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Rolf Arnold

Qualifikation

Der Begriff Q. ist ein Produkt der „realistischen Wende“ der Erwachsenenpädagogik der 1960er und 1970er Jahre. Er löste den eher auf das Subjekt und seine Potenzialentwicklung gerichteten Begriff → „Bildung“ ab und drückt demgegenüber eine „verstärkte Orientierung auf ökonomischen und gesellschaftlichen Bedarf“ aus. So formulierte Martin Baethge in einem der wegweisenden Artikel aus dieser Zeit: „War für das klassische Konzept von Bildung, wie es für die deutsche Gesellschaft und ihre Bildungsinstitutionen im Neuhumanismus entwickelt und politisch durchgesetzt worden ist, ein Persönlichkeitsideal konstitutiv, so kennzeichnet den Begriff der Qualifikation seine Bezogenheit auf gesellschaftliche Arbeit“ (Baethge 1974).

Mit diesem gewandelten Bildungsdenken veränderte sich auch die EB. Sie wandelte sich zur WB, zu einem Begriff also, mit dem der Deutsche Bildungsrat in seinem „Strukturplan für das Bildungswesen“ nicht nur die Notwendigkeit einer lebenslangen WB markierte, sondern auch eine deutlichere Ausrichtung des Erwachsenenlernens an den tatsächlichen beruflichen Handlungsanforderungen in der modernen Gesellschaft in den Blick nahm: „Immer mehr Menschen müssen durch organisiertes Weiterlernen neue Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten erwerben können, um den wachsenden und wechselnden beruflichen und gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden“ (Deutscher Bildungsrat 1970). Bei einer genaueren Begriffsanalyse stellt man fest, dass der Qualifikationsbegriff einerseits enger ausgerichtet ist als der traditionelle Bildungsbegriff, da er nicht universell kulturorientiert, sondern arbeitsorientiert ist. Andererseits ist er aber auch weiter gefasst als die überlieferten berufspädagogischen Begriffe wie „Fähigkeiten“ oder „Fertigkeiten“. Q. stellt sich dabei als eine zukunfts- und anforderungsbezogene Kategorie dar, die insofern auch als Ausdruck einer realistischen Wende in der EB angesehen werden kann, als mit dieser die curriculumstrategische Perspektive verbunden war, Q. „zur Bewältigung späterer Lebenssituationen“ (Robinsohn 1972) zu vermitteln.

Neben dieser curriculumtheoretischen Relevanz des Qualifikationsbegriffs kommt ihm auch noch eine berufstheoretische Bedeutung zu: „Der Beruf liefert eine überbetriebliche, universelle Codierung von Qualifikation, erlaubt also eine Verständigung über Kompetenzen und sozialen Status – unabhängig von den jeweiligen betriebsspezifischen Anforderungen“ (Georg/Sattel 2006). Q. konstituiert somit Berufe bzw. berufliche Handlungskompetenzen. Deshalb ist die Frage nach der Qualifikationsorientierung des Erwachsenenlernens auch eng mit der Frage nach der Zukunft der Beruflichkeit in den modernen Gesellschaften verknüpft. Strittig ist, ob sich die Arbeitswelt „entberuflicht“, d.h. zukünftig nur noch Arbeitskräfte mit rasch veraltenden und ständig zu erneuernden Wegwerf-Q. benötigt, oder ob sich gar eine „neue Beruflichkeit“ im Sinne einer zunehmenden Nachfrage nach hoch qualifizierten Arbeitskräften entwickelt. Neuere industrie- und arbeitsmarktsoziologische Studien nähren den Eindruck, dass zwar das Qualifikationsniveau im Beschäftigungssystem deutlich steigt, während sich gleichzeitig der Anteil derer, die dauerhaft vom Arbeitsmarkt ausgegrenzt oder auf labile Beschäftigungsmöglichkeiten abgedrängt werden, erhöht.

Unübersehbar findet diese Qualifikationsstrukturentwicklung auch ihren Ausdruck in einer deutlich gestiegenen Weiterbildungsbereitschaft ( → Weiterbildungsbeteiligung) der Bevölkerung. Diese hat seit Mitte der 1980er Jahre, dem Auftakt der von der Bundesregierung proklamierten „Qualifizierungsoffensive“, eine kontinuierliche Steigerung erfahren. Dabei liegt die Steigerungsrate der beruflichen WB dabei deutlich über der der allgemeinen und politischen WB. Eine starke Expansion erfuhr dabei die betriebliche WB; Betriebe haben ihre diesbezüglichen Angebote deutlich ausgeweitet, wobei arbeitsplatzbezogene bzw. arbeitsplatznahe Qualifizierungsansätze immer stärker bevorzugt werden. Im Zusammenhang mit technologischen und arbeitsorganisatorischen Wandlungen haben sich die Qualifikationsanforderungen seit Mitte der 1980er Jahre auch inhaltlich grundlegend gewandelt. Dabei wurde auch der eng arbeits- und unmittelbar verwendungsorientierte Qualifikationsbegriff der 1970er Jahre gesprengt. Es wurde deutlich, dass modernisierte Facharbeit in zunehmenden Bereichen mehr voraussetzt als den „Besitz“ spezialisierter Fachq. Neben das „Know-how“ müssen immer stärker das „know how to know“ sowie die Fähigkeit zur selbstständigen Problemlösung und zur Kooperation treten. Zwar wurde bereits in den 1970er Jahren verschiedentlich auf die Bedeutung „extrafunktionaler“ (Dahrendorf 1956) oder „prozessübergreifender“ Q. (Kern/Schumann 1984) hingewiesen, doch erst die 1980er und 1990er Jahre brachten die Erweiterung der qualifikationsorientierten Berufsbildung in Richtung auf → Schlüsselqualifikationen und Kompetenzentwicklung.

Dabei wurde auch deutlich, dass diese Entwicklung („von der Arbeits- zur Kompetenzorientierung“) auch mit einer gewandelten Didaktik der beruflichen Ausbildung und WB einhergehen muss. Da Ansprüche, wie „Schlüsselqualifizierung“ oder die Befähigung zum „selbstständigen Planen, Durchführen und Kontrollieren“, nicht „machbar“ sind, müssen Lernarrangements geschaffen und Lernmethoden eingesetzt werden, die die Entstehung solcher → Kompetenzen ermöglichen. Plädiert wird neuerdings für eine Ablösung des Qualifikationsbegriffs durch den Kompetenzbegriff, wobei in der Debatte immer wieder folgende Argumente genannt werden:

  • Kompetenz ist subjektbezogen, während Q. sich auf die Erfüllung konkreter Nachfragen bzw. Anforderungen beschränkt.

  • Während Q. auf unmittelbare tätigkeitsbezogene Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten verengt ist, bezieht sich Kompetenz auf die ganze Person, verfolgt also einen „ganzheitlichen“ Anspruch.

  • Kompetenz beinhaltet Selbstorganisationsfähigkeit, während Q. immer auf die Erfüllung vorgegebener Zwecke gerichtet – also fremdorganisiert – ist.

  • Kompetenzlernen öffnet das sachverhaltszentrierte Lernen gegenüber den Notwendigkeiten einer Wertevermittlung. Während Q. auf die Elemente individueller Fähigkeiten bezogen ist, die rechtsförmig zertifiziert werden können, umfasst der Kompetenzbegriff die Vielfalt der prinzipiell unbegrenzten individuellen Handlungsdispositionen.

Diese Entwicklung vom Qualifikationslernen (Vermittlung verwertbarer Fähigkeiten und Fertigkeiten) zum Kompetenzlernen (Förderung umfassender Handlungskompetenzen) rückt die berufliche Ausbildung und WB in eine große Nähe zur Bildung. Indem das berufsorientierte Lernen die umfassende Förderung von Persönlichkeit in das Zentrum ihrer Zielsetzung rückt, intendiert sie strukturell Ähnliches (z.B. Humboldts „proportionierliche Ausbildung aller Kräfte“).

Die Parallelität von genuin pädagogischer und ökonomischer Intentionalität sprengt auch die überlieferten Denk- und Diskussionsmuster der Pädagogik. Diese war es gewohnt, den Bereich des Ökonomischen als einen allein auf die Verzweckung des Menschen gerichteten Sektor wahrzunehmen, und eines ihrer kritischen Hauptanliegen war es deshalb, vorgetragene Bildungsansprüche der Wirtschaft zu enttarnen und ihren eigentlich funktionalistischen Kern sichtbar werden zu lassen. Dieser Gestus der Debatte gerät heute an seine Grenzen, weil deutlich wird, dass die funktionalistischen Intentionen der Betriebe (Selbstständigkeit, Problemlösungsfähigkeit usw.) häufig nur realisiert werden können, wenn die Subjekte dabei gleichzeitig Kompetenzen entwickeln können, von denen sie auch als Subjekte „profitieren“ (Sozial- und Methodenkompetenz, Reflexionsfähigkeit usw.). Die Weiterung des Qualifikations- zum Kompetenzlernen geht somit mit einer Funktionssymbiose einher, für deren theoretisch angemessene Würdigung die Erwachsenenpädagogik überlieferte Denkformen und Diskussionsschemata erst noch überwinden muss.

Literatur

  • Baethge, M.: Qualifikation – Qualifikationsstruktur. In: Wulf, C. (Hrsg.): Wörterbuch der Erziehung. München/Zürich 1974

  • Dahrendorf. R.: Industrielle Fertigkeiten und soziale Schichtung. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, H. 8, 1956

  • Deutscher Bildungsrat (Hrsg.): Empfehlungen der Bildungskommission. Strukturplan für das Bildungswesen. Bonn 1970

  • Georg, W./Sattel, U.: Arbeitsmarkt, Beschäftigungssystem und Berufsbildung. In: Arnold, R./Lipsmeier, A. (Hrsg.): Handbuch der Berufsbildung. 2., überarb. Aufl. Opladen 2006

  • Kern, H./Schumann, M.: Das Ende der Arbeitsteilung. Rationalisierung in der industriellen Produktion. München 1984

  • Raumer, F. (Hrsg.): Handbuch Berufsbildungsforschung. Bielefeld 2005

  • Robinsohn, S.B.: Bildungsreform als Revision des Curriculum. Neuwied 1972

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt