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Sigrid Nolda

Interpretatives Paradigma

Mit der Hinwendung zur soziologischen Richtung des → symbolischen Interaktionismus hat die EB in den 1970er Jahren versucht, die prinzipielle Deutungsabhängigkeit der Wirklichkeit für die Erforschung des Lehrens und Lernens Erwachsenen inner- und außerhalb von Institutionen zu nutzen.

Der Begriff des i.P. ist von Thomas P. Wilson verwendet worden, um den spezifischen Zugang des symbolischen Interaktionismus in Abgrenzung zu Ansätzen zu kennzeichnen, die er dem sog. „normativen Paradigma“ zugeordnet hat. Diese Ansätze gehen davon aus, dass Menschen Situationen und Handlungen in der gleichen Weise definieren. Sie tun dies als Mitglieder einer Gesellschaft, die von einem verbindlichen System von Symbolen und Bedeutungen bestimmt wird. Handelnde sind demnach mit bestimmten erworbenen Dispositionen ausgestattet und mit bestimmten Rollenerwartungen konfrontiert. Dispositionen sind Regeln, die von Handelnden erlernt oder übernommen werden, Erwartungen sind Regeln, die in einem sozialen System institutionalisiert wurden.

Fasst man demgegenüber Interaktion als interpretativen Prozess auf, so geht es nicht um die Ausführung einer Rolle, sondern darum, dass die Beteiligten ihre Handlungen aufeinander beziehen und abstimmen. Ein solcher Prozess folgt keinem vorgegebenen Schema, sondern besteht in wechselseitigen Redefinitionen von Handlungen und Situationen. Um Realität zu erkennen, müssen deshalb die Interpretationen der Handelnden ermittelt werden. Der Deutungsleistung der im Alltag Handelnden entspricht die rekonstruierende Deutungsleistung von Forschenden.

Die auf dieser Grundlage entwickelten Methoden der qualitativen Sozialforschung wie teilnehmende Beobachtung, Gruppendiskussionen, (narrative) Interviews sowie die Analyse von Dokumenten und Interaktionsprotokollen sind von der → Erwachsenenbildungswissenschaft für ihre Zwecke genutzt worden: vor allem für die Analyse von Kursen, die Erschließung der → Lebenswelten von Adressaten und → Teilnehmenden und für die Sicht der professionell in der EB und in Organisationen Tätigen. Eine besondere Rolle spielt dabei die Biographieforschung ( → Biographie), während ethnographische Forschungen von erwachsenenpädagogisch relevanten Lebenswelten bisher eher rar sind. Schließlich sind es vor allem Texte (vorgefundene oder erhobene), die untersucht werden, während visuelle Materialien kaum behandelt werden.

Theoretische Bezugspunkte sind neben dem symbolischen Interaktionismus vor allem der → Deutungsmusteransatz und der → Konstruktivismus. Mit dem Zurückdrängen des symbolischen Interaktionismus wird mittlerweile eher von qualitativer (im Gegensatz zu quantitativ ausgerichteter) Erwachsenenbildungsforschung gesprochen und auf den Gegensatz zwischen interpretierend-sinnverstehenden vs. abbildend-beschreibenden und messenden Verfahren abgehoben.

Eine besonderer Anwendung des i.P. kann in seiner expliziten didaktischen Nutzung gesehen werden: in Veranstaltungen der EB, in denen explizites Deutungslernen befördert wird (Schüssler 2000) sowie in Interpretationswerkstätten, in denen Dokumente aus der Praxis der EB im Hinblick auf ihre verschiedenen Lesarten analysiert werden (Arnold u.a. 1998). Diese Verwendung macht sich die von Tietgens vertretenen Auffassung einer Strukturhomologie zunutze, wonach der interpretative Ansatz der EB insofern in besonderer Weise adäquat ist, als die Probleme der EB selbst solche der Situationsinterpretation sind.

Nachdem der Beitrag, den das i.P. für die Etablierung der lebensweltorientierten Erwachsenenbildungsforschung gespielt hat, anerkannt worden ist, scheinen – in Übereinstimmungen mit Tendenzen in der Soziologie und der allgemeinen Erziehungswissenschaft (Fuhs 2007) – die kämpferische Gegenüberstellung von sinnverstehenden und messenden Verfahren und die jeweilige pauschale Unterordnung unter ein Paradigma zunehmend zugunsten einer pragmatischen Verbindung der Vorteile beider Ansätze zurückzutreten.

Literatur

  • Arnold, R. u.a.: Lehren und Lernen im Modus der Auslegung. Erwachsenenbildung zwischen Wissensvermittlung, Deutungslernen und Aneignung. Baltmannsweiler 1998

  • Fuhs, B.: Qualitative Methoden in der Erziehungswissenschaft. Darmstadt 2007

  • Schüssler, I.: Deutungslernen. Eine explorative Studie zum Deutungslernen in der Erwachsenenbildung. Baltmannsweiler 2000

  • Tietgens, H.: Die Erwachsenenbildung. München 1981

  • Wilson, T.P.: Theorien der Interaktion und Modelle soziologischer Erklärung. In: Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hrsg.): Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit, Bd. 1. Reinbek 1973

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt