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Ludwig A. Pongratz

Aufklärung

Auf die Frage, was A. sei, hat Immanuel Kant im 18. Jh. eine klassische Antwort formuliert, die auch heute noch als Ausgangspunkt für die Rekonstruktion des Begriffsverständnisses von A. dienen kann. Seine berühmte und knappe Formel lautet: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“ (Kant 1784). Das bedeutet, A. intendiere eine erkenntniskritische Haltung, die auf Rationalität setzt und von Aussagen mit Wahrheitsanspruch einfordert, sie vor „den Richterstuhl der Vernunft“ zu zitieren. Damit wird allen vormodernen Wissensformationen, die sich einzig über Autorität, Tradition, Gehorsam oder Glauben ausweisen konnten, die Grundlage entzogen. Zugleich wird unmittelbar einsichtig, dass aufklärerische Erkenntniskritik verbunden ist mit einer politischen Dimension: nämlich mit dem Sturz des Feudalismus und der Etablierung bürgerlicher Rechtsnormen. Damit korrespondiert eine gesellschaftliche Dimension von A.: Sie manifestiert sich z.B. in der Enttraditionalisierung von Status- und Rollenverteilungen, in der Dynamisierung des → sozialen Wandels (gefasst unter der Chiffre „Fortschritt“), in steigender Reflexivität, Abstraktheit, aber auch Kontrollierbarkeit sozialer Prozesse, schließlich im Anwachsen sozialer Spielräume selbstbestimmter Lebensführung ( → Lebenslauf, → Individualisierung). Diese Spielräume allerdings bleiben von Beginn an eingespannt in eine gegenläufige Bewegung. Der Wirtschaftsbürger bestimmt sich in völliger Abhängigkeit von den Märkten selbst. A. umschließt also nicht zuletzt auch eine ökonomische Dimension.

A. ist so gesehen mehr als nur eine geistesgeschichtliche Epoche, die etwa dem 17. und 18. Jh. zugehört. Sie umfasst einen langfristigen, zunächst europäischen Prozess der Etablierung einer spezifischen gesellschaftlichen Formation, die eng mit der Entwicklung kapitalistischer Ökonomie verknüpft ist, d.h. einer permanenten Umwälzung von Produktions- und Reproduktionsprozessen ( → sozialer Wandel). Man könnte sagen: Die moderne Gesellschaft ist Revolution in Permanenz – und A. ist ihr Prinzip.

Ein Ergebnis dieser A. ist die → Pädagogik, wie wir sie heute kennen. A. nämlich verlangt die autonome und selbstverantwortliche Integration der Menschen in einen sozialen Prozess, der ihnen nicht mehr von Beginn an einen gottgewollten Platz im Gesellschaftsgefüge zuweist, sondern ihnen eine permanente und stets neu zu vollziehende Verhältnisbestimmung zumutet. A. setzt auf geistige, politische und soziale Mündigkeit und Pädagogik ist der Ort, an dem die Moderne diese Ansprüche an die Individuen reflektiert und umzusetzen versucht. Die pädagogischen Vermittlungsbemühungen kulminieren im Begriff der → Bildung: Selbstständigkeit, Selbstbestimmung, Mündigkeit, Subjektivität und kritische Bildung stecken das Feld ab, innerhalb dessen sich moderne Pädagogik bzw. EB konstituieren.

Wenngleich A. zuvor als Revolutionierung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Permanenz bestimmt wurde, so muss doch umgekehrt in den Blick genommen werden, dass dieser Umwälzungsprozess seine „eigenen Kinder frisst“. Denn die anwachsenden Spielräume subjektiver → Autonomie werden letztlich mit einer „unterirdischen Geschichte“ verdrängter, verwilderter Leidenschaften bezahlt, mit einer verstümmelten, ihrer eigenen Sprache beraubten Leiblichkeit, mit der anhaltenden Unterdrückung innerer und äußerer Natur. Mit der A. wird eine durch und durch widersprüchliche gesellschaftliche Entwicklung in Szene gesetzt. Entsprechend macht die „Dialektik der Aufklärung“ (Horkheimer/Adorno 1947) dem europäischen Aufklärungsprozess die Rechnung auf. Und dann zeigt sich, dass wir heute vor den Trümmern der großen Aspirationen der A. stehen, vor einer entzauberten Moderne, die sich in wachsendem Maße in Selbstblockaden verfängt – und selbst doch Ergebnis des Aufklärungsprozesses ist.

Die Reaktionen auf die Risse und Bruchstellen, die die in die Krise geratene Moderne im Feld der Pädagogik aufwirft, sind keineswegs einheitlich, oft sogar gegenläufig. Wollte man diese Bewegungen vermessen, so lassen sich drei Muster unterscheiden:

Eine erste Antwort auf die Widersprüchlichkeit des Aufklärungsprozesses bzw. die Krise der Moderne liegt im Versuch, „Rückwege“ zu den vormodernen Ursprüngen der A. zu suchen, also zu Phantasie, Sinnlichkeit und Körperlichkeit. Der Rückzug auf das „Andere der Vernunft“ allerdings steht durchaus in Gefahr, ins Irrationale abzugleiten, gar in den Widerruf der Vernunft. Der Aufweis solcher Irrationalismen gehört zur aktuellen Gestalt von Ideologiekritik.

Die zweite Reaktion auf die Krise der Moderne lässt sich als „Ausstieg“ charakterisieren, als Preisgabe aufklärerischer Ambitionen. Als Beispiel hierfür mag die funktionalistische Systemtheorie gelten, die in ihrer jüngsten, konstruktivistischen Wendung das Motiv des Ausstiegs aus der Moderne aufnimmt.

Das dritte Muster nimmt die kritischen Intentionen der A. beim Wort und wendet sie reflexiv gegen sie selbst. Ihre Grundidee ist die einer kritischen Potenzierung von A. durch „Überschreitung“: Indem A. sich selbst unter aufgeklärte Kritik nimmt, öffnet sie sich einer transzendierenden Reflexionsbewegung (Horkheimer/Adorno 1947).

Je nachdem, welchem der hier bezeichneten Muster Weiterbildungskonzeptionen folgen, ergeben sich differierende bzw. konkurrierende Theoriefiguren. Entsprechend markieren die Entwürfe zur konstruktivistischen Erwachsenenbildung einerseits und zur kritischen Erwachsenenbildung andererseits die Pole eines kontroversen Diskursfeldes.

Literatur

  • Arnold, R./Siebert, H.: Konstruktivistische Erwachsenenbildung. Baltmannsweiler 1995

  • Horkheimer, M./Adorno, T.W.: Dialektik der Aufklärung. Amsterdam 1947

  • Kant, I.: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Schriften, Bd. 8. Berlin/Leipzig 1923 (erstmals ersch. 1784)

  • Pongratz, L.A.: Zeitgeistsurfer. Beiträge zur Kritik der Erwachsenenbildung. Weinheim/Basel/Berlin 2003

  • Pongratz, L.A.: Untiefen im Mainstream. Zur Kritik konstruktivistisch-systemtheoretischer Pädagogik. 2., überarb. Aufl. Paderborn 2009

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt