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Rudolf Tippelt

Milieuforschung

Soziale Milieus sind typische, durch Klassifikation und Konstruktion geordnete Muster der Lebensführung in einer → Gesellschaft. Sie fassen also Menschen zusammen, die sich in Lebensstil und Lebensführung zumindest ähneln, in gewisser Weise Einheiten innerhalb der Gesellschaft darstellen. Im Gegensatz zu sozialen Schichten lassen sich soziale Milieus nicht nur nach Berufsstatus, Bildungsabschluss und Einkommen hierarchisch ordnen. Sie stehen auch horizontal nebeneinander, wenn man die Aufmerksamkeit auf Lebensstile, Wertewandel und Erlebnisziele der verschiedenen Milieus richtet; ebenso können Milieugrenzen „quer“ zu den sozialhierarchischen Strukturen verlaufen.

Die Beschreibung soziokultureller Muster der Lebensführung im Milieuansatz sprengt die Vorstellung von einer weitgehend individualisierten Gesellschaft und arbeitet stattdessen die pluralen, aber noch immer differenten Bedingungen der Sozialstruktur in modernen Gesellschaften heraus. Die M. sucht Anschluss an die traditionelle Theorie sozialer Klassen von Max Weber, die von vier Klassen ausgeht: der Arbeiterschaft, dem Kleinbürgertum, der besitzlosen Intelligenz und Fachgeschultheit sowie der Klasse des Besitz- und Bildungsbürgertums. Nach dem Sinus-Milieuansatz werden allerdings heute zehn soziale Milieus unterschieden, die sich grob nach dem jeweiligen Grad der Modernisierung kategorisieren lassen: Traditionelle Milieus (Konservative, DDR-Nostalgische, Traditionsverwurzelte), gesellschaftliche Leitmilieus (Etablierte, Postmaterielle, Moderne Performer), Mainstream-Milieus (Konsum-Materialisten, Bürgerliche Mitte) sowie die so genannten hedonistischen Milieus (Experimentalisten, Hedonisten). Obwohl sich grundlegende Wertorientierungen und Einstellungen als relativ zeitstabil erweisen, spiegelt sich der Prozess der gesellschaftlichen Modernisierung mit den sich wandelnden ökonomischen, sozialen und politischen Veränderungen auch in Veränderungen der Milieustruktur wider. So veränderten sich seit Forschungsbeginn in den frühen 1980er Jahren nicht nur Anzahl und Größe, sondern teilweise auch die Eigenschaften sozialer Milieus.

In der Tradition von Strzelewicz/Raapke/Schulenberg (1966) ( → Leitstudien) lassen sich soziale Milieus und Lebensstile in unserer Gesellschaft so thematisieren, dass sie mit Ergebnissen zu Bildungsbiographien, Weiterbildungsinteressen und Weiterbildungswünschen verbunden werden. Der Anspruch der sozialen M. ist es primär, Ungleichheit und Differenz in modernen Gesellschaften sichtbar zu machen und das postmoderne Individualisierungstheorem milieuspezifisch zu interpretieren. Soziale M. verfolgt also ein Aufklärungsinteresse, lässt sich aber auch praktisch durch die differenzierte Teilnehmer- und Adressatenforschung auf die Marketinginteressen von Institutionen beziehen. Der Milieuansatz wurde mittlerweile auch fruchtbar zur Adressaten- und Teilnehmeranalyse im Rahmen der → politischen Bildung sowie deutschlandweit zum Weiterbildungsverhalten und zum Weiterbildungsinteresse der gesamten Bevölkerung eingesetzt (Flaig/Meyer/Ueltzhöffer 1993; Barz/Tippelt 2004). Auf Basis der M. können detaillierte Milieuprofile herausgearbeitet werden, die Hinweise auf die milieuspezifische Gestaltung zentraler → didaktischer Handlungsebenen geben (Reich/Tippelt 2004).

Literatur

  • Barz, H./Tippelt, R. (Hrsg.): Weiterbildung und soziale Milieus in Deutschland, 2 Bde. Bielefeld 2004

  • Barz, H./Tippelt, R.: Lebenswelt, Lebenslage, Lebensstil und Erwachsenenbildung. In: Tippelt, R./Hippel, A. v. (Hrsg.): Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung. 3., überarb. und erw. Aufl. Opladen 2009

  • Flaig, B./Meyer, T./Uelzhöffer, J.: Alltagsästhetik und politische Kultur. Zur ästhetischen Dimension politischer Bildung und politischer Kommunikation. Bonn 1993

  • Reich, J./Tippelt, R.: Didaktische Handlungsfelder im Kontext der Milieuforschung. In: Hessische Blätter für Volksbildung, H. 1, 2004

  • Strzelewicz, W./Raapke, H.-D./Schulenberg, W.: Bildung und gesellschaftliches Bewußtsein. Eine mehrstufige soziologische Untersuchung in Westdeutschland. Stuttgart 1966

  • Tippelt, R./Eckert, T./Barz, H.: Markt und integrative Weiterbildung: Zur Differenzierung von Weiterbildungsanbietern und Weiterbildungsinteressen. Bad Heilbrunn 1996

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt