Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

Das Wörterbuch Erwachsenenbildung bündelt das gegenwärtige Wissen über Erwachsenenbildung. Es enthält über 300 Stichworte zu den Themenfeldern Didaktik und Methodik, Forschung und Wissenschaft, Geschichte und Entwicklung, Lernen und Erfahrung, Organisation und Profession, Politik und Recht sowie Theorien und Konzepte. Alle Artikel wurden von ausgewiesenen Fachleuten nach dem neuesten Stand der Diskussion verfasst. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Wörterbuch erfahren

Suchvorschläge:

Aufklapper schließen

Andre Lehnhoff & Jendrik Petersen

Managementbildung

M. als eine durch einen Paradigmenwechsel im Management ermöglichte Konzeption versucht, etwas zu verbinden, was traditionell zunächst als nicht-integrierbar interpretiert wurde: nämlich „Management“ und „Bildung“ (Lehnhoff 1997). Seit dem Neuhumanismus einerseits sowie den tayloristisch geprägten klassischen Organisationstheorien andererseits scheinen diese beiden Begriffe in einer äußerst problematischen Beziehung zueinander zu stehen.

Diese unversöhnlich erscheinende Trennung gerät jedoch vor den neuen Anforderungen an das Management zunehmend unter Kritik. Denn zunächst erfordert die Komplexität und Dynamik sozialer Systeme und ihrer Umwelten neue Vorgehensweisen für den Aufbau und die Erschließung strategischer Erfolgspotenziale sowie für deren operative Nutzung. Außerdem gewinnt vor dem Hintergrund eines deutlichen Zweifels an der Sinnhaftigkeit und Glaubwürdigkeit bestehender Ordnungsmechanismen und den Rahmenbedingungen einer Risikogesellschaft das normative Management eine größere Bedeutung.

M. geht davon aus, dass modernes Management nicht mehr überwiegend sozialtechnologisch bewerkstelligt werden kann, sondern zunehmend auf den Aufbau intersubjektiver Verständigungspotenziale angewiesen ist. Ein so interpretiertes dialogisches Management entfaltet die traditionelle ökonomische Rationalität weiter und stellt bisherige Orientierungsgrundlagen für das Denken, Fühlen und Handeln in Unternehmen infrage. Vor diesem Hintergrund kann M. zunächst interpretiert werden als die Disposition zur reflexiven Auseinandersetzung mit sich und dem Managementhandeln, aus der Erkenntnisse erwachsen, die zur Handlungsorientierung dienen (Wagner/Nolte 1993). Die Reflexion von Managementprozessen ist dabei eine wichtige Voraussetzung für eine umfassende Transformationsfähigkeit von Organisationen und ihren Mitgliedern unter Berücksichtigung der potenziell Betroffenen des organisationalen Entscheidens und Handelns. Hier klingt schon das dialogische Prinzip der M. an (Lehnhoff 1997), die deren Anschlussfähigkeit an die Transzendentalpragmatik bzw. Diskursethik (Apel 1988) verdeutlicht. M. muss dabei im Wesentlichen als Selbstbildung verstanden werden, da nur die selbstreflexive, sprich kritisch-mündige Auseinandersetzung von Individuen und sozialen Systemen mit sich und ihren Umwelten den genannten Anforderungen gerecht werden kann. Diese Auseinandersetzung kann dabei aufgrund fehlender materialer Normen, die universelle Gültigkeit beanspruchen könnten, nicht solipsistisch erfolgen, sondern eben nur im Dialog mit anderen.

Konsequent weiter gedacht führt dies zu der Annahme, dass M. eine über den Dialog realisierte, reflexive Auseinandersetzung des Managers und des Managements mit sich, den organisationalen und globalgesellschaftlichen Bedingungen und ihren jeweils kontrafaktischen Entwicklungsmöglichkeiten ist (Petersen 2003). Sie bezieht sich dabei sowohl auf die operative und unternehmensstrategische Effizienz als auch auf die ethische Begründetheit von Entscheidungen. Dieser Anspruch wird in dem von Petersen (2003) vorgeschlagenen Ansatz zum „Dialogischen Management“ unterstrichen. Im „Dialogischen Management“ – ermöglicht durch M. – wird zunächst einmal von der Grundannahme ausgegangen, dass sich der Dialog als gemeinsame Wahrheitssuche im Austausch zwischen Führungskräften und Mitarbeiterenden auszeichnet, da es nicht „die“ von vornherein (monologisch) festgelegte und allgemeingültige Wahrheit im Sinne eines „one best way“ (mehr) geben kann. Bezogen auf das Management bedeutet dies konkret, das Wagnis einzugehen, zunächst einmal im organisationalen Kontext Dialoge als animierender (Lern-)Partner und Katalysator zu führen. Auf diese Weise können auf Mitarbeiter- und Teamebene Selbstbewusstsein, Urteilsfähigkeit, Leistungs- und Innovationsbereitschaft ermöglicht und dementsprechend Raum dafür gegeben werden, sich im gesamten Kontext stärker Tugenden wie Kreativität, Querdenken, Spontaneität und Risikofreudigkeit zuzuwenden.

M. hat dabei nicht (nur) die Aufgabe, die Subjekte gegen die Ansprüche und Anforderungen der Systeme zu schützen und zu immunisieren, sondern über die Ermöglichung von Mitgestaltung die sozialen Systeme selbst zu humanisieren, also zu „bilden“. Die Bildung der Subjekte erfolgt somit nicht unabhängig von den sozialen Systemen, sondern vielmehr auf sie bezogen, und zwar mit dem Ziel, sie durch Mitgestaltung zu verändern. Eine so verstandene M. kann dabei klassische Dualitäten überwinden, wie → Bildung und → Qualifikation, allgemeine und Berufsbildung, materiale und formale Bildung sowie Subjekt und System, die bisher überwiegend als sich ausschließende duale Alternativen verstanden wurden.

Um diese Ansprüche umzusetzen, bedarf es einer weitgehenden Vorbereitung und Begleitung der Führungs- und Führungsnachwuchskräfte. In der Praxis kann dies beispielsweise dahingehend gestaltet sein, dass sowohl diagnostische als auch Entwicklungsmaßnahmen des Management Developments sich sehr viel stärker an einem dialogischen Paradigma auszurichten haben. Dies konvergiert übrigens mit den Forderungen von Unternehmen nach Mitarbeitenden als Mitunternehmern, nach Selbstverantwortung und Selbstorganisation der Organisationsmitglieder sowie nach Eigenverantwortung und ethischem Handeln der Führungskräfte.

Literatur

  • Apel, K.-O.: Die transzendentalpragmatische Begründung der Kommunikationsethik und das Problem der höchsten Stufe einer Entwicklungslogik des moralischen Bewusstseins. In: Ders.: Diskurs und Verantwortung. Frankfurt a.M. 1988

  • Lehnhoff, A.: Vom Management-Development zur Managementbildung. Frankfurt a.M. u.a. 1997

  • Petersen, J.: Dialogisches Management. Frankfurt a.M. 2003

  • Wagner, D./Nolte, H.: Managementbildung. In: Managementrevue, H. 1, 1993

Zurück zur Startseite

Das Buch zur Site

Wörterbuch Erwachsenenbildung

Wörterbuch Erwachsenenbildung
hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

» Buch online bestellen

Sie erhalten das Buch auch in Ihrer Buchhandlung!

Die Anbieter

Diese Seite ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, des Klinkhardt-Verlags und der UTB GmbH.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) ist die zentrale Einrichtung für Wissenschaft und Praxis der Weiterbildung in Deutschland. Aus dem Institut stammen die Herausgeber des Wörterbuchs.

Der Klinkhardt-Verlag ist ein pädagogischer Fachverlag. Er hat die Entwicklung des Wörterbuchs verlegerisch betreut.

UTB ist ein Verlag für Lehr- und Studienbücher. Bei UTB ist die Druckausgabe des Wörterbuchs erschienen.

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt