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Wolfgang Müller-Commichau

Jüdische Erwachsenenbildung

Themen und Adressaten lassen sich als Differenzbegriffe für die Unterscheidung jüdischer von nicht-jüdischer EB bestimmen: J. Themen ergeben sich aus den Wissenskomplexen, die sich mit j. Religion, j. Kultur und Geschichte überschreiben lassen. Adressaten j.EB sind j. Lerner, darüber hinaus aber immer mehr auch nicht-j. Erwachsene. Differenzstiftend für j.EB wirkt darüber hinaus, dass sie auch dann eine spezifische Botschaft, nämlich die Herausbildung bzw. Wahrung einer kollektiven Identität, für ihre j. Adressaten enthält, wenn sie sich nicht ausschließlich an j. Lerner wendet. J.EB lässt sich von daher definieren als organisiertes Lehren und Lernen von j. Erwachsenen zu j. Themen für j. und nicht-j. Erwachsene.

J.EB fand über Jahrhunderte hinweg in den sog. „Schil“ bzw. Lehrhäusern statt, die oft ein Teil der Synagoge waren. Als sich das assimilierte deutsche Judentum dem Wissen der Vorfahren mehr und mehr zu entfremden drohte, gründete 1920 in Frankfurt am Main Franz Rosenzweig das Freie Jüdische Lehrhaus, das erheblichen Einfluss auf vergleichbare Einrichtungen im In- und Ausland hatte (und bis in die Gegenwart hinein hat). Rosenzweig machte aus der Not eine Tugend, indem er die mittlerweile weit verbreitete Distanz gegenüber j. Wissen nutzte, interessiertes Fragen zu provozieren. Lerner wurden zu Lehrern, die beim Unterrichten ihren eigenen Prozess der Aneignung von Wissen vor den Zuhörern rekonstruierten.

Martin Buber, neben Rosenzweig Gründungsmitglied des Frankfurter Freien Jüdischen Lehrhauses, initiierte 1933 die „Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung“, deren zentrale Aufgaben darin bestanden, j. Menschen angesichts der Bedrohungen durch den nationalsozialistischen Repressionsapparat zu stabilisieren und sie auf die sprachlichen und beruflichen Herausforderungen der Emigrationsländer vorzubereiten. Mit der Emigration Bubers nach Palästina wurde die „Mittelstelle“ aufgelöst.

Im Deutschland nach der Schoa sind (rudimentäre) Formen j.EB erst wieder in den 1960er Jahren erkennbar, als in (West-)Berlin eine j. Volkshochschule gegründet wurde. Jahrelang von Überalterung und Substanzverlust bedroht, hat sich seit Beginn der 1990er Jahre durch den Zuzug Zehntausender Kontingentflüchtlinge vor allem aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion neues Leben in den Gemeinden entwickelt. Da es sich bei den neuen Gemeindemitgliedern oft bis zu 90 % um Menschen handelt, die in ihren Heimatländern Judentum zwar als zentralen Teil ihrer Identät verstanden, als Religion aber nicht leben durften, besteht ihnen gegenüber j.EB heute vornehmlich in der Vermittlung religiösen Wissens.

Für das Judentum ist → Lernen ein lebenslanger Prozess, durch keine Prüfung und kein Zertifikat beendbar, insofern auch die Unterscheidung zwischen Jugend- und Erwachsenenbildung eher eine akademische Konstruktion. Der j. Mensch lernt nie aus, deshalb ist für ihn Lernen endlos. Die Notwendigkeit aber, Lehren in einer adressatenbezogenen, d.h auch altersangemessenen Weise zu betreiben, macht die Trennung sinnvoll.

Die zentralen Themen j.EB sind identisch mit den großen Themen j. Denkens: Assimilation und Identität, Laizismus und Frömmigkeit, Diaspora und Zionismus. Traditionell j. Lernen stellt immer auch die Frage nach der Haltung des Lerners gegenüber dem jeweiligen Lernstoff, das gilt für religiöse wie für säkulare Wissensfelder. Damit wird der Prozess der Aneignung von Wissen jeweils begleitet von dem Versuch, sich selbst zu verstehen und raum-zeitlich zu verorten. Als Lernform von besonderer Bedeutung ist dabei die sog. Chawruta, ein Lernen in Paaren, das dadurch gekennzeichnet ist, dass die beiden einander gleichberechtigten Lerner wechselweise zum Lehrer des jeweils anderen werden, dann aber in die Rolle des Lerners zurückkehren.

J.EB weiß über ihre Gegenwart bislang nur wenig Systematisches. Hier liegen erst vereinzelte Forschungsergebnisse vor. Für den deutschsprachigen Raum ist die Erforschung folgender Fragen bedeutsam: Welche Gruppen nehmen mit welchen Motiven an j.EB teil? Welche Gruppen sind unterrepräsentiert und warum? Aus welchen Berufen kommen die Lehrenden in der j.EB? Welche Lehr-Lernformen werden von ihnen bevorzugt? Wie sehen Lehrende, wie Lernende die Perspektiven j.EB?

Literatur

  • Müller-Commichau, W.: Jüdische Erwachsenenbildung im heutigen Deutschland. Köln 1998

  • Schuster, D.T.: Jewish Lives, Jewish Learning. Adult jewish learning in theory and practice. New York 2003

  • Simon, E.: Aufbau im Untergang. Jüdische Erwachsenenbildung im nationalsozialistischen Deutschland. Tübingen 1959

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt