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Martha Friedenthal-Haase

Reeducation

R. ist in erster Linie ein historischer und erst in zweiter Linie ein pädagogisch-systematischer Begriff. Historisch bezeichnet R. Bestrebungen der westlichen Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, die politische Ideologie der ehemaligen Kriegsgegner und Aggressoren auch geistig zu überwinden, den Aufbau einer demokratischen politischen Kultur von den relevanten Kompetenzen her zu fördern, den Prozess einer politischen Neuorientierung bei den Besiegten (insb. Deutschland und Japan, aber auch Österreich und Italien) zu unterstützen sowie langfristig deren Verhältnis zu Siegermächten und internationaler Völkergemeinschaft im Sinne der Sicherheit und des Friedens zu beeinflussen. Ansatzpunkte der R. waren einerseits das Bildungs-, Kultur- und Informationswesen, andererseits der Aufbau demokratischer Strukturen in öffentlichem Leben und Verwaltung und schließlich die Eröffnung von Kulturkontakt in internationalen Begegnungen.

Pädagogisch-systematisch bezeichnet R. den Vorgang einer grundlegenden Neubildung sowie auch die darauf zielenden Maßnahmen. R. bedeutet in diesem Sinne intellektuell-mentale Reorientierung und Revision, auch im Zusammenhang mit dem Wechsel eines für das Weltbild relevanten Systems (politischer Systemwechsel) oder der Lebensverhältnisse (sozialer Auf- oder Abstieg, Berufswechsel, Rollenwechsel oder -verlust, Migration). Begrenzte Analogien bestehen zu „Umschulung“, „rehabilitativem Lernen“ und „Resozialisierung“. R. berührt die Sphäre des Wissens, der Werte und Einstellungen und des Verhaltens. Auch wenn der Prozess von R. der Beeinflussung durch externe Größen (darunter auch solchen der EB) unterliegt, bedarf er zu seinem Gelingen weitgehender Selbststeuerung durch die Lerner.

Historisch und pädagogisch-systematisch erfasst der Begriff ein breites Spektrum von Phänomenen und Bedeutungen unterschiedlicher Wertungen. An einem Ende der Bewertungsskala erscheint R. geradezu als ethisch bedenkliche oder verwerfliche Fortsetzung der psychologischen Kriegsführung gegenüber Machtunterworfenen – beinahe in der Nähe zur sog. Gehirnwäsche –, am anderen Ende als Weg des individuellen oder gruppenförmigen, selbstgesteuerten und verantworteten Lernens in Richtung auf Neuorientierung, Selbstbefreiung von dogmatischen Zwängen und Erneuerung der Lebensführung. Historisch bot allein schon das Wort R. u.a. aufgrund eines hartnäckigen Übersetzungsfehlers Anstoß. So wurde R. in Deutschland zumeist als „Umerziehung“ im Sinne autoritärer Überformung und kultureller Überwältigung von Machtunterworfenen übersetzt, während das englische Wort „education“ durchaus nicht nur „Erziehung“, sondern auch „Bildung“ bedeutet und einen positiven Wertbegriff darstellt. Wegen der auf deutscher Seite (und nicht etwa nur bei Nationalsozialisten) tief verwurzelten Widerstände gegen das Wort und seinen vermeintlichen Geist (insb. Kollektivschuldzuweisung und totale Revisionszumutung) kamen jedoch sehr bald andere Bezeichnungen in Gebrauch: „Educational Reconstruction“, „Neubildung“ und „Neuorientierung“.

Die drei westlichen Besatzungsmächte unterschieden sich untereinander erheblich hinsichtlich der Konzeptionen von R. und deren praktischer Förderung und Durchführung. Zu differenzieren ist auch nach der Bildungs- und Kulturarbeit für Kriegsgefangene in den Lagern der alliierten Gewahrsamsmächte einerseits und der für die Zivilbevölkerung in den Besatzungszonen andererseits. Hinsichtlich beider Bereiche gilt die britische R. als besonders überlegt, engagiert und dabei zurückhaltend und wirkungsvoll.

Auch die sowjetische Besatzungsmacht war bestrebt, auf das Bildungs- und Kultursystem in ihrer Besatzungszone mit antifaschistischer Zielsetzung einzuwirken und kannte – auch wenn ihr die Bildungsidee freiheitlich-bürgerschaftlicher, demokratischer Kompetenzen in ihrer Substanz mehr oder weniger fremd war – doch in manchem der R. analoge Kontroll- und Förderungsmaßnahmen. Manches spricht für die Annahme, dass die sowjetischen Bildungs- und Kulturoffiziere als Individuen in Bildungsgrad und reformerisch-förderndem Selbstverständnis ihren entsprechenden Amtskollegen aufseiten der westlichen Besatzungsmächte nicht prinzipiell nachstanden.

Historisch bietet R. ein breites Feld erwachsenenbildungsrelevanter Entwicklungen. R. betraf die gesamte Bevölkerung jenseits des Kindesalters. Spezielle Adressaten waren zudem Kriegsgefangene, Jugendliche und Frauen. Abgesehen von ersten Maßnahmen zwangsweiser Konfrontation mit NS-Verbrechen (Besichtigung von Konzentrationslagern oder Filmvorführungen), arbeitete R. mit dem Prinzip der Freiwilligkeit und einem reichhaltigen methodisch-didaktischen Repertoire. Involviert waren u.a. Elemente des Interkulturellen und der Verwestlichung. Zur R. im weiteren Sinne gehörte auch die Förderung des Aufbaus eines freiheitlichen Erwachsenenbildungswesens (Institutionen und Professionalisierung). Im Sinne von Reorientierung und Umlernen stellt R. einen grundlegenden Aspekt des transformatorischen Lernens im Lebenslauf dar. Diese zentrale Bedeutung der R. für die Theorie der EB hat allerdings noch nicht die gebührende Würdigung gefunden. Auch spiegelt der Stand der deutschen und internationalen zeithistorischen und spezieller bildungshistorischen Forschung über R. und die Wirkung von R. eine ganze Reihe von methodischen Problemen und Wertungsproblemen wider, die sich zwar im Verlauf von sechs Dekaden gewandelt haben, aber bis jetzt noch nicht befriedigend gelöst sind.

Literatur

  • Friedenthal-Haase, M.: Britische Re-education: Struktur und Aktualität eines Beispiels interkultureller Erwachsenenbildung. In: Neue Sammlung, H. 2, 1988

  • Steinbach, P.: Konfrontation mit der Demokratie: Deutsche Kriegsgefangene in England und den USA. In: Universitas, H. 623, 1998

  • Wilson, R.: Erwachsenenbildung als Re-education? In: Von Hohenrodt zur Gegenwart. Frankfurt a.M. 1987

  • Ziegler, C.: Lernziel Demokratie: Politische Frauenbildung in der britischen und amerikanischen Besatzungszone 1945-1949. Studien zur internationalen Erwachsenenbildung, Bd. 11. Köln/Weimar/Wien 1997

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt