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Elisabeth Meilhammer

Lesegesellschaften

Der Begriff L. ist eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche Vereinigungen von Lesern (weniger auch Leserinnen), die dem Zweck dienten, durch Bereitstellung von Büchern und Zeitschriften das gesteigerte Bedürfnis nach und die Kommunikation über Literatur bei erschwinglichem Kostenaufwand zu befriedigen und dabei zugleich eine geistig anregende und gesellige Gemeinschaft herzustellen. Seit dem frühen 18. Jh. sind L. in vielen Ländern Europas nachgewiesen. In Deutschland entstanden sie seit der Mitte des 18. Jh., wobei sie sich vom protestantischen Norden aus im Land verbreiteten. Allerdings hatten sich bis 1800, nicht selten unter dem Druck staatlicher Zensur, viele L. (in Deutschland mehr als 430) wieder aufgelöst, z.T. konnten sie sich aber bis ins 19. Jh. oder sogar bis heute unter Neuausrichtung ihres Profils erhalten.

Der typische Charakter von L. ist der von exklusiven Mitgliedergesellschaften, die auf private Initiative hin entstanden sind und selbstorganisiert waren. Am häufigsten setzte sich die Mitgliedschaft von L. aus Männern des mittleren und gehobenen Bürgertums zusammen, wozu insb. Beamte, Ärzte, Pfarrer, Offiziere, Professoren, Buchhändler, Kaufleute und Schulmeister, vereinzelt auch Handwerker, zu zählen sind. Der Ausschluss von Frauen aus den L. war weithin üblich, wenngleich nicht ausnahmslos der Fall; vereinzelt gab es sogar eigene „Frauenzimmer-L.“. Seit dem Ende des 18. Jh. sind in Deutschland auch Handwerker-L. nachweisbar.

Zum Literaturangebot in L. gehörten Monographien, Nachschlagewerke und vor allem Periodika, und zwar allgemeinbildend-belehrende, unterhaltsame und fachwissenschaftliche Schriften.

Folgende Haupttypen von L. können unterschieden werden:

  • der aus Gemeinschaftsabonnements entstandene Lesezirkel, der den geregelten Umlauf von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften unter seinen Mitgliedern organisierte,

  • die Lesebibliothek als feststehendes Zentrum, deren Mitglieder ihre Lektüre aus dem vorhandenen Angebot selbst aussuchten und mitnahmen,

  • das Lesekabinett, das vornehmlich in Großstädten entstand und solche L. bezeichnet, die über eigene Lese- und Diskussionszimmer, zuweilen auch Räume für Sammlungen („Museum“) verfügten,

Die am weitesten entwickelte Form von L. stellen solche Gesellschaften dar, die neben der Bereitstellung von Literatur und Clubräumen ihren Mitgliedern ein zusätzliches kulturelles Veranstaltungsprogramm boten.

Die explosionsartige Entstehung von L. in allen großen, aber auch in vielen kleineren Städten weist neben einer verbreiteteren Lesefähigkeit, einem gesteigerten Lesewillen (in konservativen Kreisen kritisch als „Lesesucht“ oder „Lesewut“ apostrophiert) und einem verstärkten Heraustreten aus den Grenzen der Familie und Stände auf veränderte Lesegewohnheiten und Lesebedürfnisse hin: Die intensive Lektüre weniger „beständiger“ Bücher nahm zugunsten einer mehr extensiven, auch aktuellen Lektüre ab. Diesen Veränderungen entspricht aufseiten des Verlagswesens eine gesteigerte und schnellere Produktion und effektivere Verbreitung von Lesestoff. Eine Sonderform der L. stellen die in ländlichen Gegenden anzutreffenden sog. „Aufklärungs-L.“ dar, wobei Akademiker (v.a. Geistliche, Ärzte und Lehrer) die Lektüre für das Volk auswählten, durch zusätzliche belehrende Gespräche zu vertiefen suchten und z.T. auch den Bauern vorlasen.

Die L. sind Ausdruck der Aufklärung und eines mit dieser verbundenen rationalen Dranges nach Information, Wissen und Bildung, z.T. auch beruflicher Fortbildung. Dienten die L. vor allem der Selbstbildung ihrer Mitglieder, so sind darüber hinaus auch Bestrebungen einiger L. überliefert, die auf die Bildung des „Volkes“ gerichtet waren. Bildungsgedanke und Organisationsform der L. können auch als eine Wurzel für die Entstehung von Arbeiterbildungsvereinen gesehen werden. Zwischen der Herausbildung von L. und der Entstehung moderner, bürgerlich geprägter Gesellschaften in Europa besteht ein zentraler Zusammenhang; er zeigt sich sowohl in der sozialen Organisation (L. sind Vorläufer des modernen Vereinswesens) als auch in der kulturellen Prägung bürgerlicher Mentalitäten. L. stellen geradezu einen frühen sozialen Kristallisationskern des bürgerlichen „Strukturwandels der Öffentlichkeit“ (J. Habermas) dar und finden nicht zuletzt unter diesem Aspekt über das Interesse der Bildungsgeschichte hinaus Aufmerksamkeit in der Forschung.

Literatur

  • Dann, O. (Hrsg.): Lesegesellschaften und bürgerliche Emanzipation. Ein europäischer Vergleich. München 1981

  • Kaiser, A. (Hrsg.): Gesellige Bildung. Studien und Dokumente zur Bildung Erwachsener im 18. Jahrhundert. Bad Heilbrunn/Obb. 1989

  • Prüsener, M.: Lesegesellschaften im achtzehnten Jahrhundert. Ein Beitrag zur Lesergeschichte. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Bd. XIII, Lfg. 1-2. Frankfurt a.M. 1972

  • Reinhardt, U.: Bildung und Unterhaltung. Kritische Analyse von Konzepten und Projekten aus erziehungswissenschaftlicher Sicht. Dissertation, Hamburg 2003

  • Wülfing, W./Bruns, K./Parr, R. (Hrsg.): Handbuch literarisch-kultureller Vereine, Gruppen und Bünde 1825-1933. Stuttgart/Weimar 1998

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt