Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

Das Wörterbuch Erwachsenenbildung bündelt das gegenwärtige Wissen über Erwachsenenbildung. Es enthält über 300 Stichworte zu den Themenfeldern Didaktik und Methodik, Forschung und Wissenschaft, Geschichte und Entwicklung, Lernen und Erfahrung, Organisation und Profession, Politik und Recht sowie Theorien und Konzepte. Alle Artikel wurden von ausgewiesenen Fachleuten nach dem neuesten Stand der Diskussion verfasst. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Wörterbuch erfahren

Suchvorschläge:

Aufklapper schließen

Ortfried Schäffter

Lernende – Lerner

Ein Wechsel von der Anbieter- zur Aneignungsperspektive im Zuge der „Kompetenzwende“ gelangt darin zum Ausdruck, dass als konstitutive Bestimmung pädagogischer Handlungskontexte der L. im Mittelpunkt steht. Die Kategorie des → Teilnehmenden erscheint nicht mehr adäquat, weil sie der institutionellen Semantik der → Veranstaltung entstammt. Komplementär hierzu verschiebt sich die Benennungspraxis von den „Lehrenden“ hin zur Rolle der Lernbegleiter/innen und Lernberater/innen. Pädagogisch professionelles Handeln definiert sich unter der Programmatik von Kompetenzentwicklung ( → Kompetenz) als subsidiäres Bereitstellen von „Ermöglichungsräumen“ für Lernen auf der Grundlage subjektiv bedeutsamer Anlässe. In einer subjektwissenschaftlichen Rekonstruktion der proklamierten neuen → „Lernkultur“ wird ein Verständnis von Erwachsenenlernen im Sinne eines universellen „Lernhandelns“ (Ludwig 2000) möglich, das sich gleichermaßen auf didaktisch durchstrukturierte Lehr-Lernkontexte wie auch auf Arbeits- und Lebenszusammenhänge bezieht, die dem Wissenstyp und der Handlungslogik des → Alltags verpflichtet sind. Im Mittelpunkt des theoretischen und praktischen Interesses steht nun der L. mit seinen subjektiven Lernbegründungen und gesellschaftlichen Lernvoraussetzungen. Kennzeichnend für diesen Diskurs, der aus Fragestellungen der Erwachsenenpädagogik u.a. auf die kritische Psychologie von K. Holzkamp Bezug nimmt, ist eine tätigkeitstheoretische Ausrichtung, die sich von individualpsychologischen und kognitionstheoretischen Ansätzen abgrenzt. Das Konzept des „Lernhandelns“ nimmt die gesellschaftlich-historischen und die biographisch-situativen Bedingungen subjektiver Lernanlässe zum Ausgangspunkt. Für den Aufbau und die Gewährleistung pädagogischer Unterstützungsstrukturen kommen aus einer situierten Deutungsperspektive von L. als gesellschaftliche Subjekte daher objektivierbare Lernbedingungen in den Blick, auf die reflexiv über rekursive Lernschleifen wieder Einfluss genommen werden kann:

  • Die „Lernhaltigkeit“ und „Lernförderlichkeit“ alltäglicher Lebenslagen und Berufssituationen, die es in Bezug auf Verbesserung von Kompetenzentwicklung auch pädagogisch zu beeinflussen und auszugestalten gilt. Besondere Relevanz hat dies für arbeitsintegrierte Formen betrieblicher Bildung ( → Lernen am Arbeitsplatz) und für ein Verständnis von → informellem Lernen, das seine soziale Einbettung als Feld zivilgesellschaftlicher Gestaltung begreift.

  • Die soziale Einbettung in soziale Milieus, aus der heraus differente Begründungen von Lernen und Bildung thematisierbar werden mit entsprechenden Folgen für Lernmotivation und Bildungsaspiration bzw. spezifischem Bedarf an pädagogischen Supportstrukturen ( → Milieuforschung).

  • Das je erworbene „bewahrende oder entwicklungsorientierte biographische Lernhabitusmuster“ (Herzberg 2004), aus dem heraus Lernanlässe konstituiert und in persönlich bedeutsamen Entwicklungsverläufen im Sinne von „learning projects of adults“ weiterverfolgt werden.

  • Die unterschiedlichen „alltagsdidaktisch“ institutionalisierten (Schäffter 1999) sozialen Praktiken des Lernens und ihre kognitiven Stile, auf die im Lebensverlauf in unterschiedlichen Zusammenhängen aktivierend zurückgegriffen werden kann. Tietgens unterscheidet hier zwischen einem additiv-kasuistischen und einem synthetisierend-sinnvorwegnehmenden Typus habitualisierter Lernpraktiken, die im Laufe einer spezifischen Lerngeschichte eingeübt wurden.

  • Die sozialen Bezugsgruppen und das verfügbare soziale Netzwerk, die wichtige Support- und Beratungsfunktionen für Entwicklungsprozesse lebensbegleitenden Lernens übernehmen und pädagogisch aktiviert werden können.

Der erwachsenenpädagogische Diskurs in Anschluss an die Kompetenzwende deutet somit pädagogisches Handeln als lernförderliche Kontextsteuerung in sowohl alltäglichen Sinnzusammenhängen als auch in didaktisierten Settings. Im Sinne von → Ermöglichungsdidaktik wird auf reflexiv bestimmbare „Bedingungen der Möglichkeit“ subjektiv bedeutsamer Welterschließung strukturierend Einfluss genommen. „Expansives Lernen“ ( → Lernen) bleibt dabei in der Hand der lernenden Subjekte und pädagogisches Handeln konzentriert sich in professioneller Selbstbeschränkung auf deren Unterstützung im Sinne einer pädagogischen „Dienstleistung“ zur Kompetenzentwicklung.

Literatur

  • Herzberg, H.: Biographie und Lernhabitus. Frankfurt a.M. 2004

  • Ludwig, J.: Lernende verstehen. Bielefeld 2000

  • Schäffter, O.: Implizite Alltagsdidaktik. In: Arnold, R. u.a. (Hrsg.): Erwachsenenpädagogik – Zur Konstitution eines Fachs. Baltmannsweiler 1999

Zurück zur Startseite

Das Buch zur Site

Wörterbuch Erwachsenenbildung

Wörterbuch Erwachsenenbildung
hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

» Buch online bestellen

Sie erhalten das Buch auch in Ihrer Buchhandlung!

Die Anbieter

Diese Seite ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, des Klinkhardt-Verlags und der UTB GmbH.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) ist die zentrale Einrichtung für Wissenschaft und Praxis der Weiterbildung in Deutschland. Aus dem Institut stammen die Herausgeber des Wörterbuchs.

Der Klinkhardt-Verlag ist ein pädagogischer Fachverlag. Er hat die Entwicklung des Wörterbuchs verlegerisch betreut.

UTB ist ein Verlag für Lehr- und Studienbücher. Bei UTB ist die Druckausgabe des Wörterbuchs erschienen.

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt