Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

Das Wörterbuch Erwachsenenbildung bündelt das gegenwärtige Wissen über Erwachsenenbildung. Es enthält über 300 Stichworte zu den Themenfeldern Didaktik und Methodik, Forschung und Wissenschaft, Geschichte und Entwicklung, Lernen und Erfahrung, Organisation und Profession, Politik und Recht sowie Theorien und Konzepte. Alle Artikel wurden von ausgewiesenen Fachleuten nach dem neuesten Stand der Diskussion verfasst. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Wörterbuch erfahren

Suchvorschläge:

Aufklapper schließen

Erhard Schlutz

Leitstudien

Als L. der EB kann man solche Forschungsarbeiten bezeichnen, die für eine Disziplin einen unübersehbaren Anregungs- und Vorbildcharakter haben. Dieser ist nicht nur von der Relevanz der Fragestellung, der Differenziertheit der Methoden und dem Gehalt der Ergebnisse abhängig, sondern auch von der (zeitbedingten) Empfänglichkeit und Interaktionsdichte der wissenschaftlichen Gemeinschaft. L. tragen zur Diskurskontinuität und Identität einer Wissenschaftsdisziplin bei. Im Hinblick auf die EB sind es vor allem drei im Folgenden kurz beschriebene Forschungsarbeiten, denen man den Charakter von L. zusprechen kann.

Die Göttinger Untersuchung über „Bildung und gesellschaftliches Bewußtsein“ (Strzelewicz/Raapke/Schulenberg 1966) fragt nach den Bildungsvorstellungen und der Bildungsbereitschaft der Bevölkerung der Bundesrepublik in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre. Sie besteht aus drei Stufen: einer repräsentativen Befragung, 34 Gruppendiskussionen und 38 Einzelinterviews, wobei die später Befragten auch bei den früheren Schritten beteiligt waren, wodurch eine Intensivierung der Befragung möglich wurde. Ein Drittel der Interviewten hält die Gleichheit der Bildungschancen für nicht gegeben, „Bildung“ wird als sozial differenzierender Begriff empfunden. Die Bereitschaft, als Erwachsener noch weiterzulernen, ist hochgradig von sozialen Faktoren abhängig: Je jünger die Befragten sind, desto höher ihre schulische Vorbildung, je höher ihr beruflicher und sozialer Status ist, desto wahrscheinlicher ist eine Teilnahme. Alle Befragten erwarten von der EB systematische Lernangebote und berufsorientierte Hilfen. Obwohl als Grundlagenstudie gedacht und zentral auf das Verhältnis zur Schule bezogen, hat die Göttinger Untersuchung besondere Wirkungen auf Praxis und Wissenschaft der EB gehabt. Dass Weiterbildungsbereitschaft weniger durch Appelle als durch Verbesserung der sozialen Faktoren zu verstärken ist, ist seitdem ebenso Gemeingut wie die Vorstellung, dass WB nicht nur Hobby, sondern ernsthafte lebensbegleitende Arbeit ist. Insofern hat die Untersuchung auch mit zur „realistischen Wende“ der EB beigetragen.

Siebert und Gerl (1975) führten die erste große Studie zum „Lehr- und Lernverhalten bei Erwachsenen“ in der BRD durch. Die Untersuchung ging ebenfalls in drei Wellen vor: Beobachtung von 22 Kursen (standardisiertes Verlaufsprotokoll), Anfangs- und Schlussbefragung (Fragebögen) von 700 bzw. 400 Teilnehmenden, sog. Experimentalseminare zur Erhöhung der Kurssteuerung durch die Teilnehmenden. Eine Stärke der Untersuchung ist der mögliche Vergleich zwischen Beobachtung und Befragung, also die Spannung zwischen Außen- und Binnenwahrnehmung, womit zugleich mögliche blinde Flecken der Lehrenden benannt werden (z.B. spricht der Kursleiter mehr als alle anderen, aber die Teilnehmenden empfinden sich als sehr aktiv).

In ähnlicher Weise an den Partizipationsmöglichkeiten der Lernenden interessiert ist das BUVEP-Projekt (Kejcz u.a. 1979), es geht jedoch qualitativ vor, indem es 47 zweiwöchige Bildungsurlaubsseminare vollständig protokolliert. Diese Texte wurden unter zwei Aspekten inhaltsanalytisch untersucht: nach Schlüsselsituationen der Teilnehmerorientierung und nach Typen von Lehr-Strategien. Das zugespitzte Ergebnis lautete: Lehrende neigen dazu, alles auszublenden, was ihrer Lehrstrategie zuwiderläuft; Teilnehmende und Lehrende reden aneinander vorbei, behandeln dasselbe Thema auf unterschiedlichen Ebenen. So kann die Untersuchung sowohl als Nachweis der Schwierigkeiten pädagogischen Bemühens als auch als Kritik an strategischen Formen → politischer Bildung gelesen werden.

Ähnlich aufwendige Untersuchungen sind seitdem kaum noch durchgeführt worden, oder es ist ihnen nicht die Relevanz oder der Neuigkeitswert zugesprochen worden, der sie zu Leitstudien machte. Das liegt aber wohl auch daran, dass sich die Forschungsfragen und -richtungen ausdifferenziert haben, so dass die großen Themen entschwunden scheinen, auf die die Wissenschaft fokussiert. Dies könnte aber auch Ansporn für eine erneute Zentrierung von Forschungsfragen innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft sein.

Literatur

  • Kejcz, Y. u.a.: Bildungsurlaubs-Versuchs- und -Entwicklungsprogramm der Bundesregierung. Endbericht Bd. I–VIII. Heidelberg 1979-1980

  • Siebert, H./Gerl, H.: Lehr- und Lernverhalten bei Erwachsenen. Braunschweig 1975

  • Strzelewicz, W./Raapke, H.-D./Schulenberg, W.: Bildung und gesellschaftliches Bewußtsein. Eine mehrstufige soziologische Untersuchung in Westdeutschland. Stuttgart 1966

Zurück zur Startseite

Das Buch zur Site

Wörterbuch Erwachsenenbildung

Wörterbuch Erwachsenenbildung
hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

» Buch online bestellen

Sie erhalten das Buch auch in Ihrer Buchhandlung!

Die Anbieter

Diese Seite ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, des Klinkhardt-Verlags und der UTB GmbH.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) ist die zentrale Einrichtung für Wissenschaft und Praxis der Weiterbildung in Deutschland. Aus dem Institut stammen die Herausgeber des Wörterbuchs.

Der Klinkhardt-Verlag ist ein pädagogischer Fachverlag. Er hat die Entwicklung des Wörterbuchs verlegerisch betreut.

UTB ist ein Verlag für Lehr- und Studienbücher. Bei UTB ist die Druckausgabe des Wörterbuchs erschienen.

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt