Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

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Rolf Arnold

System

Der Begriff S. steht ursprünglich für das Bemühen, die Struktur wissenschaftlicher Gegenstände – ob biologischer oder z.B. soziologischer Art – aus ihrer Funktionalität für die S.umwelt heraus zu verstehen. Dadurch weitete sich der Blick wie in einem Zoom: Es war nicht mehr allein das Auge, welches seziert, beschrieben und durch Modelle in seiner Struktur und seinen Wirkungsmechanismen erklärt werden sollte, sondern vielmehr das Auge in seinem Wechselverhältnis mit dem Gehirn sowie den Stoffwechselprozessen des gesamten Körpers und seiner Inanspruchnahme durch die Lebens- und Arbeitssituation des Sehenden. In ähnlicher Weise eröffnete die S.theorie auch Möglichkeiten, Gesellschaft und Individualität neu zu denken, wobei es im deutschsprachigen Raum insb. der Soziologe N. Luhmann gewesen ist, der den Versuch unternahm, soziologische Gegenstände, wie z.B. Gesellschaft, Wissenschaft oder auch Bildung und Erziehung, aus ihren Funktionen heraus zu beschreiben, die diese Gegenstände für andere S. zu erfüllen hätten, wenn sie in ihrem Überleben selbst nicht infrage gestellt werden wollten. Für die S.theorie werden S. durch die Unterscheidung eines Beobachters konstruiert, welcher zwischen S. und Nicht-S. bzw. S.umwelt unterscheidet. Dies bedeutet, dass jedes S. durch eine Leitdifferenz geschaffen wird und seine funktionale Berechtigung erfährt. Diese Leitdifferenz artikuliert sich in gesellschaftlichen S. in einem Medium, welches sich aus einem gesellschaftlichen Zentralanliegen ergibt. So ist dieses Medium beispielsweise im Falle des Rechtssystems die Gerechtigkeit (mit der Leitdifferenz „gerecht“ vs. „ungerecht“) und im Falle der Medizin die Gesundheit (mit der Leitdifferenz „gesund“ vs. „krank“).

Wiederholt wurde in der Pädagogik und in der Erwachsenenpädagogik darüber nachgedacht, welcher spezifischen Leitdifferenz sie im Medium der Bildung oder des Lebenslaufs ihre Stiftung als S. verdanke. Während Luhmann und Schorr die Selektionsfunktion des Bildungswesens mit ihrer impliziten Unterscheidung „bestanden“ vs. „nicht bestanden“ in den Blick nahmen, plädieren in der Erwachsenenbildung Kade u.a. für die Leitdifferenz „vermittelbar“ vs. „nicht vermittelbar“, um die Erwachsenenbildung als S. zu konstituieren. Dies war ein Vorschlag, der allerdings nicht unwidersprochen blieb. Gerade aus systemisch-konstruktivistischer Perspektive ergeben sich gegenüber einer solchen Differenz grundlegende, sowohl erkenntnistheoretische als auch sprachphilosophische Hinterfragungen. Zwar lassen sich durch differenztheoretische Präzisierungen Klärungen erreichen, aber eben auch Charakteristika verwischen, wie u.a. Luhmanns Festhalten an der Differenz Kind vs. Erwachsener deutlich macht. Wie taucht in solchen „Begriffsschärfungen“ die fortwirkende Kindlichkeit als prägendes und gestaltendes Moment des Individualisierungsprozesses auf? Es spricht einiges dafür, dass wir neben der Differenz- auch eine Integrationstheorie bzw. eine Begriffstheorie benötigen, die nicht von Zeit und Kontext abstrahiert (Simon 1999) und die nach den diesen Unterscheidungen zu grundeliegenden Motiven sowie den jeweiligen Kontexten fragt, um wirklich weiterführende Begriffe für das erwachsenenpädagogische Denken und Handeln zu etablieren. In diesem Sinne stehen die systemischen Konzepte für eine autopoietische Wende der S.theorie, die stärker nach dem Beobachter selbst als nach seiner Unterscheidung fragt. Dadurch gerät ihr in den Blick, dass Menschen stets im Kontext ihrer biographisch erworbenen Deutungs- und Emotionsmuster sich selbst und die Wirklichkeit beobachten, und dabei nicht ohne weiteres zu einer anderen, ihnen unplausiblen Sicht der Dinge gelangen. Es ist dieses Eingebettetsein in biographische sowie energetische Dynamiken, die auch die Aneignungsperspektive – quasi die Kehrseits der Beobachterperspektive – verstärkt in den Blick der Erwachsenenpädagogik rückt und ihr Lernen als eine Konstruktion von Wirklichkeit zu analysieren erlaubt. Gleichzeitig wird der Selbstorganisation sowie der Selbststeuerung der Lernenden eine neue Aufmerksamkeit geschenkt, davon ausgehend, dass Erwachsene „lernfähig, aber unbelehrbar“ (Siebert 2001) sind. Erwachsenendidaktisch angezeigt ist deshalb das Arrangieren – nicht das Vermitteln von Wissen, Perspektiven oder Handlungsmöglichkeiten im Erwachsenenlernen, wissend, dass Erwachsene die Welt nicht nur so sehen, wie sie sie sehen, sondern auch so, wie sie sie auszuhalten vermögen.

Literatur

  • Arnold, R./Arnold-Haecky, B.: Der Eid des Systemagos. Eine Einführung in die Systemische Pädagogik. Baltmannsweiler 2009

  • Capra, F.: Das Neue Denken. Die Entstehung eines ganzheitlichen Weltbildes im Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft und Mystik. 3. Aufl. Bern 1988

  • Luhmann, N.: Systeme verstehen Systeme. In: Ders.: Schriften zur Pädagogik. Frankfurt a.M. 2004

  • Malik, F.: Systemisches Management, Evolution, Selbstorganisation. Grundprobleme, Funktionsmechanismen und Lösungsansätze für komplexe Systeme. Bern u.a. 1993

  • Siebert, H.: Erwachsene – lernfähig, aber unbelehrbar? In: Angress, A. (Mitarb.) u.a.: Kompetenzentwicklung 2001. Tätigsein – Lernen – Innovation. Münster u.a. 2001

  • Senge, P. u.a.: Presence. Exploring profound Change in People, Organizations and Society. London/Boston 2005

  • Simon, F.B.: Die Kunst, nicht zu lernen und andere Paradoxien in Psychotherapie, Management, Politik. 2. Aufl. Heidelberg 1999

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt