Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

Das Wörterbuch Erwachsenenbildung bündelt das gegenwärtige Wissen über Erwachsenenbildung. Es enthält über 300 Stichworte zu den Themenfeldern Didaktik und Methodik, Forschung und Wissenschaft, Geschichte und Entwicklung, Lernen und Erfahrung, Organisation und Profession, Politik und Recht sowie Theorien und Konzepte. Alle Artikel wurden von ausgewiesenen Fachleuten nach dem neuesten Stand der Diskussion verfasst. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Wörterbuch erfahren

Suchvorschläge:

Aufklapper schließen

Rolf Arnold & Ingeborg Schüßler

Lebendiges Lernen

L.L., ursprünglich „Themenzentrierte Interaktion” (TZI) genannt, versteht sich als ganzheitliches Lernen und ist aus gruppentherapeutischen Verfahren hervorgegangen. Bekannt geworden ist das Konzept vor allem durch die Arbeiten der Psychotherapeutin Ruth Cohn und das u.a. von ihr gegründete WILL-Institut (Workshop Institutes for Living Learning). Das Konzept ist aufgrund seiner axiomatischen Grundaussagen, Postulate, Hilfsregeln und methodischen Hinweise sehr praxisorientiert. Während die Axiome eine humanistische Grundhaltung des Pädagogen beschreiben, geben die beiden Postulate („Sei deine eigene Chairperson” und „Störungen haben Vorrang”) bereits konkrete Hinweise für die Lernprozessgestaltung, in der die Selbstbestimmung und die Bedürfnisse des Lernenden geachtet werden. Das Modell der TZI versucht, Lernprozesse in ihrer ganzen Komplexität zu betrachten und weist auf vier Faktoren hin, die in einer Gruppeninteraktion ( → Gruppe) zum Tragen kommen: das „Ich“ (die Person und ihre Anliegen), das „Wir“ (die Gruppe und ihre Interessen), das „Es“ (das Thema oder die gemeinsame Aufgabe) und der „Globe“ (dieser repräsentiert das Umfeld der Gruppe, d.h. deren situative, soziale, natürliche Gegenwartsumgebung inklusive der Bedingtheiten durch Vergangenheits- und Zukunftsaspekte). Diese Faktoren sollten in einem Lehr-Lernprozess in einer „dynamischen Balance“ gehalten werden. TZI möchte durch die Gleichgewichtigkeit von Sach- und Beziehungsebene eine Situation des lebendigen Miteinander-Lernens ermöglichen, in der die Lernenden sowohl in ihren kognitiv-rationalen als auch in ihren emotional-sozialen Fähigkeiten ernst genommen werden. Dieser Ansatz „rüttelt“ somit an der Dominanz des Fachlichen und zeigt auf, dass ein nachhaltiges und l.L. nur dann zustande kommen kann, wenn die Lernenden mit ihrer Person und ihren Bedürfnissen am Lernprozess beteiligt werden und eine im Sinne eines expansiven Lernens persönliche Beziehung zum Lerngegenstand herstellen können. L.L korrespondiert daher mit einem dialogischen und ermöglichungsdidaktischen Lehrstil ( → Ermöglichungsdidaktik).

Die historischen Wurzeln des Bemühens um ein lebendige(re)s Lernen reichen weit in die pädagogische Tradition zurück. So war z.B. auch bereits die Reformpädagogik zu Beginn des 20. Jh. darum bemüht, die Einseitigkeiten einer verkopften „Buchschule“ zu überwinden und durch Formen einer lebendigen → Lernkultur zu ersetzen. Die Lernenden sollten nicht länger mit totem Wissen konfrontiert werden, das ihnen in einer verfestigten Lerner-Rolle „vermittelt“ wird, sondern sich ihre Umwelt vielmehr selbsttätig und aktiv aneignen dürfen (Gaudig 1969). Dafür wurde die traditionelle Perspektive gewissermaßen auf den Kopf gestellt: Es waren nicht länger (nur) die Anforderungen der überlieferten Kultur und der aktuellen → Gesellschaft, die für eine Begründung des „Was“ und des „Wie“ des Lernens zu Rate gezogen wurden; ausgegangen wurde vielmehr vom Lernenden selbst. Seine Aneignung ( → Aneignung – Vermittlung) von Umwelt war der Fokus. Gefragt wurde nicht mehr nach dem Gelingen der „Weitergabe von Kultur“, sondern nach dem Gelingen von Selbsttätigkeit und Persönlichkeitsentwicklung. Mit dem immer rascheren gesellschaftlichen und technologischen Wandel der modernen Gesellschaften gewinnen solche Ansätze und Vorläufer eines l.L eine neue und veränderte Aktualität. Kennzeichnend ist für die gesellschaftliche Realität unserer modernen bzw. postmodernen Gesellschaften das, was der Soziologe Ulrich Beck die „Wiederkehr der Ungewissheit“ nennt (Beck 1993). Gesellschaftliche Entwicklung und individuelle Biographien werden wieder, wie in der vorindustriellen Vergangenheit, „riskant“. Dies gilt auch für das zukunftsorientierte Lernen. Die Lerninhalte und die Lernformen müssen im Prozess einer „reflexiven Modernisierung“ selbst reflexiv werden. Dies bedeutet, dass es immer weniger nur auf die Inhalte des Lernens ankommt. „Wichtiger als das Beherrschen des jeweiligen Fachinhaltes“ – so heißt es in einem Gutachten für die Enquete-Kommission „Zukünftige Bildungspolitik – Bildung 2000“ des Deutschen Bundestages – „wird das, was man daran und in der Auseinandersetzung damit persönlich an fachübergreifenden Grundqualifikationen und innerer Haltung lernt und erfährt“ (Bojanowski u.a. 1991). Solche umfassenden, außerfachlichen und übergreifenden Fähigkeiten ( → Schlüsselqualifikationen) können nur in lebendigen Lernprozessen entwickelt werden. L.L. ist dadurch gekennzeichnet, dass neben den Inhalten des Lernens auch der Prozess des Lernens eine zentrale Bedeutung erhält. Damit eine solche Prozessorientierung gelingen kann, erfordert dies aufseiten der Lehrenden systemische Kompetenzen und eine entwicklungsförderliche Lernkultur (Arnold/Schüßler 1998; Arnold 2007).

Literatur

  • Arnold, R.: Ich lerne also bin ich. Eine systemisch-konstruktivistische Didaktik. Heidelberg 2007

  • Arnold, R./Schüßler, I.: Wandel der Lernkulturen. Darmstadt 1998

  • Beck, U.: Die Erfindung des Politischen. Zu einer Theorie reflexiver Modernisierung. Frankfurt a.M. 1993

  • Bojanowski, A. u.a.: Qualifizierung als Persönlichkeitsentwicklung. Frankfurt a.M. 1991

  • Cohn, R.: Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion. 9. Aufl. Stuttgart 1990

  • Gaudig, H.: Die Schule der Selbsttätigkeit. Bad Heilbrunn/Obb. 1969

Zurück zur Startseite

Das Buch zur Site

Wörterbuch Erwachsenenbildung

Wörterbuch Erwachsenenbildung
hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

» Buch online bestellen

Sie erhalten das Buch auch in Ihrer Buchhandlung!

Die Anbieter

Diese Seite ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, des Klinkhardt-Verlags und der UTB GmbH.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) ist die zentrale Einrichtung für Wissenschaft und Praxis der Weiterbildung in Deutschland. Aus dem Institut stammen die Herausgeber des Wörterbuchs.

Der Klinkhardt-Verlag ist ein pädagogischer Fachverlag. Er hat die Entwicklung des Wörterbuchs verlegerisch betreut.

UTB ist ein Verlag für Lehr- und Studienbücher. Bei UTB ist die Druckausgabe des Wörterbuchs erschienen.

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt