Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

Das Wörterbuch Erwachsenenbildung bündelt das gegenwärtige Wissen über Erwachsenenbildung. Es enthält über 300 Stichworte zu den Themenfeldern Didaktik und Methodik, Forschung und Wissenschaft, Geschichte und Entwicklung, Lernen und Erfahrung, Organisation und Profession, Politik und Recht sowie Theorien und Konzepte. Alle Artikel wurden von ausgewiesenen Fachleuten nach dem neuesten Stand der Diskussion verfasst. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Wörterbuch erfahren

Suchvorschläge:

Aufklapper schließen

Josef Schrader

Lernstile

L. Erwachsener werden seit etwa 40 Jahren in der internationalen Forschung untersucht, und zwar sowohl in experimentellen Labor- als auch in korrelationsstatistischen oder explorativen Feldstudien. In das Umfeld dieser Forschung gehören auch Arbeiten zu kognitiven Stilen, Denkstilen, Lerntypen, Lernorientierungen oder Lernstrategien. Die jeweils bevorzugten Begriffe verweisen auf unterschiedliche Auffassungen zum untersuchten Phänomen. Die Forschungen zu kognitiven Stilen gehen von relativ stabilen, kognitiv nur begrenzt zugänglichen Persönlichkeitsmerkmalen aus, die sich auf eingegrenzte kognitive Aspekte des Lernens (Wahrnehmung, Informationsverarbeitung usw.) beziehen.

Demgegenüber wird der Begriff „Lernstrategie“ (als mental repräsentiertes Schema oder als kognitive Handlungssequenz) in der Regel für die bewusste Steuerung des Handelns in spezifischen Lernsituationen verwendet (z.B. kognitive und metakognitive Strategien bei der Textverarbeitung, Ressourcenmanagement usw.; Mandl/Friedrich 2006). Die Begriffe L. und Lerntypen sind eher in der Mitte eines so definierten Kontinuums angeordnet und bringen zumeist situationsübergreifende und breit gefasste Präferenzen für Handlungs- und Verhaltensweisen in Lernsituationen zum Ausdruck, die gleichwohl situationsspezifisch modifiziert werden können. Je nachdem, welche Aspekte des Lernverhaltens in den Blick genommen werden (die Lern- und Leistungsmotivation, die bevorzugten Medien und Arbeitsformen, die Art und Weise der Verarbeitung von Informationen usw.), resultieren unterschiedliche Stil- oder Typenbeschreibungen. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit individuellen L. nimmt ihren Ausgang oft von unnötig schwerfallenden, unzureichenden oder gar misslingenden Lehr-Lernprozessen in der Praxis.

Lernstilforschungen orientieren sich in der Regel an Modellen der kognitiven Psychologie, wonach → Lernen als ein (aktiver) Prozess der Verarbeitung von Informationen beschrieben und analysiert wird. Frühe Anregungen stammen u.a. von Bruner und Piaget, die qualitative Stufentheorien kognitiver Entwicklung entwickelt haben. Als in den 1970er und 1980er Jahren viele „nicht-traditionelle“ Studierende an die Hochschulen kamen, zielten vor allem anglo-amerikanische Forschungen darauf, die Strategien „erfolgreicher“ Studierender zu identifizieren und sie den weniger erfolgreichen in Trainingskursen zum → Lernen des Lernens zu vermitteln. Andere hingegen plädierten stärker für differenzierte Lehrstrategien, um individuell stabile L., die in eigens entwickelten Tests zu diagnostizieren seien, angemessen unterstützen zu können.

In der Bundesrepublik ist das Phänomen individueller Unterschiede beim Lernen durch die neurobiologisch inspirierten Arbeiten Vesters popularisiert worden, der biographisch früh fixierte sensomotorische Verarbeitungsweisen als Grundlage einer Lerntypologie betrachtete (auditiver Lerntyp, visueller Lerntyp, haptischer Lerntyp etc.). Im Zusammenhang mit der Diskussion um → Teilnehmerorientierung in der EB unterschied Tietgens im Anschluss an Sprachstilforschungen in der Tradition Bernsteins einen imitativen, additiv-kasuistischen, auf die mechanische Aneignung einzelner Informationen gerichteten Lerntyp von einem sinnvorwegnehmend-generalisierenden Typ, der Verallgemeinerungen und Differenzierungen erlaubt und damit Transfer erleichtert (Tietgens/Weinberg 1975). In einer korrelationsstatistischen Befragungsstudie fand J. Schrader (2008) in der beruflichen WB fünf Lerntypen (Idealtypen im Sinne M. Webers) und beschrieb sie als Theoretiker (erfolgszuversichtlich, zielgerichtet, intrinsisch motiviert, lernen gern und gut aus Texten, zielen auf Verstehen von Zusammenhängen), Anwendungsorientierte (lernen für und durch Anwendung, probieren gern selbstständig aus, brauchen Anschauung), Musterschüler (sind ehrgeizig, fleißig, lernen für gute Noten und Zertifikate, wünschen Anleitung, konzentrieren sich auf die Reproduktion von Faktenwissen), Gleichgültige (lernen nicht mehr, als sie unbedingt brauchen, sind ohne besondere Vorlieben oder Abneigungen, konzentrieren sich auf das, was ihnen abverlangt wird) und Unsichere (misserfolgsängstlich, wünschen Unterstützung und Anleitung, konzentrieren sich auf das Einprägen der wichtigsten Fakten).

Gegenüber jüngeren, vom → Konstruktivismus inspirierten und postulatartig vorgetragenen Annahmen, wonach Erwachsene als „autopoietische Systeme“ zwar „lernfähig, aber unbelehrbar“ seien (Siebert 2006), verweisen die Arbeiten zu L. Erwachsener vornehmlich auf die Schnittstelle zwischen Vermittlungs- und Aneignungsprozessen. Eine „Passung“ im Sinne Tietgens^' scheint am ehesten dann möglich, wenn Lehrende und Lernende über ein reflektiertes und differenziertes, situations- und typangemessenes Repertoire an Lehr- und Lernstrategien verfügen. Wer annimmt oder zu befördern sucht, dass Erwachsene in Zukunft stärker in „offeneren“, mehr und mehr selbstgesteuerten, dem (Arbeits-) Alltag örtlich und zeitlich näheren, auch computerunterstützten Lernumgebungen lernen, wird berücksichtigen müssen, dass nach den vorliegenden Befunden viele Erwachsene auf kompetentes → Lehren weder verzichten können noch wollen.

Literatur

  • Mandl, H./Friedrich, H.F. (Hrsg.): Handbuch Lernstrategien. Göttingen 2006

  • Schrader, J.: Lerntypen bei Erwachsenen. Empirische Analysen zum Lernen und Lehren in der beruflichen Weiterbildung. 2. Aufl. Bad Heilbrunn 2008

  • Siebert, H.: Didaktisches Handeln in der Erwachsenenbildung. Didaktik aus konstruktivistischer Sicht. 5., überarb. Aufl. Augsburg 2006

  • Tietgens, H./Weinberg, J.: Erwachsene im Feld des Lehrens und Lernens. Theorie und Praxis der Erwachsenenbildung. Braunschweig 1975

Zurück zur Startseite

Das Buch zur Site

Wörterbuch Erwachsenenbildung

Wörterbuch Erwachsenenbildung
hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

» Buch online bestellen

Sie erhalten das Buch auch in Ihrer Buchhandlung!

Die Anbieter

Diese Seite ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, des Klinkhardt-Verlags und der UTB GmbH.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) ist die zentrale Einrichtung für Wissenschaft und Praxis der Weiterbildung in Deutschland. Aus dem Institut stammen die Herausgeber des Wörterbuchs.

Der Klinkhardt-Verlag ist ein pädagogischer Fachverlag. Er hat die Entwicklung des Wörterbuchs verlegerisch betreut.

UTB ist ein Verlag für Lehr- und Studienbücher. Bei UTB ist die Druckausgabe des Wörterbuchs erschienen.

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt