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Wiltrud Gieseke

Perspektivverschränkung

Das mit dem Konzept der P. verbundene, pädagogische Forschungsinteresse richtet sich auf die Frage, ob die pädagogisch handelnden Akteure in der Programmplanung und die Adressaten bzw. Teilnehmenden im Kurs mit ähnlichem pädagogischen Anspruch einander begegnen oder wie weit Anspruch und Realisierung auseinandergehen. Dabei interessiert nicht, ob die Praxis der Theorie genügt, sondern welche pädagogischen Praktiken sich wie unter einem formulierten pädagogischen Anspruch realisieren. Deutungsdifferenzen und Praktiken in ihrer Differenz zu Deutungen sowie theoretischen Vorgaben und Auslegungen werden forschungsmethodisch in einen Diskurs gebracht. Die vernetzten Beziehungsstrukturen pädagogischen Handelns zwischen verschiedenen Akteur/inn/en und Kontexten werden methodisch erschlossen. Dahinter steht der Anspruch, Forschungsmethoden dem spezifischen Planungs-, Umsetzungs- und Deutungshandeln anzupassen. Dabei wird unterstellt, dass der Prozess der Planung und Durchführung von Inhalten sowie der Aneignungsprozess der Lernenden immer im Rahmen institutionell vorgegebener Grenzen kommunikativ ausgehandelt wird (Gieseke 1985). Dieses gilt auch und gerade, da impliziter wirkend, für selbstgesteuertes Lernen.

Kommunikativ aushandeln bedeutet nicht, dass es einen durchgehenden Konsens gäbe oder dass alle Personen aktiv gleichzeitig beteiligt wären, sondern nur, dass sie in bestimmten Phasen des Prozesses ihre Aktivität einbringen und über diesen in ihren spezifischen Beitrag weiterwirken. Der Prozess der Sinnstiftung, der Zwecksetzung und die Motivstruktur für ein didaktisches Konzept sowie seine spezifische Umsetzung wirken weiter. Die Verschränkung verschiedener Perspektiven, die eine neue Ganzheit ergibt, ist also methodisch für die erwachsenenpädagogische Forschung von hohem Interesse. Diese Ansprüche sind heute noch aktueller, da die Vernetzungsprozesse aufgrund von finanzieller Knappheit und Deinstitutionalisierungsprozessen zunehmen. Es handelt sich um pädagogische Forschung, weil sie den Prozess des Planens und des Umsetzens, das Zusammenspiel und die Ausführung, also auch die Widersprüche zwischen Zielen und Wirkungen, in den Blick nimmt und das parallele Arrangement von Verschiedenheit akzeptiert. Das Methodenarrangement der P. arbeitet nicht mit Wenn-dann-Vorstellungen über Aneignungs- und Vermittlungsprozesse, sondern rechnet mit vernetzten Wirkungen von pädagogischen Ereignissen. Um diesen Wechselwirkungen im pädagogischen Arrangement nachzugehen, ist die Erschließung der am Prozess beteiligten Perspektiven von Bedeutung (Gieseke 2007). Die Notwendigkeit einer pädagogischen Intentionalität ist dabei nicht infrage gestellt.

Die Perspektivität ist in anderen Disziplinen eine eingeführte Kategorie. Mit P. betrachtet man eine Konstellation nach verschiedenen Gesichtspunkten und aus verschiedenen Standpunkten. Diese hat genau und abgeleitet zu sein und die dabei wirksamen Mechanismen, z.B. als Wechselwirkung, als lockere, unverbundene, (durch-)steuernde Wirkungen beschreibbar zu machen. Mit P. soll gerade ein Bild der Wirklichkeitsstrukturierung in ihrer Vielfalt oder Eindimensionalität nachgezeichnet werden können. Denn Perspektive meint, aus dem Lateinischen perspicere kommend, „genau, deutlich sehen“. Unter „Malkunst“ wird u.a. verstanden, etwas im dreidimensionalen Raum zu begreifen. Das „Bild“ wird als „Durchschnitt durch die Sehpyramide“ begriffen (Gieseke 2007). Für die kulturwissenschaftliche Betrachtung wird der „Raum“ als „Systemraum“ abgesteckt. In der Geschichtswissenschaft meint der Perspektivenbegriff den Standpunkt des Forschers.

In der pädagogischen Forschung konzentriert man sich auf den Verlauf und die Wirkung von pädagogischen Interventionen. Es interessiert das „Dazwischen“, d.h. die Beziehung im Verlauf von pädagogischen Prozessen. Welchen Gewinn eine solche Forschung erbringt und wie sie sich weiterentwickelt lässt, ist nachvollziehbar bei Gieseke (2000), Robak (2004), Fichtmüller/Walter (2007), Schmidt-Lauff (2008). So arbeiten Fichtmüller/Walter (2007) u.a. die Lücken im Aneignungsprozess beruflichen Handelns bei fehlender Praxisbegleitung heraus. In der Programmforschung konnte die spezifische Struktur der Angebotsgewinnung als Angleichungshandeln identifiziert werden (Gieseke 2000). Robak (2004) arbeitet die Spezifika von Managementhandeln für pädagogische Organisationen heraus, Schmidt-Lauff (2008) dokumentiert die vielfältigen Einflussbereiche von Zeitentscheidungen für Bildung.

Literatur

  • Fichtmüller, F./Walter, A.: Pflegen lernen. Empirische Begriffs- und Theoriebildung zum Wirkgefüge von Lernen und Lehren beruflichen Pflegehandelns. Göttingen 2007

  • Gieseke, W. (Hrsg.): Programmplanung als Bildungsmanagement? Qualitative Studie in Perspektivverschränkung. Begleituntersuchung des Modellversuchs „Entwicklung und Erprobung eines Berufseinführungskonzepts für hauptberufliche Erwachsenenbildner/innen“. Recklinghausen 2000

  • Gieseke, W.: Das Forschungsarrangement Perspektivverschränkung. Dies. (Hrsg.): Qualitative Forschungsverfahren in Perspektivverschränkung. Dokumentation des Kolloquiums anlässlich des 60. Geburtstages von Frau Prof. Dr. Wiltrud Gieseke am 29. Juni 2007. Erwachsenenpädagogischer Report, Bd. 11. Berlin 2007 (Humboldt-Universität)

  • Robak, S.: Management in Weiterbildungsinstitutionen. Eine empirische Studie zum Leitungshandeln in differenten Konstellationen. Hamburg 2004

  • Schmidt-Lauff, S.: Zeit für Bildung im Erwachsenenalter. Interdisziplinäre und empirische Zugänge. Münster 2008

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt