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Rosemarie Klein

Beratung

Die zunehmende Komplexität des Lebens, die Möglichkeit und Notwendigkeit, die eigene Biographie selbst gestalten zu können und zu müssen, die Dynamik wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen bei einer zunehmenden Individualisierung, die Orientierung an gesellschaftlich verbindlichen Normen immer weniger ermöglicht und der Wandel zur Wissensgesellschaft sind die gängigen Erklärungsansätze für den seit einigen Jahren zu beobachtenden Beratungsboom auf der Ebene der personen- und der organisationsbezogenen B. Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass die B. Erwachsener heute nicht mehr als Ausdruck eines Defizits wahrgenommen wird, sondern als integraler Bestandteil → lebenslangen Lernens. Ursprünglich war B. definiert als eine Intervention, die auf die Änderung eines Zustands der Hilfsbedürftigkeit abzielte; sie war vorrangig reserviert für sozialpädagogische und psychosoziale Handlungskontexte.

Heute avanciert B. zu einem „Lebensbegleiter“, der Orientierungs- und Entscheidungsprozesse in den Feldern Bildung, Beruf, Arbeit unterstützt. Bezugspunkte der B. sind dabei sowohl bildungs- und berufsbiographische Prozesse als auch die aktuellen (Lebens-)Situationen. Während B. in früheren Jahren auf einer individualisierenden Betrachtungsweise basierte, gehen aktuelle Ansätze davon aus, dass B. nur dann angemessen Orientierungs- und Entscheidungsprozesse begleiten kann, wenn sie prozessual und komplex ausgerichtet ist und die Vielzahl der Umweltfaktoren in den Analyse- und Lösungsweg einbezieht.

Auch wenn B. eine Grundform pädagogischen Handelns darstellt und professionsimmanent ist, gibt es keine allgemeingültige Definition von B. oder einen Konsens darüber, wie Beratungsverläufe zu gestalten seien. „Es ist noch weitestgehend unklar, ob es typische Beratungsverläufe gibt und wenn ja, wie sich diese personenspezifisch darstellen“ (Gieseke/Käpplinger/Otto 2007). Allerdings lassen sich zentrale Elemente einer B. beschreiben: Bei einer B. kommunizieren bzw. interagieren mindestens zwei Menschen miteinander; etliche Ansätze betonen die Notwendigkeit einer freiwilligen Teilnahme an der B.; der Kontakt beider Personen ist von zeitlich befristeter Dauer; im Mittelpunkt der Interaktion steht eine zu treffende Entscheidung oder ein zu lösendes Problem; B. bewegt sich in einem Möglichkeitsraum (Bretschneider u.a. 2007). „Zusammen mit den Ratsuchenden sind invariante und variante Größen in der komplexen Dynamik zu unterscheiden, Hypothesen zu formulieren, der Raum der Möglichkeiten abzustecken und verschiedene Lösungsansätze zu testen – und dies mehrfach und iterativ, bis zur besten Lösung“ (Dauwalder 2007).

In der EB wird bis heute zwischen personen- und organisationsbezogener B. ( → Organisationsberatung) unterschieden (Schiersmann/Remmele 2004). Bretschneider u.a. (2007) benennen in einer sekundäranalytischen Expertise neun aktuell zu unterscheidende Anwendungsbereiche von B. in der WB:

  • (Weiter-)Bildungsb. zur Unterstützung des Entscheidungfindungsprozesses des Einzelnen,

  • arbeitsplatzbezogenes Coaching, das die persönliche und berufliche Entwicklung im Blick hat,

  • Qualifizierungsb. für und in Unternehmen und Organisationen, die zumeist im Zusammenhang mit betrieblichen Neu- oder Umstrukturierungsprozessen stattfindet (sie hat die Aufgabe, Unternehmen bei der Ermittlung des Qualifizierungsbedarfs und bei der Planung, Durchführung und Evaluation von WB zu unterstützen),

  • B. zum Abschluss einer Bildungsteilnahme, um den Übergang in die Arbeitswelt bzw. weiterführende Bildungsprozesse zu fördern,

  • B. als unterstützendes und begleitendes Element von Kompetenzerfassungs- und Bilanzierungsverfahren,

  • Lernb. für Lernungewohnte bei Lernschwierigkeiten in einer Bildungsmaßnahme,

  • Lernberatung als pädagogische Begleitung eines selbstgesteuerten Lernprozesses,

  • psychosoziale B. in Lebenskrisen im Schnittfeld von Sozialpädagogik und EB,

  • System- bzw. Politikb. zur Entwicklung und Förderung der Strukturpolitik von EB für regionale und nationale Entscheidungsträger als Grundlage bildungspolitischer Entscheidungen.

Theorie und Empirie der B. waren in der EB lange Zeit auf Weiterbildungsberatung ausgerichtet. Hier entstanden verschiedene, der Profilierung von B. zuträgliche Typologien. Gieseke analysiert die Ergebnisse von Beratungsgesprächen und unterscheidet den „informativen“, „situativen“ und „biographischen“ Beratungstypus (Gieseke 2000; Gieseke/Käpplinger/Otto 2007). Schiersmann hat im Kontext eines Modellversuchs Strukturdiagramme für Weiterbildungsberatungsverläufe erarbeitet (Schiersmann 1993), die für den Aufbau einer systematischen B. dienlich sind. Bauer (1991) hat Handlungsschritte eines Weiterbildungsberatungsgesprächs beschrieben und dabei vor allem die Einstiegssituation in den Blick genommen.

Als eigenständige Handlungsform und neuer Funktionsbereich im Bildungsgesamtsystem entstand B. erst im Zuge der → Bildungsreform der 1960er und 1970er Jahre. Sie wurde als notwendige Erweiterung neben den mikrodidaktischen Aufgaben des unterrichtlichen Lehrens und → Lernens und den makrodidaktischen Aufgaben des institutionellen Planens und Organisierens als dritter Aufgabenbereich konzipiert und platziert. Ihre vermittelnde „Zwischenfunktion“ zeigte sich in den 1980er Jahren ebenso in den Institutionalisierungsformen (z.B. Weiterbildungsberatungsstellen) wie in den Handlungskompetenzen der Bildungsberater/innen in Abgrenzung zu Therapie und → Lehren (Mader 1999). Entsprechend wurde sie als „Scharnierstelle zwischen Angebot und Teilnahmeentscheidung“ (Gieseke 1997) beschrieben, und es wurde ihr eine „Gelenkstellenfunktion zwischen Anbieter- und Nachfrageseite“ (Bauer 1991) zugewiesen. Angesichts eines intransparenten Weiterbildungsmarktes sollte B. als „Moderator in der pluralen Weiterbildungslandschaft“ (LSW 1997) fungieren. In den 1980er Jahren erweiterten sich die Anwendungsfelder von B. auf die von Exklusion aus der Arbeitswelt bedrohten Gruppen. Sozialpädagogische B. in der WB von Arbeitslosen und → Lernberatung für Lernende mit geringen Lern- und Leistungsvoraussetzungen (Volk-von-Bialy 1987) konzentrierten sich auf die B. zur Behebung psychosozialer Probleme, Lernstörungen und -schwierigkeiten. Diese Beratungsformen waren noch weitgehend geprägt von einer Defizitsicht auf die Klientel und gingen vom Berater als Experten für Problemlösungen aus. Zwischenzeitlich hat sich in der situativen und biographiebezogenen B. ein Verständnis durchgesetzt, das in Anlehnung an Rogers dem Berater einen Expertenstatus für „Heuristiken des Problemlösens“ (Burkhart 1995) zubilligt, den Ratsuchenden in der Entwicklung von Problemlösungen unterstützt, die tatsächliche Entscheidung hinsichtlich der Lösungswege jedoch auf der Seite des Ratsuchenden belässt. Beim Typus der informativen B. ist es derzeit eine offene Frage, ob diese noch auf Berater/innen angewiesen ist oder ob diese Funktion durch entsprechende Medien übernommen werden kann. Die Vielzahl medialer Informationsserviceangebote und deren Nutzungsintensität deuten jedenfalls in diese Richtung.

Gute B. braucht Zeit und kollidiert damit mit der technokratisch-rational orientierten „Performanzeffizienz“ (Gieseke 2000), die Reflexivität und die gemeinsame Suche nach begründeten und tragfähigen Entscheidungen als zeitaufwendig und unwirtschaftlich erscheinen lässt.

Literatur

  • Bauer, G.: Weiterbildungsberatung. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, H. 2, 1991

  • Bretschneider, M. u.a.: Begrifflichkeiten, Ansätze und Praxiserfahrungen in der beruflichen Beratung und Begleitung. In: Dehnbostel u.a. (Hrsg.): Kompetenzerwerb in der Arbeit. Perspektiven arbeitnehmerorientierter Weiterbildung. Berlin 2007

  • Burkhart, T.: Beratung beim Lösen komplexer Probleme. Frankfurt a.M./New York 1995

  • Dauwalder, J.-P.: Beratung: Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung. In: Report. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung, H. 1, 2007

  • Gieseke, W.: Weiterbildungsberatung als Scharnierstelle zwischen Angebot und Teilnahmeentscheidung. In: Nuissl, E./Schiersmann, C./Siebert, H. (Hrsg.): Pluralisierung des Lehrens und Lernens. Bad Heilbrunn 1997

  • Gieseke, W.: Beratung in der Weiterbildung – Ausdifferenzierung der Beratungsbedarfe. In: Report. Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung, H. 46, 2000

  • Gieseke, W./Käpplinger, B./Otto, S.: Prozessverläufe in der Beratung analysieren – Ein Desiderat. Begründung und Entwicklung eines Forschungsdesigns. In: Report. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung, H. 1, 2007

  • LSW (Hrsg.): Evaluation der Weiterbildung. Soest 1997

  • Mader, W.: Weiterbildung und Beratung. In: Tippelt, R. (Hrsg.): Handbuch der Erwachsenenbildung/Weiterbildung. Neuaufl. Opladen 1999

  • Schiersmann, C.: Weiterbildungsberatung im regionalen Bezugsfeld. Eine Analyse von Kooperationsstrukturen. Berlin 1993

  • Schiersmann, C./Remmele, H: Beratungsfelder in der Weiterbildung – eine empirische Bestandsaufnahme. Baltmannsweiler 2004

  • Volk-von-Bialy, H.: Konzept einer Fortbildung „Lernberatung“ für das Berufsförderungswerk Hamburg. Hamburg 1987

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt