Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

Das Wörterbuch Erwachsenenbildung bündelt das gegenwärtige Wissen über Erwachsenenbildung. Es enthält über 300 Stichworte zu den Themenfeldern Didaktik und Methodik, Forschung und Wissenschaft, Geschichte und Entwicklung, Lernen und Erfahrung, Organisation und Profession, Politik und Recht sowie Theorien und Konzepte. Alle Artikel wurden von ausgewiesenen Fachleuten nach dem neuesten Stand der Diskussion verfasst. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Wörterbuch erfahren

Suchvorschläge:

Aufklapper schließen

Rolf Arnold

Selbstorganisation – Selbststeuerung

Der Begriff der S.o. hat seine Ursprünge in der Chaosforschung und ihren Erkenntnissen, dass das Chaos aus sich selbst heraus zu Formen der Ordnungsbildung führe (Küppers 1988). Diese emergieren, d.h. sie entstehen spontan, und bleiben einer erwartenden Beobachtung oft verschlossen. Die Naturprozesse erweisen sich somit nicht als unübersichtlich, sondern als unübersehbar und unberechenbar – eine Eigenschaft, die deutlich auf die Beschränkungen unserer Beobachtungsgewohnheiten verweist. Diese vermitteln uns das Bild eines regellosen Durcheinanders, da sie die Komplexität der miteinander agierenden und rückkoppelnd aufeinander verwiesenen Teile des Ganzen häufig nicht zu erfassen vermögen. In diesem Sinne sind bereits für Humberto Maturana und Francisco Varela die S.o. und die Selbsterzeugung der Lebewesen ihre spezifische Weise, sich gegenüber ihrer Umwelt zu definieren und an deren Bedingungen anzupassen (Maturana/Varela 1987), und es ist der Beobachter, dessen Perspektive darüber entscheidet, ob und inwieweit die emergierenden Ordnungsstrukturen von ihm als solche erkannt und „gewürdigt“ werden können. In diesem Sinne führte das Konzept der S.o. insb. in den Managementtheorien zu Versuchen, verstärkt auf die im Inneren von komplexen Organisationen wirkenden Energien und Dynamiken zu achten und diese in einer evolutionären Weise zu nutzen (Probst 1987).

In der Pädagogik führten das Selbstorganisationskonzept, sowie die Versuche, die S.o. pädagogischer Systeme zu verstehen (Dürr 1995) zunächst ein Randdasein – belächelt und gemieden vom Mainstream der vielfach eher empiristisch oder curricular eingestellten didaktischen Forschungen. Vor diesem Hintergrund mutet der Versuch von Dieter Lenzen, die bildungstheoretische Tragfähigkeit der Konzepte „Selbstorganisation“, „Autopoiesis“ und „Emergenz“ (SAE) zu analysieren, mutig und entschlossen an, zumal ihn seine Analyse zu der Einschätzung führt, „dass beide Begrifflichkeiten zwar hinsichtlich ihrer paradoxalen Struktur äquivalent, dass aber die SAE-Konzeption u.a. eine höhere Anschlussfähigkeit für eine Reflexionstheorie der Humanontogenese aufweist“ (Lenzen 1997). Lenzens Annäherung an die neueren Systemtheorien nimmt ihren Ausgangspunkt von einer Kritik des Bildungsbegriffs, den er für ein „deutsches Containerwort“ hält, welches sich zudem in seiner Geschichte bis zum heutigen Tag vielfältiger Kritik, Überfrachtungen sowie Ungenauigkeiten erfreut: „Bildung, so glauben die Protagonisten des Bildungsbegriffs, sei eben immer mehr und nicht ein Beliebiges“. Dieter Lenzen folgt in seiner Analyse nunmehr nicht einfach einer beliebigen Lesart des Bildungsbegriffs, sondern rekonstruiert dessen semantische Elemente, um diese sodann durch die SAE-Brille einer kritschen Kommentierung zu unterziehen. Dies hilft ihm, die implizite pädagogische Illusion, der zufolge Bildung eine Art „Besitzübertragung“ sei, zu zerstören: „Das Individuum selegiert. Indoktrination besteht weniger dadurch, was gesagt oder gelehrt, als vielmehr in dem, was das Individuum nicht angeboten bekommt“.

Dies ist eine Spitze gegen jegliche Machbarkeits- und Gestaltungsanmaßungen, denen sich das Individuum mit dem Eigensinn seiner lernenden Suchbewegung entgegenstellt. Dabei kommt seiner S.st. eine grundlegende Bedeutung zu. Denn es breitet sich zunehmend der lerntheoretische Konsens aus, dass kognitive Systeme nicht eine objektive Umwelt erkennen können, sondern diese – auch in Lernprozessen – vielmehr aufgrund der physiologisch-neurologischen Beschaffenheit ihrer Wahrnehmungsorgane sowie aufgrund ihrer biographisch erprobten und bewährten Deutungsmuster selbstgesteuert erzeugen. Für die Erwachsenenpädagogik grundlegend ist die didaktisch folgenreiche Einsicht, dass Lernen nicht länger vornehmlich als Ergebnis von Lehren verstanden werden kann, Lehr-Lernprozesse müssen vielmehr vom Gesichtspunkt der subjektiven Aneignungsleistungen her analytisch rekonstruiert und didaktisch „ermöglicht“ werden. Die lernenden Erwachsenen können letztlich nur alleine die Einwurzelung neuer Sichtweisen und neuer Wissensbestandteile in ihre kognitiven Strukturen realisieren. Erforderlich ist deshalb eine weitgehende Entreglementierung der Lernprozesse in der Erwachsenenbildung. In der erwachsenenpädagogischen Diskussion sind deshalb Konzepte eines selbstgesteuerten Lernens auf dem Vormarsch, die nicht die optimale didaktische Planung und Reduktion fachlicher Vermittlung zum alleinigen Fokus einer Unterrichts- und Ausbildungstheorie erheben. Exemplarisch ist die klassische Definition von Knowles, der das selbstgesteuerte Lernen mit den Worten definiert: „In seiner allgemeinen Bedeutung bezeichnet ,selbstgesteuertes Lernen^' einen Prozess, in dem Individuen – mit oder ohne Hilfe anderer – beginnen, ihre Lernbedürfnisse zu formulieren, Lernziele zu bestimmen, menschliche und materialie Ressourcen zu identifizieren, geeignete Lernstrategien auszuwählen und einzusetzen, und die Lernergebnisse zu bewerten“ (1975).

Lehren verliert dabei den Charakter des „Erzeugens“ von Bildung und des „Durchsetzens“ von Wissen sowie Lerngegenständen und fragt nach den individuellen Lerngründen und Lernprojekten, um Lernprozesse zu beraten und begleiten sowie entsprechende Suchbewegungen und Perspektivverschränkungen „ermöglichen“ zu können. Der Lehrende ist dabei paradoxerweise dafür zuständig, dass den Lernenden das selbstgesteuerte Lernen gelingt, d.h. dass sie lernen, ohne dass gelehrt wird.

Literatur

  • Arnold, R.: Ich lerne, also bin ich! Eine systemisch-konstruktivistische Didaktik. Heidelberg 2007

  • Dürr, W. (Hrsg.): Selbstorganisation verstehen lernen. Komplexität im Umfeld von Wirtschaft und Pädagogik. Frankfurt a.M. 1995

  • Knowles, M.S.: Self-directed Learning. A guide for learners and teachers. Englewood Cliffs, N.J. 1975

  • Kraft, S.: Selbstgesteuertes Lernen. Problembereiche in Theorie und Praxis. In: Zeitschrift für Pädagogik, H. 6, 1999

  • Küppers, F.-O. (Hrsg.): Ordnung aus dem Chaos. Prinzipien der Selbstorganisation und Evolution des Lebens. 2. Aufl. München 1988

  • Lenzen, D.: Lösen die Begriffe Selbstorgaisation, Autopoiesis und Emergenz den Bildungsbegriff ab? Niklas Luhmann zum 70. Geburtstag. In: Zeitschrift für Pädagogik, H. 6, 1997

  • Maturana, H./Varela, F.: Der Baum der Erkenntnis. 3. Aufl. Bern 1987

  • Probst, G.: Selbst-Organisation. Ordnungsprozesse in sozialen Systemen aus ganzheitl. Sicht. Berlin u.a. 1987

Zurück zur Startseite

Das Buch zur Site

Wörterbuch Erwachsenenbildung

Wörterbuch Erwachsenenbildung
hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

» Buch online bestellen

Sie erhalten das Buch auch in Ihrer Buchhandlung!

Die Anbieter

Diese Seite ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, des Klinkhardt-Verlags und der UTB GmbH.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) ist die zentrale Einrichtung für Wissenschaft und Praxis der Weiterbildung in Deutschland. Aus dem Institut stammen die Herausgeber des Wörterbuchs.

Der Klinkhardt-Verlag ist ein pädagogischer Fachverlag. Er hat die Entwicklung des Wörterbuchs verlegerisch betreut.

UTB ist ein Verlag für Lehr- und Studienbücher. Bei UTB ist die Druckausgabe des Wörterbuchs erschienen.

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt