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Bernd Dewe

Sokratische Methode

Die s.M. ist Bestandteil der gleichnamigen Form einer fragenden Gesprächsführung, die ursprünglich im Kontext der philosophischen Gruppenarbeit entwickelt wurde. In den 1920er Jahren hat L. Nelson (1922) die Grundstrukturen und Prinzipien des sokratischen Gesprächs für die moderne praktische Philosophie begründet. In der neu aufkeimenden philosophischen und hochschuldidaktischen Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland wurde von G. Heckmann (1981) die Form der sokratischen Gesprächsführung und ihre → Methode sowohl in Beziehung zur Diskursethik (Apel; Habermas) wie auch im Verhältnis zu den empirischen Einzelwissenschaften weiterentwickelt. In den 1960er Jahren befreite sich die Diskussion um die s.M. aus dem engen Kontext des praktischen Philosophierens in und mit der → Gruppe und gewann zunehmend an Bedeutung, vor allen Dingen im Bereich der pädagogischen Beratungs- und Bildungspraxis ( → Beratung) mit Jugendlichen und Erwachsenen (Stavemann 2002). In der jüngeren Vergangenheit fallen besonders Rekonstruktions- und Anwendungsversuche der s.M. im Feld der bildungstheoretisch inspirierten allgemeinen und → politischen EB auf.

Will man die s.M. treffend kennzeichnen, so lässt sich behaupten, dass es sich von der Intention her zunächst bei der gleichnamigen Form der Gesprächsführung um einen auf Erkenntnis von Wahrheit ausgerichteten → Diskurs handelt, der den Menschen als potenziell eigenständig denkendes Subjekt begreift. Das konkrete Bildungsziel im Gespräch, welches auf die s.M. zurückgreift, besteht darin, das Wesen einer Sache oder eines Sachverhalts im gemeinsamen Nachdenken zu erfassen. Gruppenkonsens im Sinne thematischer und intersubjektiver Legitimität ist die jeweils praktische Voraussetzung. Methodisch geht es explizit darum, persönlich verbürgerte → Erfahrung auf die Sache (das Thema) zu beziehen. Das Gruppengespräch z.B. in der EB verläuft nach leitmotivisch pädagogischen Regeln, wobei unterstellt wird, dass jeder → Teilnehmende über Erfahrungen und Vorwissen verfügt, die in einem kontrollierten Prozess vorsichtigen Nachfragens versprachlicht werden können. Aufseiten der Teilnehmenden ist die aktive Bereitschaft zur Mitarbeit und Vertrauen in die eigene Verstandeskraft bei regelmäßiger Teilnahme eine unverzichtbare Bedingung. Die Gruppenleitung erfordert persönliche Engagiertheit und Authentizität. Dies setzt eine philosophische Haltung und die politische Bereitschaft zur gesellschaftlichen Einmischung voraus. Der Bezug zur neukantianischen Philosophie der → Aufklärung ist hier deutlich erkennbar, wobei davon ausgegangen wird, dass durch wiederkehrendes Einüben eine kompetente Beherrschung der s.M. jedem möglich ist. Eine zentrale Rolle spielt bei der s.M. das Nachfragen und Deuten von Erfahrungen und Sachverhalten im Bildungsgespräch. Die Deutung hat immer eine ganzheitliche Tendenz; sie erschließt Zusammenhänge über einzelne Gegebenheiten und bloß Vorfindliches hinweg (Birnbacher/Krohn 2002). Deutung ist stets das „Verständnis des Doppelsinns“ (Ricoeur 2004), das „Begreifen“ der objektiven (wissenschaftlich konstatierbaren) Faktizität wie auch der stets subjektiv (mit-)konstituierten „Geschichte“ und Entwicklungsdynamik eines sozialen Sachverhalts. Mit der deutenden Entschlüsselung des latenten Sinngehalts von lebenspraktischem → Wissen folgt die sokratische Gesprächsführung einem mäeutischen Modell pädagogischen Handelns (Oevermann 1996), welches in Analogie zur therapeutischen Dyade der psychoanalytischen Situation eine unverzerrte Kommunikation insoweit ermöglichen würde, als dass manifester und latenter Sinn und Bedeutungsgehalt zunehmend zur Deckung gebracht würden (Dewe 1999). Nach dieser Methode besteht die Aufgabe des Erwachsenenpädagogen darin, den latenten Sinngehalt in sprachlichen Handlungen (Sprache) im Medium nachfragender Gespräche zu entschlüsseln und diesen den Adressaten per Explikation gewissermaßen zur Diskussion zu stellen, um so die im Handeln der Adressaten intuitiv realisierten Operationen und Prinzipien zu bewahren und sie zugleich auf eine höhere Stufe der Symbolorganisation und somit der Einsicht und des (Selbst-)Verständnisses zu bringen.

Erwachsenenpädagogisches Handeln bemüht sich folglich um die („verbesserte“, also aufgeklärte) Explikation dessen, was der lernende Erwachsene in seiner Alltagspraxis ( → Alltag) mehr oder weniger fehlerhaft immer schon weiß (Nörenberg 2007). Ein auf solchen Einsichten basierendes pädagogisches Handeln, welches eine Introspektion in die innere Logik der jeweiligen kulturellen Varianten des Erfahrungswissens der Teilnehmenden erfordert, ist an eine Neuformulierung des Bildungsbegriffs gebunden, der sich weder umstandslos in die Tradition des neuhumanistischen Bildungsbegriffs ( → Bildung) stellt, noch die Neuauflage seiner curriculumtheoretischen Reduktion ( → Curriculum) darstellt.

Literatur

  • Birnbacher, D./Krohn, D. (Hrsg.): Das sokratische Gespräch. Stuttgart 2002

  • Dewe, B.: Die Bedeutung von Hermeneutik und Rhetorik in der Praxis philosophischer Beratung. In: Ethik und Sozialwissenschaften, H. 1, 1999b

  • Heckmann, G.: Das sokratische Gespräch. Erfahrungen in philosophischen Hochschulseminaren. Hannover 1981

  • Nelson, L.: Die sokratische Methode. In: Henry-Hermann, G. (Hrsg.): Vom Selbstvertrauen der Vernunft. Schriften zur kritischen Philosophie und ihrer Ethik. Hamburg 1975 (erstmals ersch. 1922)

  • Nörenberg, M.: Das professionelle Nicht-Wissen. Sokratische Einredungen zur Reflexionskompetenz in der sozialen Arbeit. Heidelberg 2007

  • Oevermann, U.: Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionellen Handelns. In: Combe, A./Helsper, W. (Hrsg.): Pädagogische Professionalität. Frankfurt a.M. 1996

  • Ricoeur, P.: Wege der Anerkennung: Erkennen, Wiedererkennen, Anerkanntsein. Frankfurt a.M. 2004

  • Stavemann, H.H.: Sokratische Gesprächsführung in Therapie und Beratung. Eine Anleitung für Psychotherapeuten, Berater und Seelsorger. Weinheim 2002

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt