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Josef Schrader

Teilnehmerorientierung

T. zählt seit nunmehr 30 Jahren zu den Leitprinzipien, die von Disziplin und Profession ( → Professionalität und Professionalisierung) der EB einmütig reklamiert werden. Auch die internationale Diskussion kennt das Prinzip, etwa als „learner-centred approach“. In der Phase der Bildungsreform erfüllte dieses Leitprinzip neben anderen die Funktion, die Besonderheit der als Praxis und Wissenschaft neu etablierten EB gegenüber Schule und Hochschule zu legitimieren. Wenn es um die Planung von Weiterbildungsangeboten geht, ist Zielgruppenorientierung ein verwandter Begriff, wenn die Durchführung betont wird, sind es Situations-, → Lebenswelt-, → Erfahrungs- und → Biographieorientierung. Präskriptiv gewandt, bringt der Begriff T. den pädagogischen Appell zum Ausdruck, Lehr-Lernprozesse vom Teilnehmenden her, auf den Teilnehmenden hin und mit ihm zusammen zu planen und zu gestalten. Insofern die Orientierung an den Teilnehmenden für alle organisierten Bildungsprozesse konstitutiv ist, hebt das Prinzip für die WB hervor, dass sie die Voraussetzungen, Erwartungen, → Lernstile und kognitiven Strukturen der Lernenden mehr berücksichtigen müsse als eine Systematik der Sachthemen, die in Schule und Hochschule im Mittelpunkt stehen.

Der Begriff T. hat eine weite Auslegung erfahren. Er wurde im Sinne einer didaktischen Antizipation (Tietgens in Breloer u.a. 1980), im Sinne von Teilnehmerpartizipation (Breloer in Breloer u.a. 1980), aber auch im Sinne von Selbststeuerung (Dauber in Breloer u.a. 1980) gedeutet. In die Begründung des Prinzips mischen sich didaktische, ethische, anthropologische und kognitionspsychologische Argumente (nicht aber ökonomische wie bei der Kundenorientierung). Neuere Studien zeigen, dass pädagogische Mitarbeiter/innen, die sich auf das Prinzip der T. berufen, dieses vor allem für die Begründung konkreter Handlungsstrategien im Unterricht nutzen (Luchte 2001). Der Begriff taucht vor allem in der allgemeindidaktischen Diskussion auf (in einer bildungstheoretischen Variante bei Schulz 1996, ermöglichungsdidaktisch bzw. konstruktivistisch gewendet bei Arnold/Gómez Tutor 2007), dazu in der Ratgeberliteratur sowie in den Legitimationsdebatten um korporativ-plurale Weiterbildungsanbieter. Es überwiegen präskriptive Aussagen, oft apodiktisch vorgetragen und nur selten kasuistisch im Blick auf Kontexte, Ziele, Inhalte, Wissensformen und Adressaten der EB konkretisiert (Siebert 2006).

Ähnlich wie die allgemeine → Didaktik hat der Prinzipiendiskurs der EB den Kontakt zur empirischen Lehr-Lernforschung kaum herstellen können. Allenfalls in der Gründungsphase hat die engagiert geführte Diskussion um das Prinzip der T. einige deskriptive Studien angeregt. Die Befunde lassen sich im Anschluss an F. Oser (2000) danach ordnen, ob sie die Sicht- oder die Tiefenstruktur von Lehr-Lernprozessen betreffen. Auf der Ebene der Sichtstruktur verortet Oser die Arbeits- und Sozialformen und den Medieneinsatz, auf der Ebene der Tiefenstruktur die kognitiven Lernwege, die für gewünschte Lernziele unverzichtbar sind. H. Siebert und H. Gerl (1975) haben in der Mitte der 1970er Jahre in einer Studie zur soziokulturellen EB gezeigt, dass selbst in diesen Kursen ein stoff- und dozentenorientierter Unterricht überwiegt. Für die Tiefenstruktur des Unterrichts machten die im Bildungsurlaubs-, Versuchs- und Entwicklungsprogramm durchgeführten Untersuchungen darauf aufmerksam, dass es häufig zu einer „Verdopplung der Inhalte“ kam, dass also → Deutungsmuster von Lehrenden und Lernenden nicht aufeinander bezogen wurden. Diese durch spätere Studien gestützten Befunde lassen sich so interpretieren, dass Lehrkräfte der EB sich bei der Planung, Gestaltung und Evaluation von Lehr-Lernprozessen nicht ausschließlich, vermutlich nicht einmal primär am (immer im Plural anwesenden) Teilnehmer orientieren, sondern eher am „Stoff“ und an dem, was sie als ihr professionelles Mandat und ihre professionelle Lizenz betrachten.

Die neuere schulbezogene Forschung beschäftigt sich mit der Frage, auf welcher der beiden Ebenen des Unterrichts vor allem über den Lernerfolg entschieden wird. Jüngere Befunde sprechen dafür, dass die Sichtstruktur des Unterrichts im Sinne einer „educational seduction“ für Lernende hinreichend attraktiv sein muss, um eine kognitive Aktivierung auf der Tiefenstruktur zu ermöglichen. Tietgens hat auf das damit angesprochene Problem früh mit dem Begriff der Passung aufmerksam gemacht. Ob und wie das Prinzip der Teilnehmerorientierung in der EB im Sinne einer solchen Passung von Lehr- und Lernverhalten, Anforderungen „der Sache“ und professionellem Rollenverständnis praktiziert wird und werden kann, bleibt eine lohnende Forschungsfrage, die möglichst in Kooperation mit Fachdidaktikern bearbeitet werden sollte.

Literatur

  • Arnold, R./Gómez Tutor, C.: Grundlinien einer Ermöglichungsdidaktik. Augsburg 2007

  • Breloer, G./Dauber, H./Tietgens, H.: Teilnehmerorientierung und Selbststeuerung in der Erwachsenenbildung. Braunschweig 1980

  • Luchte, K.: Teilnehmerorientierung in der Praxis der Erwachsenenbildung. Weinheim 2001

  • Oser, F.K./Baeriswyl, F.: Choreographies of Teaching: Bridging instruction to learning. In: Richardson, V. (Hrsg.): Handbook of Research on Teaching. 4. Aufl. New York 2000

  • Schulz, M.: Integrative Weiterbildung. Chancen und Grenzen. Konzeptionelle Überlegungen zur Integration von allgemeiner, politischer und beruflicher Bildung. Neuwied 1996

  • Siebert, H.: Didaktisches Handeln in der Erwachsenenbildung. Didaktik aus konstruktivistischer Sicht. 5., überarb. Aufl. Augsburg 2006

  • Siebert, H./Gerl, H.: Lehr- und Lernverhalten bei Erwachsenen. Braunschweig 1975

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt