Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

Das Wörterbuch Erwachsenenbildung bündelt das gegenwärtige Wissen über Erwachsenenbildung. Es enthält über 300 Stichworte zu den Themenfeldern Didaktik und Methodik, Forschung und Wissenschaft, Geschichte und Entwicklung, Lernen und Erfahrung, Organisation und Profession, Politik und Recht sowie Theorien und Konzepte. Alle Artikel wurden von ausgewiesenen Fachleuten nach dem neuesten Stand der Diskussion verfasst. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Wörterbuch erfahren

Suchvorschläge:

Aufklapper schließen

Heiner Drerup

Rezeptologien

Mit dem Konzept R. werden in der didaktisch-methodischen Diskussion Rezeptesammlungen bezeichnet, die sowohl systematisierte Hinweise (Rezepte) für erfolgreiches Handeln in Unterrichts- und Erziehungsprozessen liefern als auch Anleitungen für einen reflektierten Umgang mit Rezepten im Rahmen der Planung und Evaluation. R. sind zentraler Bestandteil einer prosperierenden Ratgeberliteratur für Praktiker, insb. für Berufsanfänger/innen, die in die Wahrnehmungs- und Denkgewohnheiten einer Berufskultur eingeführt werden sollen.

Historisch können R. als Kern der Vermittlung pädagogischen Wissens auf eine lange Tradition zurückblicken, die pädagogisches Denken und pädagogisches Handeln literarisch zu verbinden suchte mithilfe von Unterrichts- und Erziehungslehren, pädagogischen Handbüchern und Praxisanleitungen, wie sie vor allem von erfolgreichen Praktikern für den beruflichen Nachwuchs verfasst worden sind. Die Idee der Meisterlehre lieferte für diese Gattung pädagogischer Literatur ein wichtiges Vorbild: Erfahrene Praktiker vermitteln das berufliche Wissen an Berufsanfänger, die Unterrichts- und Erziehungslehren leisten dies in mediatisierter Form. Auf diese Weise entwickelte sich ein relativ eigenständiges, auf Praxisnähe und Praxisrelevanz hin orientiertes äußerst erfolgreiches Literaturgenre vor und neben der später aufkommenden akademischen Literatur der sich seit dem 18. Jh. allmählich formierenden (wissenschaftlichen) Pädagogik.

Vor diesem Hintergrund ist das Verhältnis von R. und wissenschaftlicher Pädagogik ständiger Gegenstand von Auseinandersetzungen. In ihnen werden R. vonseiten akademischer Pädagogik kritisiert, da sie mit dem Leitziel einer „Technik der Menschenbearbeitung“ die Besonderheiten pädagogischer Verhältnisse zwischen moralischen Subjekten verkennen (geisteswissenschaftliche Pädagogik), pädagogisches Handeln als instrumentelles, technisches Handeln im Dienste vorpädagogischer Normen konzipieren (kritische Erziehungswissenschaft) und empirisch ungesicherte Sozialtechnologien propagieren (empirische Erziehungswissenschaft). Praktiker und Ausbilder in pädagogischen Handlungsfeldern haben ihrerseits dem akademischen Wissen der Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft immer wieder Praxisferne und -irrelevanz vorgeworfen.

Zur Versachlichung dieser fortlaufenden Debatte haben neue Forschungs- und Diskussionsentwicklungen beigetragen, die zudem die Grundlagen der wechselseitigen Kritik als revisionsbedürftig ausgewiesen haben. Das betrifft die Annahmen, mit denen die traditionelle Technikdistanz und -ablehnung vonseiten der Erziehungsphilosophie in der Debatte über das vermeintliche Technologiedefizit und Technologieverdikt der Pädagogik (Luhmann/Schorr 1979) begründet werden und die „Technik pädagogischer Arbeit“ als Problemtopos ausgeklammert wird (Tenorth 1999). Das betrifft aber auch Versuche, Erziehungswissenschaft und pädagogische Ausbildung/Praxis nach dem Modell der direkten Anwendung wissenschaftlichen Wissens aneinanderzukoppeln. Pädagogische Wissenschafts- und Professionsforschung haben in Abkehr von den Modellen „naiver“ Verwissenschaftlichung praktischen Handelns für die vielfältigen Wissens- und Wissensnutzungsformen in Praxisfeldern Rekonstruktionsvorschläge entwickelt, welche einfache Austauschprogramme („objektive“ wissenschaftliche Themen vs. „subjektive“ Praktikertheorien) mitsamt der Annahme der Höherwertigkeit wissenschaftlichen Wissens in Praxisfeldern ebenso aufgegeben haben wie die Vorstellung, dass unsicheres Wissen, nicht-wissenschaftliches Wissen und Nicht-Wissen nur als defizitäre, überwindungsbedürftige Phänomene zu sehen sind (Bonss 2003). Diese revidierte Sichtweise kann sich auf kognitionspsychologische Forschungen zum Problemlösungsverhalten erfolgreicher Praktiker stützen und liefert so Grundlagen für eine konstruktive Ausbildungsforschung, die sich am Konzept des „reflective practitioner“ (Schön 1983) orientiert, der seine beruflichen Entwicklungsaufgaben durch den Aufbau professionellen Praxis- und Handlungswissens zu lösen weiß, als dessen Vorform R. anzusehen sind (Meyer 2005).

Literatur

  • Bonss, W.: Jenseits von Verwendung und Transformation. In: Franz, H.W. u.a. (Hrsg.): Forschen – lernen – beraten. Berlin 2003

  • Drerup, H.: Erziehungswissenschaft im Kontext. Studie zu Vermittlungsproblemen einer Disziplin. Dresden 2005

  • Kansanen, P. u.a.: Teachers^' Pedagogical Thinking. Theoretical landscapes, practical challenges. New York u.a. 2002

  • Luhmann, N./Schorr, K.E.: Das Technologiedefizit der Erziehung und die Pädagogik. In: Zeitschrift für Pädagogik, H. 3, 1979

  • Meyer, H.: Was ist guter Unterricht? 3. Aufl. Berlin 2005

  • Schön, D.A.: The Reflective Practitioner. New York 1983

  • Tenorth, H.E.: Technologiedefizit in der Pädagogik? Zur Kritik eines Missverständnisses. In: Fuhr, T./Schultheis, K. (Hrsg.): Zur Sache der Pädagogik. Bad Heilbrunn/Obb. 1999

Zurück zur Startseite

Das Buch zur Site

Wörterbuch Erwachsenenbildung

Wörterbuch Erwachsenenbildung
hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

» Buch online bestellen

Sie erhalten das Buch auch in Ihrer Buchhandlung!

Die Anbieter

Diese Seite ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, des Klinkhardt-Verlags und der UTB GmbH.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) ist die zentrale Einrichtung für Wissenschaft und Praxis der Weiterbildung in Deutschland. Aus dem Institut stammen die Herausgeber des Wörterbuchs.

Der Klinkhardt-Verlag ist ein pädagogischer Fachverlag. Er hat die Entwicklung des Wörterbuchs verlegerisch betreut.

UTB ist ein Verlag für Lehr- und Studienbücher. Bei UTB ist die Druckausgabe des Wörterbuchs erschienen.

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt