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Joachim Münch

Lernorte

Der Mensch lernt, gewollt oder ungewollt, überall, und deshalb hat es schon immer L. im weiteren Sinne gegeben. Als Begriff wurde der L. von der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates (1965-1975) in die pädagogische Fachsprache eingeführt. Danach handelt es sich nicht allein um räumlich verschiedene, sondern in ihrer pädagogischen Funktion unterscheidbare Orte. Heute sprechen wir mit größter Selbstverständlichkeit von den L. Schule, Arbeitsplatz, Seminarraum usw., aber auch von den L. Museum und Theater. Eine systematische und umfängliche L.forschung gibt es erst seit Ende der 1970er Jahre. Dabei geht es vor allem um den Nachweis spezifischer Eignungen von L. (vor allem in der Berufsbildung) für bestimmte Zielgruppen und Lernziele, aber auch gleichzeitig darum, welche Lernortkombinationen wohl den besten Ertrag für intendierte Bildungs- oder Qualifikationsziele erbringen. Im Sinne einer „Ermöglichungsdidaktik“ nach R. Arnold stellen L. jeweils (vorgegebene oder auch intentional „konstruierte“) Lernsituationen und Lernmöglichkeiten dar. Dadurch verändert sich auch die Rolle der Lehrenden. Sie sind immer weniger Vermittler/innen von Lerninhalten und immer mehr Lernhelfer/innen und Moderatoren ( → Moderation) von Lernprozessen.

Das Zusammenwirken verschiedener L., wie dies insb. im Rahmen des dualen Systems der Berufsausbildung der Fall ist, wird mit der „Pluralität der L.“ auf den Begriff gebracht. Diese meint jedoch nicht lediglich ein Nebeneinander und Miteinander von L. Vielmehr geht es um die Kombination verschiedener L. mit dem Zweck, das Lernen auf diese Weise nach Art und Zielerreichungsgrad zu optimieren. L.vielfalt allein stellt also noch kein Optimierungsparadigma dar, sondern erfüllt im schlechtesten Falle lediglich den Tatbestand der „L.zersplitterung“.

In Literatur und Praxis haben sich verschiedene Modelle der L.pluralität herausgebildet, und zwar vorrangig in der Berufsausbildung, aber prinzipiell übertragbar auch auf den Bereich der WB, der beruflichen wie der allgemeinen. Es sind dies

  • die L.kombination (L. eines L.trägers, z.B. Arbeitsplatz und Lehrwerkstatt eines Betriebs kooperieren miteinander),

  • die L.kooperation (L. unterschiedlicher L.träger, z.B. Berufsschule und Betrieb),

  • der L.verbund (verschiedene Betriebe kooperieren bei der Ausbildung im Rahmen des dualen Systems miteinander).

Begriff und Konzept des L. und der L.pluralität erweisen sich als fruchtbarer Ansatz zur Erhellung und Problematisierung einer wichtigen pädagogischen Fragestellung, nämlich: Wo können unter welchen Bedingungen welche Zielgruppen mit welchen Zielen am besten lernen?

Die Formel von der „Pluralität der L.“ signalisiert die Forderung, unser Bildungswesen als ein Verbundsystem verschiedener L. mit jeweils spezifischem Potenzial und besonderen Vorzügen zu verstehen und zu gestalten. Die Schule, als Inbegriff eines L., der durch lernprozessuale Intentionalität und lernorganisatorische Rationalität bestimmt ist, verliert dadurch nicht an Bedeutung. Sie wird aber einem heilsamen Zwang zur Neuvermessung ihrer didaktischen Orientierung ausgesetzt. Überdies ist die Schule als einziger L. auch für die Bildungsgänge fragwürdig geworden, die bisher rein schulisch durchgeführt worden sind. Durch das Konzept der L.pluralität muss die schulische Lernsituation gewissermassen zu anderen Lernsituationen in Konkurrenz treten. Dies könnte zu einem positiven Wandel des gesamten schulischen wie außerschulischen Bildungssystems führen. Entsprechende Tendenzen lassen sich auf der Mikroebene im lernenden Unternehmen registrieren. So nimmt das lernende Unternehmen gegenüber den L. in der formalisierten Ausbildung und WB (z.B. Lehrwerkstätten und Seminare) die Rolle eines Meta-L. ein. Es ist nicht nur Lernortträger, sondern beeinflusst mit seinem Lernklima und mit seinen lernförderlichen arbeitsorganisatorischen Bedingungen das Lernen insgesamt. Im lernenden Unternehmen rücken Arbeiten und Lernen insgesamt viel näher aneinander, aber gesonderte L. mit jeweils besonderen Möglichkeiten zur Optimierung von Lernprozessen, und zwar in Kombination mit anderen L. verlieren deshalb nicht an Bedeutung.

Mediotheken mit der Funktion von Informations- und Selbstlernzentren entwickeln sich zunehmend zu „offenen“ bzw. „freien“ L. Sie definieren sich durch selbstständiges und individuelles Lernen mit alten und neuen Medien, die jederzeit für Lernende und Lehrende offen sind. Es sind Orte des Austauschs, der Erholung, der Begegnung und gemeinsamen Arbeit. Freie L. finden sich in Schulen und Hochschulen, sind aber auch in Betrieben denkbar, sofern in ihnen das Prinzip des lernenden Unternehmens einen hohen Stellenwert hat.

Literatur

  • Döring, O.: Innovation durch Lernortkooperation. Bielefeld 1998

  • Euler, D. (Hrsg.): Berufliches Lernen im Wandel. Konsequenzen für die Lernorte? Eine Dokumentation des dritten Forums Bildungsforschung 1997 an der Universität Erlangen-Nürnberg. Nürnberg 1998

  • Münch, J. (Hrsg.): Lernen – aber wo? Der Lernort als pädagogisches und lernorganisatorisches Problem. Trier 1977

  • Münch, J.: Die Pluralität der Lernorte als Optimierungsparadigma. In: Pätzold, G./Walden, G. (Hrsg.): Lernorte im dualen System der Berufsausbildung. Bielefeld 1995

  • Münch, J. u.a.: Interdependenz von Lernort-Kombinationen und Output-Qualitäten betrieblicher Berufsausbildung in ausgewählten Berufen. Berlin 1981

  • Zwick, T.: Weiterbildung am Arbeitsplatz ist nicht immer effektiv. In: ZEW news, H. 5, 2002

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt