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Ekkehard Nuissl

Öffentliche Verantwortung

Der Begriff der ö.V. für den Weiterbildungsbereich wird erstmals im Strukturplan des Deutschen Bildungsrates verwendet (1970). Der Begriff selbst bleibt undefiniert. Das gilt auch für die „öffentliche Aufgabe“, welche die BLK 1973 für Bund, Länder und Gemeinden im Hinblick auf WB formuliert. Von öffentlichem Interesse, so meinte man damals, sei die Planung des Bildungswesens, die Festlegung von Qualitätsstandards und die Formulierung von Lernzielen. Begründet wurde die ö.V. für die WB mit einem allgemein gesellschaftlichen Interesse und der Annahme, dass die selbstregulierte WB die erkennbaren Bildungsbedarfe nicht befriedigen könne.

Die ö.V. wurde in den 1970er Jahren in den meisten Ländern der Bundesrepublik Deutschland in Gesetzen festgelegt, die Rede war von Grundangeboten zur WB für die erwachsenen Einwohner des Einzugsgebiets, die Komplettierung der Infrastruktur im Kultur- und Bildungsbereich der Region sowie einer Zentralfunktion der Gemeinde. Mit der Definition der ö.V. Anfang der 1970er Jahre wurde WB eigentlich erst zur „vierten Säule“ eines öffentlich und bildungspolitisch deklarierten, gesamten Bildungssystems. Von Anfang an jedoch war die Verwendung des Begriffs der ö.V. unbestimmt; nicht der Staat wurde damit in die Pflicht genommen, sondern eine nicht als bildungspolitisches Subjekt agierende „Öffentlichkeit“. Im Zuge der Entwicklung des Verhältnisses von privat und öffentlich in den industrialisierten Gesellschaften, auch in Deutschland, verschoben sich die Eckdaten dessen, was in ö.V. ist. Viele öffentliche Einrichtungen (wie Post und Bahn) erhielten privatwirtschaftliche Grundlagen, viele öffentliche Aufgaben (wie z.B. Polizei) wurden in private Hände gegeben, viele privatwirtschaftlichen Ziele haben öffentliche Ziele substituiert, einige öffentliche Strukturen (wie Kirche, Partei und Verbände) haben an Kraft verloren, privatwirtschaftliche Strukturen wurden öffentlich oder zur Determinante staatlicher Politik (wie in Finanzkrisen) und ein gemeinsamer öffentlicher Zielkonsens wurde zunehmend schwächer (Meisel/Nuissl 1995). Mangels ausreichender Operationalisierung hatte die ö.V. für die WB bis Anfang des 21. Jh. immer mehr abgenommen; dies zeigt sich auch an der Abnahme der öffentlichen Finanzierung (DIE 2008).

In jüngster Zeit gibt es eine Renaissance des Begriffs der ö.V. Viele Brüche in der politischen Umsetzung von Bildungskonzepten wie des → Lebenslangen Lernens oder der Grundbildung, machten deutlich, dass eine ö.V. in der WB besteht, da wichtige Segmente der WB (wie → politische Bildung) ohne eine auch in Förderungssystemen realisierte ö.V. nicht bestehen können. Die bildungspolitische Diskussion zur ö.V. konzentriert sich heute auf die Frage, welche Segmente der WB in ö.V. sind und daher auch einer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen. Dabei werden Kriterien herangezogen, die wiederum den unscharfen Begriff des „Öffentlichen“ verwenden, jedoch mit Blick auf „Interesse“. Ö.V. besteht für diejenigen Unternehmungen der Weiterbildung, an denen öffentliches Interesse besteht. Damit wird versucht, privat motivierte Weiterbildungsaktivitäten aus der öffentlichen Verantwortung herauszunehmen. Die Grenzziehung ist schwer. Kriterien für die Grenzziehung kommen aus gesellschaftlichen Bedarfsanalysen („Welche Qualifikation ist zur gesellschaftlichen Entwicklung erforderlich?“). Dabei werden etwa Aktivitäten zur erhöhten naturwissenschaftlichen Bildung und zur Grundbildung der Bevölkerung in den Blick genommen. Oder sie kommen aus normativen Gestaltungsprinzipien der Gesellschaft, wie etwa das Verständnis des Staates und der gesellschaftlichen Teilhabe. Dabei werden politische Bildung und etwa Ökologie in den Blick genommen. Der Staat befindet sich aktuell in einem Diskussionsprozess, in dem dieser „Kernbereich“ der ö.V. im Bereich der Gesamtweiterbildung identifiziert und gezielt gefördert werden kann. Damit verbunden sind weitergehende Fragen und Probleme der politischen Ordnung des Weiterbildungsbereichs und der zielgerichteten Mittelallokation in der WB.

Literatur

  • Bubenzer, R.: Grundlagen der Staatspflichten auf dem Gebiet der Weiterbildung. Zur Herleitung von Staatsaufgaben und Individualrechten im Weiterbildungswesen. Frankfurt a.M. u.a. 1983

  • Deutscher Bildungsrat: Strukturplan für das Bildungswesen. Stuttgart 1970

  • DIE: Trends der Weiterbildung. DIE-Trendanalyse 2008. Bielefeld 2008

  • Meisel, K./Nuissl, E.: Das Öffentliche in der öffentlich verantworteten Erwachsenenbildung. In: Hessische Blätter für Volksbildung, H. 2, 1995

  • Nuissl, E.: Öffentlich verantwortete Weiterbildung – wie lange noch? In: Ahlheim, K./Bender, W. (Hrsg.): Lernziel Konkurrenz? Erwachsenenbildung im Standort Deutschland. Opladen 1996

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt