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Ingeborg Schüßler

Projektlernen

Unter P. wird eine Organisationsform des institutionalisierten → Lernens verstanden, die dem Lernenden Mit- und Selbstbestimmung ermöglicht; dies tut er bei der Wahl der Inhalte und Seminarthemen, bei der Festlegung der Kursziele, bei der Bestimmung der → Methoden, bei der Durchführung, Erarbeitung und → Problemlösung (Problemlösungslernen) der Projektaufgabe sowie bei der Beurteilung der geleisteten Arbeit. Die sog. „Projektmethode“ geht in ihrer pädagogischen Grundlegung auf den amerikanischen Philosophen J. Dewey (1859-1952) zurück. Sein auf den Pragmatismus begründeter Projektbegriff stellt die Bedeutung zielgerichteten, gemeinschaftlichen Handelns an lebenswirklichen Situationen heraus. Durch das gemeinschaftliche Tun sollte nicht nur Demokratie geübt, sondern auch weiterentwickelt werden. Im Mittelpunkt seiner Projektidee steht die → Erfahrung in Form des Ausprobierens oder des Versuchs („learning by doing“). Solche Erfahrungen seien nach Dewey kein passives Erleben, sondern bedingten eine konflikthafte, in sich unabgeschlossene Situation, die auf Veränderung angelegt sei und damit die Lernenden zum selbstständigen Lernen und zu verändertem Handeln herausforderten.

In Deutschland fand der Projektgedanke vor allem zur Zeit der Reformpädagogik seine Verbreitung. Namen, die damit in Verbindung stehen sind z.B. Hugo Gaudig, Adolf Reichwein, Peter Petersen, Georg Kerschensteiner oder Maria Montessori. Eine Innovation erfuhr er in den 1960er und 1970er Jahren im schulischen Bereich im Zuge der Forderung nach offenem → Unterricht. Aufgrund der Diskussion um → Schlüsselqualifikationen in den vergangenen Jahren wird dem P. als Möglichkeit der erweiterten Kompetenzentwicklung im Rahmen handlungsorientierter Lehr-Lernkonzepte eine herausragende Bedeutung zuerkannt. Neben betrieblicher Aus- und Weiterbildung (z.B. Übungsfirmen) finden sich Formen des P. auch in der allgemeinen EB (z.B. Projekte zum → biographischen Lernen im Rahmen von stadtteilbezogenen oder historischen Erkundungen). Menschen lernen in Projekten, aber auch außerhalb institutionalisierter Lernkontexte ( → informelles Lernen), z.B. innerhalb der neuen sozialen Bewegungen, deren Mitglieder sich u.a. Umweltschutzprojekten widmen und sich dadurch neues → Wissen selbstorganisiert aneignen. Durch das Wachstum der Informations- und Kommunikationstechnologien seit Ende der 1990er Jahre und einem damit verbundenen zunehmenden Einsatz Neuer → Medien in Lehr-Lernprozessen und deren Gestaltung ( → E-Learning) erfährt das P. eine stärkere Verbreitung und Innovierung. So erlauben webbasierte Lernplattformen mit Elementen, wie Foren, Wikis oder Videokonferenzen, den Teilnehmenden, zeitlich und/oder örtlich unabhängig voneinander an Projekten zu arbeiten (Thurnes 2005). Allerdings wird in diesem Kontext vieles als P. tituliert, ohne tatsächlich ein „echtes“ Projekt zum Gegenstand des Lernens zu machen. Folgende Aspekte kennzeichnen zusammenfassend das P.:

  • BedürfnisbezogenheitTeilnehmerorientierung: Die Interessen und Bedürfnisse der Lernenden bestimmen die Auswahl des Projektthemas.

  • Situationsbezogenheit: Das Projekt bezieht sich auf eine tatsächliche, für die Lernenden erfahrbare und aktuelle Situation.

  • Interdisziplinarität: Die komplexe Struktur der Projektthemen erfordert die überfachliche bzw. von verschiedenen fachlichen Aspekten ausgehende Bearbeitung (Prinzip der Ganzheitlichkeit).

  • Selbstorganisation des Lehr-Lernprozesses durch die Lernenden einschließlich der Beurteilung des Verlaufs und des Ergebnisses unter Begleitung eines Lernenden.

  • Produkt- und → Handlungsorientierung: Das Projekt zielt auf die Herstellung eines „Werks“ ab, z.B. eine Aufführung oder Ausstellung, wobei über den Herstellungsprozess eine Verbindung von Denken und Handeln sowie Theorie und Praxis vollzogen werden soll.

  • Kollektive Realisierung: Alle Mitglieder einer Lerngruppe tragen verantwortlich durch Bearbeitung bestimmter zugeteilter bzw. übernommener Aufgaben zum Gelingen des Projekts bei.

  • Gesellschaftliche Relevanz: Damit soll die Bedeutsamkeit des Projekts durch Orientierung an aktuellen Ereignissen unterstrichen werden.

Zu berücksichtigen ist allerdings, dass das P. sowohl an Lehrende, die Lernenden als auch die Lernumgebung spezifische Voraussetzungen stellt. Die Lehrenden treten im Lernprozess zurück, verhalten sich eher informierend, beratend, anregend, kooperierend und koordinierend, während entsprechend bei der Lerngruppe Selbstständigkeit und Selbsttätigkeit ( → Selbstorganisation – Selbststeuerung) zunehmen. Voraussetzung dafür ist, dass die Lernenden mit und ohne Hilfe anderer aktiv werden und sich selbst motivieren, sich ihrer eigenen Lernbedürfnisse bewusst werden, ihre eigenen Lernziele festlegen, die benötigten Ressourcen und Materialien bestimmen, eine angemessene Lernstrategie auswählen, durchführen und nach Bedarf regulieren sowie das Lernergebnis evaluieren, was insgesamt ein hohes Maß an Problemlösungswissen (Metakognition) erfordert. Die institutionellen Rahmenbedingungen müssen Kooperationsmöglichkeiten innerhalb und außerhalb der → Institution gewährleisten sowie einen passenden Zeitrahmen zur Erarbeitung der Projekte zur Verfügung stellen. P. im Sinne teilnehmerorientierten und handlungsorientierten Lernens trägt damit als didaktisches Prinzip derzeitigen Anforderungen an selbstständiges, flexibles Arbeiten mit dispositiven Aufgaben und der eigenständigen Bewältigung unsicherer Lebenssituationen in besonderem Maße Rechnung.

Literatur

  • Frey, K.: Die Projektmethode. 8. Aufl. Weinheim 1998

  • Jäger, O.: Projektwoche. Möglichkeiten für eine humane Schule und Gesellschaft. Neuwied u.a. 1998

  • Kaiser, F.-J.: Projekt. In: Gunter, O./Schulz, W.: Methoden und Medien der Erziehung und des Unterrichts. Enzyklopädie Erziehungswissenschaften, Bd. 4. Stuttgart 1985

  • Hongler, H./Willener, A.: Die Projektmethode in der soziokulturellen Animation. Luzern 1998

  • Thurnes, C.M.: Online-Rollenspiele in der technischen Ausbildung. Konstruktion und Potenziale der Integration von multimedial gestützten Plan- und Rollenspielen. In: Lehmann, B./Bloh, E. (Hrsg.): Online-Pädagogik, Bd. 3: Referenzmodelle und Praxisbeispiele. Baltmannsweiler 2005

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt