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Ortfried Schäffter & Sabine Schmidt-Lauff

Temporalität

Die Kategorie der T. bietet einer zeittheoretischen Rekonstruktion des → Weiterbildungssystems den möglichen Ausgangspunkt für eine neuartige Funktionsbestimmung von Verständigung über „EB in der Transformationsgesellschaft“. Es sind die Diskrepanzen zwischen differenten Zeitregimen, Eigenzeiten, Entwicklungszeiten und soziokulturellen Zeittendenzen der Moderne, die in dieser Deutung zum konstitutiven Merkmal von Lernen im Erwachsenenalter erklärt werden. Institutionalisiertes Erwachsenenlernen erweist sich so als Organisation offener Ereignisverknüpfung. Die Dominanz des Temporalen kommt in klassischen Begriffen und Begründungsformeln der Organisation bzw. Planung, strukturell aber im Okkasionellen oder Projektförmigen einer sich permanent wandelnden Angebots- und Bedürfnisstruktur ( → Angebot) sowie in der fluiden Struktur der Institutionalisierungsverhältnisse zum Ausdruck. Auch die mikrodidaktische Organisation ( → Didaktik) lässt sich charakterisieren als ein Netzwerk multipler, lose verkoppelter Ereignisse und Ereignisketten. Von grundsätzlicher Bedeutung ist, dass WB nicht über eine spezifische Systemzeit und feste Zeitinstitutionen und somit auch nicht über eine Kontrolle ihrer internen Lernzeiten verfügt, wie z.B. Schule und Berufsausbildung in Zeitregimen wie Jahrgangsklassen, Versetzungen, Abschlüssen und daran anschließenden „Bildungskarrieren“. Nahezu alle Institutionalformen der WB haben sich stattdessen auf Ereignisverknüpfung spezialisiert und finden ihre kennzeichnende Stärke in einer themenoffenen Anschlussfähigkeit in der Berücksichtigung und Organisation temporaler Muster (Schäffter 1993).

Eine noch zu entwickelnde zeit-theoretische Rekonstruktion lebensbegleitenden Lernens hat sich u.a. mit folgenden Themenkomplexen auseinanderzusetzen:

  • Erwachsenenlernen als Ausdruck und Motor von Modernisierungsprozessen, dessen Initiierung in der Balancierung der drei Zeitdimensionen: Vergangenheit ( → Erfahrungsorientierung/-bezug), Gegenwart ( → Lebensweltbezug/ → Deutungsmuster) und Zukunft (Entwicklung) stattfindet und durch zeitpolitische Rahmungen gestützt wird.

  • Erhebliche Bedeutung erhält die Kategorie der Entwicklung, die im Kontext einer Theorie biographischer Selbststeuerung ihren bisherigen lernpsychologischen Horizont überschreitet und zu einem Orientierungsbegriff rationaler Lebensführung wird. „Entwicklung“ bezeichnet nun die Synchronisation bisher getrennter Ereignisse (Sozialzeiten) und Eigenzeiten durch eine pädagogische Verknüpfungsleistung. Dies schlägt sich in der Formel „pädagogische Entwicklungsbegleitung“ als Aufgabe von EB nieder.

  • Konfligierende Momente erklären sich dabei aus instrumentell-pragmatischen und subjektiv-interpretativen Zugängen eines strukturierenden und emotionalen Spannungsfeldes zu „Zeit“, in dem wir uns im und durch Lernen zu ihr (konstitutiv gestaltend) verhalten. Disziplinübergreifende Zugänge erschließen sich für die empirische Forschung (Schmidt-Lauff 2008).

Neben dem konstitutiven Charakter bekommt es WB auch mit zeitpolitischen Forderungen (Tarif-/Betriebsverträge, Lebens-Arbeitszeitkonten, Work-Life-Balance) zu tun, die Lernchancen durch temporale Formalisierungen in der Auslotung kollektiver und individueller Ressourcen fordern. Hintergrund bilden empirische Relevanzen (z.B. → Bildungsberichterstattung), in denen Zeit zur Fluchtkategorie einer Nicht-Teilnahme schlechthin wird. Darüber hinaus wird T. thematischer Gegenstandsbereich (Geißler 1985), in dem es um die lernende Aneignung ( → Aneignung – Vermittlung) von neuen Formen des Zeitbewusstseins, um kritische Auseinandersetzung mit konkurrierenden Zeitregimes in der Lebensführung sowie um gesellschaftliche Probleme der Beschleunigung, Stagnation oder „Entschleunigung“ von Transformationsprozessen geht. Populär sind gegenwärtig Fragen eines sinnvollen „Zeitmanagements“, mit dem Antworten auf „Zeitnot“ und „Zeitdruck“ gesucht werden. Als Folge entstehen auch neue temporale Didaktisierungsformen mit teilweise widersprüchlicher Wirkung ( → Lernen am Arbeitsplatz, → E-Learning).

Schließlich stellt sich im Zusammenhang mit pädagogischer → Professionalität die Frage, wie die Autonomie von Lernzeiten vor Übergriffen aus nicht-pädagogischen Zeitregimen geschützt werden kann. Zeittheoretische Aspekte pädagogischer Professionalität beziehen sich auch auf Zeitorganisation in Bildungsangeboten ( → Programmplanung), auf die Auslotung zielgruppenspezifischer Zeitmuster (Schichtarbeiter, Seniorenbildung) oder das Erproben neuer „Zeitfenster“ (Nahrstedt 1998).

Literatur

  • Geißler, K.H.: Zeit leben. Weinheim/Basel 1985

  • Nahrstedt, W. u.a.: Abschlussbericht des Forschungsprojektes Neue Zeitfenster für Weiterbildung. Temporale Muster der Angebotsgestaltung und Zeitpräferenzen der Teilnehmer im Wandel. IFKA-Dokumentation, Bd. 20. Bielefeld 1998

  • Schäffter, O.: Die Temporalität von Erwachsenenbildung. In: Zeitschrift für Pädagogik, H. 3, 1993

  • Schmidt-Lauff, S.: Zeit für Bildung im Erwachsenenalter. Interdisziplinäre und empirische Zugänge. Münster 2008

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt