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Klaus Körber

Nonprofit-Sektor

Der Begriff NPS, auch „Dritter Sektor“ oder „gemeinnütziger Sektor“ genannt, ist erst in den 1990er Jahren in die deutschsprachige wissenschaftliche und politische Diskussion eingeführt worden (Badelt/Meyer/Simsa 2007). Unter diesem Begriff wird eine Vielfalt unterschiedlicher → Organisationen und Aktivitäten jenseits von „Markt“ (erwerbswirtschaftlicher Sektor), „Staat“ (öffentlicher Sektor) und „Privatsphäre“ (privater Sektor) zusammengefasst. Die Bandbreite reicht von Kirchen, Verbänden und Gewerkschaften samt deren gemeinnützigen Einrichtungen über wissenschaftliche und kulturelle Vereinigungen, Stiftungen und Vereine bis hin zu Bürgerinitiativen und Selbsthilfegruppen, Nichtregierungsorganisationen und sozialen Bewegungen. Dazu gehören auch nicht-staatliche und nicht-kommerzielle Erwachsenenbildungs-/Weiterbildungseinrichtungen und ihre → Träger. Als allgemein anerkannte Definitionskriterien für Nonprofitorganisationen (NPO), die dem NPS zugerechnet werden, gelten:

  • Organisations- und → Rechtsform: NPO sind formell organisiert und rechtlich selbstständig; sie sind auf Dauer angelegt und verfügen über eigene unabhängige Leitungsstrukturen.

  • Wirtschaftsform und Finanzierung: Sie verfolgen keine gewinnorientierten Ziele und unterliegen dem „nonprofit constraint“, d.h. sie dürfen finanzielle Überschüsse nicht unter ihre Mitglieder verteilen, sondern müssen sie reinvestieren oder gemeinnützig verwenden.

  • Individualitätsprinzip und Gemeinschaftsorientierung: Mitgliedschaft in NPO beruht auf dem Prinzip der individuellen Freiwilligkeit, zugleich aber auf der Gemeinsamkeit kollektiver Interessen, Normen und Werte, auf Solidarität und Zugehörigkeitsgefühlen („Wertegemeinschaften“).

Die aktuelle wissenschaftliche und politische Debatte zum NPS begann in den USA und Großbritannien; Auslöser waren die strukturelle Arbeitslosigkeit, die fiskalische Krise und der Rückbau des Wohlfahrtsstaates während der 1980er Jahre. Das Konzept des NPS wendet sich gegen die reduktionistische Alternative „Markt oder Staat“, die hinter der neoliberalen Forderung steht, der Staat solle sich aus Produktion und Verteilung von sozialen Dienstleistungen zurückziehen und diese den Selbststeuerungskräften des Marktes überlassen. Mit dem NPS wird dem öffentlichen Sektor und dem profitorientierten, erwerbswirtschaftlichen Sektor ein dritter, institutionell eigenständiger Sektor auf der gesellschaftlichen Makroebene gegenüber gestellt. Dessen Leistungen ergänzen die der anderen Sektoren, weil weder Markt noch Staat noch beide zusammen in der Lage sind, den ausdifferenzierten Bedarf an gesellschaftlich notwendigen Dienstleistungen, insb. den Bedarf an anspruchvollen personenbezogenen Dienstleistungen in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Kultur, Wohlfahrt und Gesundheit, Politik und Umwelt hinreichend zu decken (These vom Markt- und Staatsversagen). Dementsprechend konzentriert sich die Leitstudie der NPS-Forschung, das international vergleichende Projekt der amerikanischen Johns Hopkins University (Salamon/Anheier 1999), vorrangig auf die sozialökonomischen Funktionen. Dieser Studie ist es erstmals gelungen, empirisch nachzuweisen, welche Beiträge der NPS zur gesamtwirtschaftlichen Dienstleistungsproduktion, Wertschöpfung und Beschäftigungsentwicklung in vielen Ländern der Welt leistet. In der öffentlichen Debatte wird das Konzept auf der einen Seite kritisiert: NPO und für den NPS typische Praktiken, wie Stiftungsfinanzierung, Fundraising und Sponsoring oder freiwillige, unentgeltliche (ehrenamtliche) Arbeit erfüllten angesichts des fortschreitenden Rückzugs des Staates aus der Finanzierung und Regulierung öffentlicher Aufgaben lediglich Lückenbüßerfunktionen. Auf der anderen Seite stehen dem sehr optimistische Einschätzungen zur Entwicklung des NPS gegenüber: Nur dort hätten Arbeit und Beschäftigung noch Zukunft (Rifkin 2004).

Eher gesellschafts- und demokratietheoretisch, oft normativ, argumentieren Sozialwissenschaftler/innen, die auf die Beiträge des NPS zur sozialen Integration, zur politischen Kultur sowie zur Sozialisation und Identitätsbildung der Individuen abheben. Sie zählen NPO bzw. „freiwillige Assoziationen“ (de Tocqueville 1835) zum integrativen Kern der institutionellen Ordnung moderner funktional differenzierter Gesellschaften. Denn sie wirken

  • gemeinschaftsstiftend, indem sie gemeinsame sozialmoralische Werte und Normen, Zugehörigkeiten und kollektive Identität re-produzieren,

  • politisch, indem sie individuelle Bedürfnisse und Vorstellungen in kollektive Interessen, politische Überzeugungen und gemeinsames politisches Handeln übersetzen,

  • sozialintegrativ, indem sie Individuen als Mitglieder in organisierte Kommunikations- und Handlungszusammenhänge einbinden und über die Organisation vermittelt zu Staat und Gesamtgesellschaft in Beziehung setzen.

Dieses Verständnis des NPS deckt sich weitgehend mit dem Konzept der Zivil- oder Bürgergesellschaft. Bildungsrelevant ist dieses Konzept, weil NPO und soziale → Netzwerke als die sozialen Orte gelten, an denen „Sozialkapital“ (Putnam 1993) generiert wird, d.h. gemeinwohlorientierte Wertvorstellungen und Kompetenzen sowie solidarische Emotionen und Sozialbeziehungen als grundlegende subjektive Voraussetzungen für Demokratie und gesellschaftliche Integration. Für bürgerschaftliches Engagement und politische Partizipation sind kollektive Verständigungs- und Lernprozesse konstitutiv.

In der → Erwachsenenbildungswissenschaft spielen das NPS-Konzept ebenso wie das Konzept der Zivilgesellschaft bislang nur eine marginale Rolle. Mit den Besonderheiten von NPO im Unterschied zu markt- und profitorientierten Unternehmen setzt sich seit längerem lediglich Schäffter (1993) in seinen Arbeiten zur erwachsenenpädagogischen Organisationsforschung auseinander. Das ist insofern erstaunlich, als gerade gemeinnützige, sog. „freie“ Träger und Einrichtungen, die zum NPS zählen, zu den tragenden Säulen des deutschen → Weiterbildungssystems gehören, das auch heute noch maßgeblich durch deren → Pluralismus und → Subsidiarität bestimmt wird. Es reagiert zudem sensibler und rascher als andere Bildungsbereiche auf soziale, politische und kulturelle Veränderungen, weil es offener ist für Akteure des sozialen Wandels, insb. für soziale und kulturelle Bewegungen, aus denen immer wieder neue, gemeinnützige Träger und Einrichtungen der EB hervorgehen. Das NPS/NPO-Konzept scheint geeignet, die NPS-spezifischen Kontextbedingungen für aktuelle Prozesse der Modernisierung und Organisationsentwicklung bei ebensolchen Trägern und Einrichtungen zu analysieren, die sich von staatlichen oder kommerziellen und betrieblichen Weiterbildungsorganisationen sowohl durch eigenartige Organisations- und Rechtsformen als auch durch sektorspezifische Bedingungen für Finanzierung, Personalentwicklung und Programmplanung, insb. aber durch anspruchsvolle Formen der Kooperation und Koproduktion bei der Auswahl von Zielgruppen und Teilnehmenden sowie bei der Gestaltung konkreter Lehr-Lernprozesse unterscheiden. Daraus erwachsen besondere Anforderungen an die Leistungsstrukturen wie das Management, die nur in Grenzen marktkompatibel sind.

Die gegenwärtigen Zwänge zur Ökonomisierung und Marktorientierung werden im NPS unterschiedlich verarbeitet. Während eine Reihe von Organisationen sich zu markt- und gewinnorientierten Dienstleistungsunternehmen entwickeln, die schließlich den Status von NPO aufgeben; gelingt es anderen, die Anforderungen von Märkten, „Mission“ und modernem Management (Badelt/Meyer/Simsa 2007) so auszutarieren, dass die grundlegende Nonprofit-Orientierung ebenso wie die je spezifischen Wertorientierungen, Klienten- und Mitgliederbindungen erhalten bleiben und in neuen Konstruktionen kollektiver Identität aufgehoben werden. Eine Verarbeitungsform der aktuellen Ökonomisierungstendenzen, die zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist die Entwicklung hybrider Organisationen und Praktiken. In hybriden Systemen werden Ressourcen, Organisationsmuster und Handlungslogiken sowie Ziel- und Wertvorstellungen aus verschiedenen Sektoren miteinander kombiniert. Derartige Kooperations- und Austauschprozesse zwischen den Sektoren und die neuartigen, gemischtwirtschaftlichen wie gemischten institutionellen und organisatorischen Strukturen, die daraus resultieren, sind zuerst unter den Stichworten „Welfare Mix“ und „Intermediarität“ (Evers/Olk 1996) untersucht worden. Der Intermediaritätsansatz wird inzwischen kaum noch weiter verfolgt. In jüngst veröffentlichten Überlegungen zu einer neuen Forschungsagenda für den NPS wird stattdessen vorgeschlagen, hybride Organisationen und Politiken im Kontext von Zivilgesellschaft zu erforschen. Die Schwerpunkte der Forschung lagen und liegen in den Feldern Wohlfahrt, soziale Arbeit und bürgerschaftliches Engagement, nicht im Feld EB/WB. Gleichwohl haben sich in der Realität auch immer mehr Erwachsenenbildungs-/Weiterbildungseinrichtungen zu hybriden Organisationen entwickelt, die mit einem Mix von Ressourcen, Organisationselementen und Managementkonzepten aus staatlichen, marktwirtschaftlich-unternehmerischen und NPS-Kontexten operieren. In der → Weiterbildungspolitik werden ebenso seit längerem schon in einem Politik-Mix staatliche, marktwirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Ziele, Akteure und Instrumente miteinander kombiniert.

In den fachdidaktischen Diskurs zur → politischen Bildung haben das NPS-Konzept, vor allem aber das Konzept der Zivilgesellschaft hingegen längst Eingang gefunden. Das gilt ebenso für die Praxis der politischen EB. Hier gewinnen Angebote und Konzepte für eine gemeinwesenorientierte zivilgesellschaftliche oder → bürgerschaftliche Bildung in den letzten Jahren empirisch rasch an Bedeutung. Das reicht von der Qualifizierung für bürgerschaftliches Engagement und Sozialmanagement über Trainings zur gewaltfreien Konfliktbewältigung bis hin zur pädagogischen Unterstützung informellen Lernens in sozialen und politischen Handlungszusammenhängen, die von NPO und sozialen Bewegungen organisiert werden (Körber 2006). Angesichts ständiger Verunsicherungen durch den permanenten Strukturwandel in der modernen „Transformationsgesellschaft“ suchen immer mehr Menschen zunächst selbstorganisiert, so vermutet Schäffter (Schäffter 2007), in alltagsnahen Lernprozessen im Rahmen zivilgesellschaftlicher Aktivitäten nach Orientierung, psychosozialer Stabilisierung und Lösungen für bedrängende Probleme. Diese Such- und „Lernbewegungen“ pädagogisch zu unterstützen und reflexiv zu begleiten, werde zu einer Hauptaufgabe der EB in der Zukunft.

Literatur

  • Badelt, C./Meyer, M./Simsa, R. (Hrsg.): Handbuch der Nonprofit Organisationen. Strukturen und Management. 4., überarb. Aufl. Stuttgart 2007

  • Evers, A./Olk, T. (Hrsg.): Wohlfahrtspluralismus – Vom Wohlfahrtsstaat zur Wohlfahrtsgesellschaft. Opladen 1996

  • Körber, K.: Zwischen Politikverdrossenen, reflektierten Zuschauern und aktiven Bürgern. Lehren in der politischen Weiterbildung. In: Nuissl, E. (Hrsg.): Vom Lernen zum Lehren. Lern- und Lehrforschung für die Weiterbildung. Bielefeld 2006

  • Putnam, R.D.: Making Democracy Work: Civic Traditions in Modern Italy. Princeton 1993

  • Rifkin, J.: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. Neue Konzepte für das 21. Jahrhundert. Frankfurt a.M./New York 2004

  • Salamon, L.M./Anheier, H.K.: Der Dritte Sektor. Aktuelle internationale Trends. The Johns Hopkins Comparative Nonprofit Project, Phase II. Gütersloh 1999

  • Schäffter, O.: Erwachsenenbildung als Non-Profit-Organisation. Grundlagen der Weiterbildung – Praxishilfen. Loseblattwerk. Frankfurt a.M. 1993 (Grundwerk)

  • Schäffter, O.: Bürgerschaftliches Engagement als Kontext lebensbegleitenden Lernens in der Transformationsgesellschaft. In: The Japan Society for the Study of Adult and Community Education (Hrsg.): New Trends in Adult and Community Education and the Growth of NPOs. Tokio 2007

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt