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Heinz H. Meyer

Netzwerke

N. stehen für eine bestimmte Art der Organisation von Vorgängen vielfältigster Art. In einem N. sind Institutionen, Organisationen, Einrichtungen und Akteure thematisch und aufgabenbezogen miteinander verknüpft. Kommunikation und Interaktion haben in Netzwerken einen erhöhten Stellenwert, sie bilden die Voraussetzungen für Prozesse gemeinsamer Entscheidungsfindung und Planung. Es gibt vertikal und horizontal strukturierte, machtvolle und machtarme Netze. Entsprechend unterschiedlich können ihre Entstehungsmotive, Zwecke, Ziele und Wirkungsgrade sein (Faßler 2001). Ein verbindendes Merkmal der verschiedenen Formen und Dichte-Grade von Vernetzung sind die Erwartungen, die an sie gerichtet werden. Denn N. werden besondere Eigenschaften zugeschrieben, die tradierte Modelle der institutionellen Zusammenarbeit offenbar nicht aufweisen. Im Unterschied zu diesen können N. ad hoc zusätzliche Ressourcen mobilisieren und sich schnell neuen Anforderungen anpassen. Zudem können aufgrund informeller Strukturen Entscheidungen schneller getroffen werden als beispielsweise in Behörden oder Ämtern. Dazu trägt wesentlich die Tatsache bei, dass die Mitglieder von N. nicht hierarchisch straff, sondern eher locker miteinander verbunden sind.

Systematisch betrachtet, gibt es folgende Typen und Formen von Netzwerken:

  • N. nachholender Modernisierung, wie z.B. „Regionale Bildungsnetze“ (Nuissl u.a. 2006), die neben bereits vorhandene Institutionen treten, um sie zu ergänzen oder funktionsfähiger zu machen,

  • N., die gebildet werden, um bestehende Strukturen zu überwinden und politische Machtverhältnisse zu verändern, wie es z.B. das globalisierungskritische, weltweit agierende Netzwerk „Attac“ oder verschiedene lokale Agenda-Gruppen zu praktizieren suchen,

  • N. im weiten Feld sozialer Interessen, wie etwa Selbsthilfegruppen im Zusammenhang mit dem demographischen Wandel, mit Gesundheit u.a.

Der Zusammenschluss zu N. geschieht nicht zuletzt auch deswegen, um in einer medialisierten Gesellschaft Gehör und Beachtung zu finden. Alle drei Typen können nicht trennscharf auseinandergehalten werden. Es gibt Berührungspunkte und Überschneidungen, sicherlich auch kongruente Motive. Immer wird versucht, eine jeweils spezifische Form der Lösung von mehr oder weniger komplexen Problemen zu finden. N. haben eine eigene Kulturgeschichte und gelten als Ausdruck und Gebot von Modernität schlechthin (Böhme/Barkhoff/Riou 2007).

Nicht verschwiegen werden soll, dass sich auch „Seilschaften“ in Politik und Wirtschaft zur Beförderung der eigenen Karriere gern N. nennen. Auch die Mafia und andere z.T. auch kriminelle Gruppierungen werden gelegentlich N. genannt, ohne es in unserem Sinne wirklich zu sein. Allerdings weist ihre Arbeitsweise netzwerkartige Züge auf, denn sie handeln nämlich durchaus selbstständig, eigenverantwortlich und dezentral.

Im Bildungs- und Kulturbereich, in dem N. besonders häufig anzutreffen sind, wird kaum in Betracht gezogen, dass Netze auch eine technische Seite haben. Die Gesellschaft verfügt über Strom- oder Funknetze und Kabelsysteme; auch Verkehrsnetze, wie Schienen, Straßen und Kanäle, werden ganz selbstverständlich benutzt, Wasserversorgung und Abwasserentsorgung erfolgen mittels (Rohr-)Netzen. Diese wirksamen Funktionszusammenhänge, auch Infrastrukturen genannt, überwinden Räume, Orte und Grenzen und verbinden Landschaften, Einrichtungen und Personen miteinander.

Sie haben die moderne Zivilisation überhaupt erst ermöglicht und sind Voraussetzung dafür, sie überhaupt verändern und weiter entwickeln zu können (Heidenreich 2004; Loske/Schaeffer 2005). In diesen Zusammenhang muss das Internet (insb. Web 2.0) mit seinen Möglichkeiten, neue Formen der Kommunikation und Interaktion anzuwenden, gestellt werden.

Allerdings sind auch hierbei Nebenwirkungen zu beachten, die im Zusammenhang mit gesellschaftlicher Dynamik, der Entwicklung der Produktivkräfte insgesamt und ihren immanenten Problemlagen von Fall zu Fall neu bewertet und abgeschätzt werden müssen. Auch hier treten Netzwerke auf den Plan.

N., so scheint es, haben inzwischen einiges von ihrem Mythos eingebüßt. Sie sind in die Alltagspraxis eingegangen – die Mediengesellschaft hat sie eingemeindet. Damit ist auch der Reiz der Neuartigkeit verloren gegangen. Das bedeutet aber nicht, dass sie bedeutungslos geworden sind. Allerdings sind sie einem Funktionswandel unterworfen, in dessen Verlauf einige ihrer Stärken, z.B. Partizipation, demokratische Struktur, organisationsübergreifende Ansätze, Transparenz und neue Sichtweisen, hier und da auf der Strecke geblieben sind. Denn viele N. verhalten sich inzwischen wie die Organisationen, denen sie zur Seite stehen sollten und entwickeln ein vergleichbares Beharrungsvermögen. Sie erinnern manchmal an die Funktionsweise selbstreferenzieller Systeme. Man gewinnt leicht den Eindruck, als gäbe es nur noch N. und anderes Arbeiten sei gar nicht mehr möglich.

Ein Grund, sich in N. zusammenzuschließen ist in den letzten Jahren aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung herausgefallen: erlebte Ohnmacht bzw. das Gefühl, von politischen und kulturellen Prozessen und Entscheidungen ausgeschlossen zu sein. N. dieser Prägung sind oft auch moralisch inspiriert, sie entstehen als Folge von Empörung über Vorgänge, die als ungerecht empfunden werden; subversive und anarchische Elemente sind deshalb mehr oder weniger integrale Bestandteile, sicherlich auch Treibstoff dieser Netze. Dadurch besitzen sie ein anderes demokratisches Potenzial, als es bei den N. der nachholenden Modernisierung und den sozial motivierten Netzwerken der Fall zu sein scheint. Denn diese tragen in erster Linie zur Optimierung der vorhandenen Strukturen bei, bzw. minimieren Defizite, die nicht selten in eben diesen Strukturen begründet sind. Politisch agierende N. sind demnach mehr als eine Reaktion auf etwas, sie sind eine Initiative für etwas. Sie stehen für die Utopie einer „atmenden“ Gesellschaft, die flexibel ist und mit einem Minimum an Verwaltung auskommt, auf Problemlagen schnell und nachhaltig reagiert, dabei demokratische Freiheiten sichern hilft und zukünftige Herausforderungen frühzeitig erkennt. Sie leisten also mit ihrem Einsatz einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft.

N. konstituieren aber auch einen Lernzusammenhang, sie sind fast immer selbst Ergebnis von Lernprozessen und entwickeln sich durch ihr Engagement weiter. Ihre Mitglieder erwerben neue fachliche Kenntnisse und soziale Kompetenzen, nicht selten durch Nutzung von Bildungsangeboten der Weiterbildungseinrichtungen. Im Grunde handelt es sich bei dieser Art des Lernens um eine spezifische Form der gesellschaftlichen Teilhabe (Meyer 2001), um → politische Bildung, ohne dass sie explizit so bezeichnet wird. Es kann davon ausgegangen werden, dass gesellschaftliches Engagement und Empowerment eng mit Weiterbildungsbereitschaft korrelieren. Denn die Akteure, insb. von N. der zuletzt beschriebenen Art, folgen in der Regel einem inneren Antrieb. Ihnen geht es in erster Linie um die Herausforderung, deren Mitgestaltung und um Freude an einer ungewöhnlichen und gemeinsam erbrachten Leistung. Modernisierungsnetzwerke und ihre Mitglieder (als Beispiele sind fachsystemisch organisierte Wissenschaftsnetzwerke, die “ Lernfeste“ und das im Anschluss daran aufgelegte BMBF-Programm „Lernende Regionen“ zu nennen) agieren weniger intrinsisch. Sie sind in der Regel an Belohnungen für ihr Handeln interessiert.

Dafür nehmen sie Zielvorgaben und auch staatliche Kontrollen in Kauf. Problematisch ist dabei, dass diese externen Stimuli dazu führen können, dass die Netzwerkbeteiligten sich möglicherweise kaum um Verständnis von weitergehenden Sachverhalten und grundlegenden Zusammenhängen bemühen und Fähigkeiten und Kenntnisse zurückhalten (Dahm/Scherhorn 2008).

Diese eher „mechanischen“ N. bilden in idealtypischer Hinsicht den Gegenpol zu den „atmenden“ politischen oder sozialorientierten N. Unabhängig von Motiv, Thema und Ziel können N. jedoch auf einen utopischen Kern nicht verzichten. Tun sie es doch, laufen sie Gefahr, auf den Status eines gewöhnlichen Kooperationsverbundes mit seinen typischen Machtverhältnissen zurückzufallen. Doch muss gleichzeitig davor gewarnt werden, das Leistungsvermögen von Netzwerken, insb. im Bildungs- und Kulturbereich, zu überfordern (Jütte 2006). Denn auch bei N. gilt die Regel: Weniger ist häufig mehr. Und eine sinnvolle Arbeitsteilung mit etablierten Einrichtungen ist nach wie vor besser als in N. einen Selbstzweck zu sehen. Sonst laufen Netzwerke Gefahr, nur noch das zu sein, was sie auch sind, nämlich „zusammengeschnürte Löcher“ wie es Julian Barnes in seinem Buch „Flauberts Papagei“ anschaulich beschrieben hat.

Literatur

  • Böhme, H./Barkhoff, J./Riou, J.: Netzwerke. Eine Kulturtechnik der Moderne. Köln 2007

  • Faßler, M.: Netzwerke. München 2001

  • Heidenreich, E.: Fliessräume. Die Vernetzung von Natur, Raum und Gesellschaft seit dem 19. Jahrhundert. Frankfurt a.M./New York 2004

  • Jütte, W.: Soziales Netzwerk Weiterbildung. Analyse lokaler Institutionenlandschaften. Bielefeld 2002

  • Loske, R./Schaeffer, R. (Hrsg.): Die Zukunft der Infrastrukturen. Intelligente Netzwerke für eine nachhaltige Entwicklung. Marburg 2005

  • Meyer, H.H. (Hrsg.): Weiterbildung: Teilhabe am Wissen der Gesellschaft. Kontextsteuerung und Engagement. Marl 2001

  • Nuissl, E. u.a. (Hrsg.): Regionale Bildungsnetze. Ergebnisse zur Halbzeit des Programms „Lernende Regionen – Förderung von Netzwerken“. Bielefeld 2006

  • Dahm, D./Scherhorn, G.: Urbane Subsistenz. Die zweite Quelle des Wohlstands. München 2008

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt