Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

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Dieter Nittel

Lebenslauf

Der L. beinhaltet alle sinnhaft strukturierten Ereignisse zwischen Geburt und Tod einer Person, die das individuelle Schicksal als nicht kontingent erscheinen lassen, und schließt dabei die vergangenheitsabhängige Gegenwart und die offene Zukunft mit ein. Im letzten Jahrzehnt konnte die fast schon klassisch zu nennende soziologische Einsicht, dass der L. eine gesellschaftliche Institution par excellence darstellt, durch erziehungswissenschaftliche Befunde über die „Pädagogisierung der biographischen Lebensführung“ abgestützt und erhärtet werden. Neben den Einrichtungen und Regelungen des Wohlfahrtsstaates (Renteneintritt) sind immer mehr pädagogische Institutionen, Ämter und Professionen an der „gesellschaftlichen Produktion“ individueller L. beteiligt: Während das durchschnittliche Gesellschaftsmitglied in der ersten Lebenshälfte von der Eltern- und → Familienbildung, vorschulischen Erziehungsstätten, der Schule, Einrichtungen der → Berufsbildung und der Hochschulausbildung betreut wird, frequentiert es in der zweiten Lebenshälfte als potenzielle Klientel → Angebote der betrieblichen und der außerbetrieblichen WB, der allgemeinen EB ( → allgemeine Billdung, → politische Bildung) und der → Altenbildung – bis hin zur Sterbebegleitung.

Die faktische Partizipation ist hierbei keineswegs der entscheidende Punkt: Denn unter dem Diktum des → Lebenslangen Lernens ist nicht die Frequentierung von Bildungsangeboten, sondern die Nicht-Teilnahme begründungspflichtig; jede Person avanciert so zum „potenziellen Teilnehmer“. Im fachwissenschaftlichen Diskurs ist noch kein Konsens darüber erzielt worden, ob alle pädagogisch begleiteten, institutionalisierten Ablauf- und Erwartungsmuster des L. (Schulkarriere), Statuspassagen (Examen), Übergangsrituale und Laufbahnen (berufliche Zusatzausbildung) dem Erziehungssystem (Kade 1997) zurechenbar sind. Unstrittig ist demgegenüber, dass die jeweiligen Prozesse in der Zeit einen unschätzbaren Beitrag zur gesellschaftlichen → Integration leisten. Die intendierten und unbeabsichtigten Folgen des pädagogischen Handelns in all den diversen pädagogischen Einrichtungen geben den L. in modernen → Gesellschaften nicht nur eine standardisierende und normierende Gestalt, sondern verleihen ihnen auch das Signum des Unverwechselbaren und der Individualität. Luhmann vertritt die These, dass der L. Medium und Form dieses gesellschaftlichen Funktionssystems zugleich ist und somit zur operativen Schließung des Erziehungssystems beiträgt: „Der aus Wendepunkten bestehende Lebenslauf ist einerseits ein Medium im Sinne eines Kombinationsraums von Möglichkeiten und andererseits eine von Moment zu Moment fortschreitende Festlegung von Formen, die den jeweiligen Lebenslauf vom jeweiligen Stand aus reproduzieren, indem sie ihm weitere Möglichkeiten eröffnen und verschließen“ (Luhmann 1997).

Der L., der im Unterschied zur → Biographie auch die „noch nicht geschriebene Seite“, die ungelebten Utopien des Lebens enthält, bildet aus mehreren Gründen den elementarsten Horizont des makrodidaktischen Planungshandelns ( → Didaktik) in der EB. Der Blick auf das in der EB offerierte Gesamtspektrum an Bildungsangeboten zeigt, dass sich der Adressatenkreis sowohl auf junge als auch auf Personen im mittleren Erwachsenenalter, auf solche im Rentenalter und auf Hochbetagte erstreckt. Keine andere Institution im Bildungswesen absorbiert und deckt durch ihre Angebotspalette so viel Lebenszeit ab wie die EB. Auch der Motivzusammenhang des Besuchs und der Verwendungskontext des in den Kursen angeeigneten → Wissens weist retrospektive oder zukünftige Referenzen auf, die einer reflexiven Positionierung im L. bedürfen (Bildungsberatung, → Beratung). Unter bildungspolitischen Experten wird nach wie vor das schon in den 1970er Jahren formulierte Ziel angestrebt, die Konzentration des organisierten Lernens im ersten Lebensdrittel aufzulösen und angesichts des immer dynamischeren sozialen Wandelns die Lernzeiten gleichmäßiger auf den L. zu verteilen. Aus der Sicht der → Institutionen ist dieses Ziel, solange die WB nicht zur „vierten Säule“ des Bildungssystems ausgebaut ist, immer noch eine gesellschaftliche Bringschuld. Vom Standpunkt der Akteure bzw. der Aneignungsperspektive ( → Aneignung – Vermittlung) gibt es Hinweise, dass das → lebenslange Lernen im Modus des autodidaktischen Lernens und unter Nutzung der modernen Massenmedien schon längst Realität ist. Die im L. verstreichende Zeit avanciert – so oder so – immer mehr zur Lernzeit, ohne dass die damit verbundenen Vermittlungs- und Aneignungsaktivitäten in jedem Fall dem Erziehungssystem zugerechnet werden würden.

Literatur

  • Kade, J.: Vermittelbar/nicht-vermittelbar. Vermitteln: Aneignen. Im Prozess der Systembildung des Pädagogischen. In: Lenzen, D./Luhmann, N. (Hrsg.): Bildung und Weiterbildung im Erziehungssystem. Lebenslauf und Humanontogenese als Medium und Form. Frankfurt a.M. 1997

  • Luhmann, N.: Erziehung als Formung des Lebenslaufs. In: Lenzen, D./Luhmann, N. (Hrsg.): Bildung und Weiterbildung im Erziehungssystem. Lebenslauf und Humanontogenese als Medium und Form. Frankfurt a.M. 1997

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt