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Rolf Arnold

Lebenswelt

Als L. wird im Anschluss an Konzepte der Phänomenologie (E. Husserl) der individuelle Kosmos der Selbstverständlichkeiten, in dem wir leben, bezeichnet. Dieser Kosmos stiftet für den Einzelnen Gewissheit, → Identität und Zugehörigkeit, und er bestimmt auch die Themen sowie die Lernanlässe und Lernbereitschaften des Erwachsenenlernens. Menschen suchen – so die Ausgangsthese der lebensweltbezogenen EB – Lerngelegenheiten dann auf, wenn Gewissheiten erodieren (z.B. überlieferte Orientierungen und → Kompetenzen), Identität neu definiert werden muss und Zugehörigkeiten erschüttert worden sind (z.B. Verlust des Arbeitsplatzes, des Partners). EB darf sich deshalb nicht auf inhaltliche Angebote zurückziehen, sie muss ihre Teilnehmenden vielmehr in ihren L.bezügen wahrnehmen, da diese L.bezüge Lernmotivationen ( → Motivation) konstituieren, ihre Einbeziehung aber auch eine wichtige Voraussetzung für die → Nachhaltigkeit des Erwachsenenlernens darstellt. Erwachsene lernen nur dann wirksam, wenn die ihnen angetragenen Orientierungen, Erklärungen und → Deutungsmuster etwas mit ihrem Leben und ihrer Wirklichkeit zu tun haben.

L.bezüge können sich jedoch nicht nur durch Einflüsse aus dem Gesellschaftssystem ändern, auch eine Veränderung der „eingelebten“ Deutungsmuster und Sichtweisen kann dazu führen, dass Menschen ihre L. umgestalten, Vertrautheiten aufgeben und Neues „neu“ zu sehen versuchen. EB kann somit sowohl eine lebensbegleitende als auch eine L. transformierende Funktion erfüllen. In diesem Sinne beschrieb E. Schmitz (1984) die EB als einen „lebensweltbezogenen Erkenntnisprozess“ und wies dieser die wichtige Aufgabe der Transformation und Differenzierung lebensweltgebundener Deutungen zu. Dieser Bedarf an lebensweltlichem Orientierungs- und Vergewisserungslernen nimmt in einer Gesellschaft deutlich zu, in der vertraute Lebensmuster erodieren, wobei das „System“ die lebensweltlichen Interaktions- und Kooperationsformen zunehmend zu überwölben bzw. zu „erdrücken“ scheint. So hat J. Habermas darauf hingewiesen, dass das Spannungsverhältnis zwischen System und L. sich zunehmend zu Lasten des letzteren verschiebt. Das heißt, die L. der Menschen folgt in immer stärkerem Maße den Imperativen des Systems, markt- und konkurrenzbezogene Interaktionsformen sowie Vereinsamung und Verunsicherung sickern immer stärker in den → Alltag und das Zusammenleben der Menschen ein. L. als Gewissheits- und Orientierungskosmos geht dabei allmählich verloren, weshalb auch die EB in zunehmendem Maße L.funktionen übernehmen und L.versagen kompensieren muss. Es ist aber auch das Ende der Normalbiographie ( → Biographie), das die L.plausibilität erschüttert und zu etwas Transitorischem verkommen lässt. „Nichts ist gewisser als das Ungewisse“ – diese Phrase aus einem Gedicht von François Villon ließe sich als Leitmotiv postmoderner L. aufgreifen. Eine lebensweltbezogene EB kann sich nur darum bemühen, verlorengegangene subjektive Plausibilität der L. wieder herzustellen und lebenspraktische Handlungsfähigkeit zu sichern, sie kann ihre Aufgabe aber auch als Vorbereitung auf den Umgang mit Ungewissheit verstehen und so nicht die Plausibilität, sondern deren Verlust zum Anknüpfungspunkt ihrer Angebote und Strategien nehmen. In beiden Fällen übernimmt der Erwachsenenpädagoge dabei die Funktion einer „stellvertretenden Deutung“ (U. Oevermann), d.h., er erarbeitet gemeinsam mit Erwachsenen neue und tragfähige Deutungsmuster, mit denen sie sich in Krisen und Veränderungsprozessen zurechtfinden können.

Literatur

  • Arnold, R.: Lebensweltbezogene Erwachsenenbildung. Zu den Implikationen eines didaktischen Ansatzes. In: Zeitschrift für erziehungs- und sozialwissenschaftliche Forschung, H. 1, 1989

  • Hoerning, E.M./Tietgens, H. (Hrsg.): Erwachsenenbildung: Interaktion mit der Wirklichkeit. Bad Heilbrunn/Obb. 1989

  • Schmitz, E.: Erwachsenenbildung als lebensweltbezogener Erkenntnisprozess. In: Schmitz, E./Tietgens,H. (Hrsg.): Erwachsenenbildung. Enzyklopädie Erziehungswissenschaft, Bd. 11. Stuttgart 1984

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Wörterbuch Erwachsenenbildung

Wörterbuch Erwachsenenbildung
hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt