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Sigrid Nolda

Autonomie

Das von Immanuel Kant entwickelte Prinzip der A. als Bestimmung des sittlichen Willens allein durch die Vernunft hat als grundlegender Bestandteil der Idee der → Aufklärung die darauf beruhende (Erwachsenen-)Bildung entscheidend geprägt. Dabei geht es um die A. des Lernenden, zu der (Erwachsenen-)Bildung verhelfen soll. Die auf die Gesamtklientel bezogene Aufgabe hat sich Ende des 19. Jh. mit der → Arbeiterbildung, in der zweiten Hälfte des 20. Jh. mit der Zielgruppenorientierung ( → Zielgruppen) und dann vor allem mit der Frauenbildung auf gesellschaftlich benachteiligte Gruppen spezifiziert, ohne auf den Gesamtanspruch zu verzichten. A.förderung, verbunden mit der Idee der gesellschaftlichen Veränderung durch Aufklärung, hat vor allem die politische EB geprägt.

Eine doppelte Skepsis hat naive Emanzipationsvorstellungen irritiert. Zum einen handelt es sich um den Zweifel an der Vorhersehbarkeit und Leistungsfähigkeit (erwachsenen-)pädagogischer Anstrengungen, wie sie schon Luhmann als Technologiedefizit der Pädagogik beschrieben hat und wie sie als Ergebnis von Teilnehmerforschung als individuelle Aneignung ( → Aneignung – Vermittlung) von Lehrinhalten durch die Teilnehmenden erscheint. Zum anderen geht es um (post-)moderne Zweifel am aufklärerischen Bildungsideal selbst, die das Obsolete des alteuropäischen Dualismus von A. und Heteronomie oder das Illusionäre und Fiktive der Idee der A. betonen.

Einen eher praktischen Akzent erhält die Diskussion um A. in der EB bei der Frage nach der Organisation von Lernprozessen, wie sie neuerdings unter den Stichworten selbstorganisiertes bzw. selbstgesteuertes Lernen ( → Selbstorganisation – Selbststeuerung) diskutiert wird. Dabei steht die selbstständige Planung, Durchführung und Kontrolle des eigenen → Lernens im Vordergrund. EB kann hier A. bewirken oder unterstützen, sie kann aber auch ihre Grenzen erkennen bzw. sich eine neue Rolle suchen, indem sie von der Instruktion auf → Moderation und → Beratung übergeht. Diese Unterstützung von A. scheint gegenwärtig die gebräuchlichste Form der Problembehandlung zu sein: Die Idee, über EB Selbstbestimmung zu bewirken, hat sich dagegen weitgehend als Illusion erwiesen, die prinzipielle Infragestellung von A. findet nur geringe Resonanz.

Eine A. unterstützende EB setzt diese entweder als gegeben voraus oder sieht sie als angelegte, zu entwickelnde Fähigkeit an. Im ersten Fall kann sie sich auf die Bereitstellung von Infrastrukturen (Dräger/Günther/Thunemeyer 1997) zurückziehen, im zweiten mit Selbstbestimmung fördernden didaktischen Arrangements reagieren, die vor allem in den Bereichen der beruflichen und der fremdsprachlichen Bildung propagiert werden. Hier verspricht man sich von der Betonung der Lernera. vor allem eine Steigerung der Effektivität. Aus einer anderen Perspektive wird beobachtet, wie Teilnehmende Veranstaltungen der EB weniger zum Erwerb von A. als zur Darstellung von A. nutzen (Nolda 1996).

Neben der Lerner- bzw. Teilnehmera. werden die A. der Disziplin, der Profession und der Einrichtungen bzw. des Systems der EB/WB diskutiert. Dabei geht es um die Unabhängigkeit der Wissenschaft der EB vom Wunsch der Praxis nach unmittelbar verwertbarem Rezeptwissen und nach legitimatorischer Unterstützung, um die sog. pädagogische A., nach der Ziel und Methoden erwachsenenbildnerischer Arbeit von der EB selbst bestimmt werden, um die Freiheit und Unsicherheit der Arbeitsbedingungen hauptberuflicher Honorarkräfte sowie um die Unabhängigkeit von staatlichen Vorgaben und Eingriffen bzw. um die Zunahme finanzieller Selbstverantwortlichkeit. Im Zusammenhang mit der Kritik am Neoliberalismus wird angesichts der Umwandlung von Bildungsanbietern zu nachfrageorientierten Lernagenturen die Befürchtung geäußert, dass der Einfluss nicht-pädagogischer Institutionen zunehmen und die EB insgesamt einen A.verlust erleiden könnte (Forneck/Wrana 2005).

Literatur

  • Dräger, H./Günther, U./Thunemeyer, B.: Autonomie und Infrastruktur. Zur Theorie, Organisation und Praxis differentieller Bildung. Frankfurt a.M. 1997

  • Forneck, H.J./Wrana, D.: Ein parzelliertes Feld. Eine Einführung in die Erwachsenenbildung. Bielefeld 2005

  • Nolda, S.: Interaktion und Wissen. Eine qualitative Studie zum Lehr-/Lernverhalten in Veranstaltungen der allgemeinen Erwachsenenbildung. Frankfurt a.M. 1996

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt