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Peter Faulstich & Gernot Graeßner

Studium

Die Einrichtung eines Hauptfachstudiums Erziehungswissenschaft mit dem Studienschwerpunkt EB/WB war – allen hochschul- und arbeitsmarktpolitischen Irritationen zum Trotz – eine Erfolgsgeschichte. Diese bezieht sich sowohl auf die Konturierung als erziehungswissenschaftliche Disziplin als auch die Verzahnung mit den Tätigkeitsfeldern, in denen sich ihren Absolvent/inn/en die Chance bietet, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen und berufliche Karrieren zu erschließen. Indem der bisherige Diplom-Abschluss abgelöst wird durch eine Graduierung als Bachelor und Master ( → Bologna-Prozess), befindet sich die Studienlandschaft jedoch in einem tiefgreifenden Umbruch.

Eine Übersicht über die im Internet publizierten Studiengänge ergibt für das Jahr 2008, dass noch ca. 30 Studiengänge mit dem Diplomabschluss angeboten werden, die bis zum Ende des Jahrzehnts auslaufen werden (ebenso wie die wenigen Magisterstudiengänge, innerhalb derer ein Schwerpunktstudium EB/WB möglich ist).

Die Bezeichnung der Studiengänge, in denen EB/WB ausgewiesen ist, spiegelt den Zustand der Disziplin. An fünf Hochschulorten ist EB/WB eingebettet in die Pädagogik, an 23 weiteren Hochschulen in die Erziehungswissenschaft, an fünf Hochschulen wird sie teilweise in Kombination mit Bildungswissenschaft gelehrt. An neun Hochschulen finden sich Studiengänge mit der Bezeichnung EB/WB, an 12 Hochschulen ist EB/WB (insb. im Masterbereich) in spezielle Studiengangsbezeichnungen (z.B. Management und Beratung für europäische Bildung, Bildungsmanagement, Leadership, Lifelong Learning, Knowledge Management and Institutional Change, Human Development, Lifelong Learning and Institutional Change, Weiterbildung und Bildungstechnologie, Betriebliche Berufsbildung und Berufsbildungsmanagement, Wirtschaftspädagogik, Erziehungswissenschaft: Organisation von Wissen oder Further Education and Training, Adult Education) inkludiert.

Ein Anstoß für die Studienangebote mit dem Schwerpunktprofil EB/WB nach 1969 war die Expansion des Tätigkeitsfeldes. Dies lag zum einen am Umfangswachstum des Teilarbeitsmarktes für personenbezogene Dienstleistungen. Gleichzeitig wies besonders das Beschäftigungssegment der Erziehungs-, Bildungs- und Sozialberufe schon seit längerem eine stetige Steigerung auf. Zum anderen hatte sich das Bildungswesen in Richtung auf eine Aufwertung der WB restrukturiert. Fast unbemerkt ist seitdem die EB, gemessen an Teilnahmezahlen und Finanzen, zum größten Bildungsbereich geworden – dies weisen kontinuierlich die Statistiken des Berichtssystems Weiterbildung aus. Entsprechend ist auch die Zahl der Personen, die ihr Haupteinkommen in der EB verdienen, erheblich gestiegen (Faulstich 1996). In der Folge der Expansion des Teilarbeitsmarktes gibt es seit 40 Jahren die Möglichkeit, an den Hochschulen EB zu studieren. Die Grundlage dafür bietet die „Rahmenordnung für die Diplomprüfung in Erziehungswissenschaft“, die von der KMK am 20.03.1969 beschlossen worden war. Ein Grundmerkmal des Diplomstudiengangs war es, die vielfältigen Tätigkeitsfelder auf ein gemeinsames bildungswissenschaftliches Fundament zu stellen. Dies ist der Versuch, eine Handlungskompetenz zu vermitteln, die eine breite Basiskompetenz mit der berufsspezifischen Kompetenz in der EB kombiniert. Zunächst war die Studienrichtung EB auf erhebliche Vorbehalte gestoßen und als „akademisch“, „praxisfern“ und „realitätsfremd“ kritisiert worden. Es wurde vor allem skeptisch eingewandt, dass der Praxisbezug im Hinblick auf die anfallenden Funktionen fraglich sei, dass aber auch die Fachkompetenz für lehrende Tätigkeiten fehle.

Nichtsdestoweniger hat dieses Studienangebot eine erstaunliche Entwicklungsdynamik entfaltet (Krüger u.a. 2003). Nach der ersten Expansion in den 1980er Jahren auf etwa 25.000 stieg die Zahl der Immatrikulierten stetig an und betrug Ende der 1990er Jahre rund 40.000 Studierende in Deutschland.

Demgegenüber werden zunehmend Bachelorstudiengänge angeboten, innerhalb derer EB/WB ausgewiesen wird, ohne dass eine Fortsetzung im konsekutiven Masters. an derselben Hochschule möglich ist. Zusätzlich werden Studiengänge konsekutiv offeriert, d.h. mit dem Bachelorabschluss ist es möglich, ein Masters. mit dem Schwerpunkt EB/WB anzuschließen (oder nach Berufstätigkeit erneut aufzunehmen). Schließlich ist es möglich, ein Masters. zu beginnen (an einigen Hochschulorten stehen dafür mehrere Masterangebote zur Verfügung), ohne dass dort ein vorgängiges Bachelors. mit einem ausgewiesenen Schwerpunkt der EB/WB vorgesehen ist. An wenigen Hochschulen werden derzeit nicht-konsekutive, weiterbildende Masterstudiengänge angeboten. Dabei hat sich die Anzahl der Hochschulen, welche ein Studium der EB/WB anbieten, nicht verändert. An ca. 40 Hochschulen ist ein solches S. möglich, eine Zahl, die seit den 1990er Jahren weitgehend unverändert ist.

Mit der Diskussion um Bachelor- und Masterstudiengänge bricht nun das ganze Feld der Studiengangsstrukturen in nahezu allen Disziplinen auf. Kern der neuen Strukturen ist die Modularisierung des S. Dies ermöglicht einerseits eine stärkere Flexibilisierung und Individualisierung der Lernmöglichkeiten, erzwingt aber andererseits durch die Notwendigkeit der Vergleichbarkeit und Anrechenbarkeit der Zertifizierungen im Kredit-Punkt-System eine Bürokratisierung der Angebote und Prüfungen.

Unter den neu entstandenen Studiengängen gestaltet sich der Anteil der EB/WB sehr differenziert, die erwachsenenbildnerischen Themen sind als einzelne Aspekte, Module, Profil oder kompletter Studiengang repräsentiert.

Ein deutlicher Zusammenhang besteht zwischen der Form des Angebots und dem akademischen Abschlussniveau. So dominieren auf Bachelorstufe Aspekte und Module, die in generellen erziehungswissenschaftlichen Studiengängen eingebunden sind und sich anteilsmäßig kaum über mehr als zwei Module erstrecken. Auf der Masterebene erhält das Professionsfeld EB/WB deutlich mehr quantitative Substanz. Dadurch wird deutlich, dass die Qualifikation professionellen Nachwuchses vorrangig in der Masterphase angesiedelt ist. Es fällt auf, dass sehr unterschiedliche Signale gesetzt werden. Funktionale Bezeichnungen (Basismodul, Vertiefungsrichtungen, Akzentuierungsbereich, Profilbereich, Handlungsfeld) lassen darauf schließen, dass nach mehr oder weniger weit gefassten Hülsen gesucht wurde, denen nachfolgend spezifizierende Veranstaltungsinhalte untergeordnet werden können. Andererseits finden sich relativ klar bestimmte Schwerpunktsetzungen, die auf ein thematisches Profil, wie z.B. Beratung, Evaluation, Organisationsentwicklung, Gestaltung lernortübergreifenden und lebenslangen Lernens, Bildungsinstitutionen und Bildungsorganisation oder Management, hinweisen. Während funktionale Bezeichnungen eher eine Orientierung an der Wissenschaftssystematik ausdrücken, deuten inhaltliche Schwerpunkte in den Modulbezeichnungen eher auf eine Orientierung an Strukturen der Praxis der EB/WB hin.

Was hinter den Modulbezeichnungen steht, weist sich in den thematischen Schwerpunkten aus, welche diesen zugeordnet sind. Als Systematik bietet sich eine Zuweisung dieser thematischen Schwerpunkte zu den weitgehend üblichen Kategorien Geschichte der EB/WB, Theorie, Institutionen/Bildungspolitik, Lehren/Lernen, Bereiche der EB, Forschung und Zielgruppen an:

  • Theorie: Theorie der EB, lebenslanges und lebensbegleitendes Lernen, Wissenschaftsdidaktik, gesellschaftliche und anthropologische Voraussetzungen für das Lernen Erwachsener, Umgang mit Wissen, selbstgesteuertes Lernen, Selbstreflexion, Ethik, Essentials of Adult and Continuing Education in Europe,

  • Forschung: Forschungsfelder lebenslangen bzw. lebensbegleitenden Lernens, Evaluation, Institutionen- und Programmforschung, forschungspraktische Studien im Bereich der EB,

  • Lehren/Lernen: Lehren und Lernen in der EB, didaktische/methodische Konzepte der EB, Gestaltung von Lernumgebungen, Projektarbeit, Methoden der Weiterbildungsberatung, Lernmanagement,

  • Geschichte: Geschichte der EB/WB, historische Grundlagen,

  • Institutionen/Bildungspolitik: Institutionen, Management, Institutionalformen der EB/WB, Weiterbildungsrecht in Deutschland, European Strategies for Lifelong Learning,

  • Bereiche der EB: betriebliche Bildungsarbeit, betriebliche WB, berufliche WB, kulturelle WB,

  • spezifische Themen: Professionalisierung in der EB, Neue Medien,

  • Zielgruppen: Zielgruppenkonzepte.

Die Bachelor-/Masterkonstruktion sucht den Anschluss an die bisherige Struktur des Diplomstudiums. Ein zentrales Ergebnis der bisherigen Reform liegt darin, dass die spezifische professionsfeldbezogene Ausbildung in der Masterphase eine prinzipielle Qualifikationsstruktur erkennen lässt. Eine professionsbezogene Profilbildung auf der Basis eines disziplinären Fundaments, welches in einem erziehungswissenschaftlichen Bachelorstudiengang oder im Rahmen einer fachlichen Basis in der Masterphase entwickelt wird, wird tendenziell präferiert. Die Gefahr der nachträglichen Entwertung des Berufsprofils von etwa 50.000 Absolvent/inn/en des bisherigen Diplomstudiengangs ist damit allerdings nicht abgewendet.

Eine aussichtsreiche Perspektive bietet ein bildungswissenschaftliches Hauptfach mit dem Schwerpunkt EB. Gleichzeitig muss aber, wenn man sich auf ein Modulsystem einlässt, eine fundierte Basis für das Zusammenfügen der einzelnen Bausteine gelegt werden. Dazu können die Kultur- und Bildungswissenschaften eine theoretische Grundlage liefern. Angesichts der erzwungenen rigiden Transformation der Studienstrukturen an deutschen Hochschulen könnte eine „profilorientierte Modularisierung“ eine adäquate Strategie abgeben, um den Professionalisierungsanforderungen für „Lernvermittler“ in der EB gerecht zu werden. Angesichts der hochschulpolitischen Ausgangssituation bleibt abzuwarten, ob die Entwicklung eines konsekutiven Bachelor-/Mastermodells koordiniert zwischen den Hochschulen vorangetrieben wird, um die Bedeutung eines Hauptfachstudiums, das auf unterrichtende, planende und beratende Tätigkeiten im Bildungssystem vorbereitet, zu sichern und zu unterstreichen. Ein modularisiertes System von grundständigen und weiterführenden Studien für Tätigkeiten in der EB bietet die Chance, die Dynamik dieses Arbeitsfeldes aufzunehmen.

Literatur

  • Faulstich, P.: Höchstens ansatzweise Professionalisierung. In: GEW (Hrsg.): Die Bildungsarbeiter. Weinheim 1996

  • Faulstich, P./Graeßner, G.: Grundständige Studiengänge Weiterbildung in Deutschland. Sonderbeilage zum Report. Bielefeld 2003

  • Faulstich, P./Graeßner, G.: Riskante Flexibilität. In: Kraul, M./Merkens, H./Tippelt, R.: Datenreport Erziehungswissenschaft 2006. Wiesbaden 2006

  • Krüger, H.-H.u.a.: Diplom-Pädagogen in Deutschland. Weinheim 2003

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt