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Rudolf Tippelt

Sozialer Wandel

In sozial- und bildungswissenschaftlicher Sicht umfasst s.W. die Summe quantitativer und qualitativer Veränderungen der Sozial- und Wirtschaftsstruktur von gesellschaftlichen Teilbereichen. Im Gegensatz zu den Begriffen Zivilisierung, Europäisierung, Modernisierung oder Fortschritt, aber auch Industrialisierung oder Demokratisierung ist der Begriff s.W. deskriptiv und analytisch und beinhaltet keine wertenden und insb. keine teleologischen Grundannahmen.

Blickt man historisch zurück, wurde s.W. zunächst implizit z.B. im Sinne H. Spencers als evolutionärer Prozess thematisiert, in dem durch eine fortschreitende Arbeitsteilung und die Etablierung neuer Institutionen Gesellschaften an Komplexität gewinnen. E. Durkheim schließt an diese These an und analysiert wie die sich stetig wandelnden sozialen Tatsachen, insb. überindividuelle Strukturen und Ideen wie Religion, Moral und Normen, die Erziehung und Sozialisation des Einzelnen prägen. S.W. begünstigt die Entwicklung von organischer Solidarität zwischen ihren Mitgliedern, weil in modernen Gesellschaften die Lebensweisen und -verhältnisse der Menschen auf hoher Heterogenität beruhen. S.W. erzwingt geradezu Sozialisation und intendierte Erziehung zur Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Solidarität. Auch für M. Weber ergibt sich durch s.W. ein entwicklungshistorischer Verlauf von Gesellschaften, aus dem auch veränderte Anforderungen an Bildung von Menschen resultieren: Erweckung von Charisma, Kultivierung von Persönlichkeit, spezialisierte Fachschulung.

Der Begriff s.W. wurde explizit von W. F. Ogburn 1922 geprägt; seither befassen sich vor allem systemtheoretische und struktur-funktionalistische Theorien (T. Parsons), konflikttheoretische (R. Dahrendorf), evolutionistische und interaktionistische Theorien (G. H. Mead, J. Habermas) mit verschiedenen Dimensionen und Theoremen des s.W. Konkrete Dimensionen sind soziale Strukturen (wie demographischer Wandel, die Schichtungs- und Milieustruktur), räumliche Strukturen (wie Siedlungsformen und Mobilität), soziale Mentalitäten (wie Werte-, Norm- und Rollenveränderungen) oder auch soziales Verhalten (wie Familienformen, Erziehungsstile, Bildungsverhalten). Aktuelle Theorien des s.W. stellen nicht eine einzige erklärende Variable (z.B. Wirtschaftswachstum, technologischer Wandel) in den Mittelpunkt ihrer Erklärungen, sondern streben eine mehrdimensionale Theorie an, wobei sich empirisch das Problem stellt, welche messbaren Indikatoren zur Bestimmung des s.W. ausgewählt werden. Zwar haben die meisten Theorien des s.W. ein Vorverständnis der wesentlichen Richtung der künftigen Entwicklung, aber es geht nicht um die Suche nach evolutionären Universalien, die in allen Entwicklungsprozessen in bestimmter zeitlicher Abfolge und struktureller Ordnung aufzufinden sind und letztlich für unvermeidbar oder gar für normativ wünschenswert erklärt werden. Typisch dagegen ist, dass in komplexen Gesellschaften in den verschiedenen Teilbereichen ein unterschiedliches Veränderungstempo festzustellen ist (z.B. im Beschäftigungs- und im Bildungssystem), so dass beim s.W. Ungleichzeitigkeit und Spannungen auftreten. Die theoretische und empirische Forschung zum s.W. lässt in den letzten Jahrzehnten bestimmte thematische Schwerpunkte und Konjunkturen erkennen: In den 1950er und 1960er Jahren hat T. Parsons den s.W. in Verbindung mit seinem rollentheoretischen Ansatz bearbeitet. In Parsons strukturfunktionalistischem Ansatz agiert das Individuum in einer turbulenten Umwelt auf Basis gesellschaftlich normierter und individuell internalisierter Rollenanforderungen und trägt so zur Aufrechterhaltung sozialer Systeme bei. In den 1970er Jahren wurde von Vertretern der Kritischen Theorie kritisiert, dass dieser Ansatz lediglich die Reproduktion bestehender sozialer Ordnungen im Blick habe. In der pädagogischen Rezeption entwickelte sich die Funktionsbeschreibung pädagogischer Institutionen (Qualifikation, Allokation, Legitimation und Enkulturation) weiter (H. Fend). In den 1980er Jahren wurde die Verlagerung von Arbeitsplätzen in den tertiären Dienstleistungssektor analysiert und die Bedeutung von ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapital hervorgehoben (P. Bourdieu). Gleichzeitig wurde insb. im deutschsprachigen Raum die Auflösung traditioneller sozialer Strukturen, Institutionen und Orientierungsmuster, wie Klassen, Familie, Ehe oder Geschlechterrollen, im Zuge einer umfassenden Individualisierung, herausgearbeitet (U. Beck). Bourdieus lebensstilbezogener Ansatz und verwandte, in der EB genutzte Milieukonzepte können auch als Gegenentwurf zur Individualisierungsthese verstanden werden, da nicht von einer Erosion sozialer Zusammenhänge, sondern von neuen Ebenen sozialer Gruppenbildung ausgegangen wird. In den 1980er und in den 1990er Jahren wurde die beim s.W. immer bedeutsame Thematik der Beschreibung und Erklärung sozialer Ungleichheit, also der ungleichen Verteilung von als wertvoll erachteter Güter aus geschlechtsspezifischer und migrationsspezifischer Perspektive empirisch analysiert. Soziale Ungleichheit wird hierbei als illegitime Benachteiligung durch eine ungleiche Chancenverteilung kritisiert. Seit den internationalen empirischen Schulleistungsstudien im Jahr 2000 wird soziale Ungleichheit und Bildungsbenachteiligung nicht nur in der erziehungswissenschaftlichen, sondern auch in der bildungspolitischen Debatte wieder verstärkt in den Blick genommen. Bildung spielt bei den Theoremen des s.W. heute erneut eine starke und dominante Rolle, weil Bildung und → Lebenslanges Lernen Lebenschancen determinieren und als wichtige Indikatoren zur Positionierung im sozialen Raum wahrgenommen werden.

Literatur

  • Baumert, J. u.a. (Hrsg.): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich. Opladen 2001

  • Bourdieu, P.: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt a.M. 1982

  • Durkheim, E.: Erziehung und Soziologie. Düsseldorf 1972

  • Fend, H.: Neue Theorie des Schule. Wiesbaden 2007

  • Habermas, J.: Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt a.M. 1981

  • Luhmann, N.: Soziale Systeme. Frankfurt a.M. 1984

  • Parsons, T.: Social Structure and Personality. New York 1964

  • Tenorth, H-E./Tippelt, R. (Hrsg.): Beltz-Lexikon Pädagogik. Weinheim 2007

  • Tippelt, R.: Bildung und sozialer Wandel. Weinheim 1990

  • Weber, M.: Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen 1972

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt