichen Wortstamms je nach den nationalen Kontexten, in denen sie benutzt werden, unterschiedlich sind. Trotz des großen staatlichen Engagements in Fragen der EB zeigt sich auch ein Problem in der Umsetzung und im Transfer der Diskussionen für eine zukünftige Gestaltung dieses Bildungsbereichs.

Literatur

  • BMBF (Hrsg.): Leben und Lernen für eine lebenswerte Zukunft – die Kraft der Erwachsenenbildung. Confintea VI-Bericht Deutschland. Bonn/Berlin 2000

  • Faure, E. u.a.: Learning to be. The world of education today and tomorrow. Paris 1972

  • Henry, M. u.a.: The OECD. Globalization and Educational Policy. Oxford 2001

  • Hovenberg, H.: TERMINTEA. Glossary an Adult Education. Linköping 1998

  • Knoll, J. H.: Internationale Weiterbildung und Erwachsenenbildung. Darmstadt 1996

  • Schemmann, M.: Combatting Exclusion through Adult Education as a Policy Goal of International Organisations. In: Journal of Adult & Continuing Education, H. 7, 2004

  • Schemmann, M.: Internationale Weiterbildungspolitik und Globalisierung, Bielefeld 2007

  • Titmus, C. (Hrsg.): Lifelong Learning for Adults. An International Handbook. Oxford 1989 – UNESCO (Hrsg.): Hamburger Deklaration zum Lernen im Erwachsenenalter. Hamburg 1998

  • UNESCO (Hrsg.): Education for All (EFA). Global Action Plan: improving support to countries in achieving the EFA Goals. Paris 2007

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt