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Martha Friedenthal-Haase

Thüringer Richtung der Erwachsenenbildung

Die T.R. ist eine regionalspezifische Ausprägung der freien Volksbildung im Rahmen der „Neuen Richtung“ der EB der Weimarer Republik. Mit dem Begriff wird zum einen die Gegebenheit einer charakteristischen kulturräumlich-regionalen Entwicklung dieser Epoche bezeichnet und zum anderen das explizite didaktische Selbstverständnis prominenter Thüringer Erwachsenenbildner/innen, besonders in Abgrenzung gegenüber der sog. Berliner Richtung. Organisatorische Grundlage der T.R. war der 1919 gegründete Personal- und Institutionenverband „Volkshochschschule Thüringen“, in dessen Satzungsentwicklung sich Grundpositionen der T.R. spiegeln. Das publizistische Forum der T.R. als solcher war das Verbandsorgan „Blätter der Volkshochschule Thüringen“ (1919-1933, Nachdruck 1999). Signifikant für die T.R. sind die didaktischen Schriften von Thüringer Erwachsenenbildner/inne/n der 1920er Jahre, in erster Linie von Reinhard Buchwald (1884-1983), Wilhelm Flitner (1889-1990), Adolf Reichwein (1898-1944), Eduard Weitsch (1883-1955) und Franz Angermann (1886-1939) sowie zeitweise auch Herman Nohl (1879-1960) und Gertrud Hermes (1872-1942). Zu den für die Entwicklung der T.R. maßgeblichen Förderern gehörten der Verleger Eugen Diederichs (1867-1930), die Universität Jena, insb. durch die Hochschullehrer Wilhelm Rein (1847-1929) und Heinrich Weinel (1874-1936) sowie die Carl-Zeiss-Stiftung Jena. Besondere Voraussetzungen für den Aufschwung der EB hatte das Land Thüringen mit frühzeitiger (ab 1920) regelmäßiger Teilfinanzierung der Netzwerkarbeit geschaffen.

Die T.R., die kein einheitliches System der EB darstellt und im Verlauf der 1920er Jahre auch Wandlungen unterliegt, lässt sich gleichwohl durch einige Merkmale charakterisieren. Gemeinsam war allen ihren Vertretern die Idee der Neutralität einer freien, unabhängigen und bürgerschaftlichen EB, organisiert nach dem Prinzip der Selbstverwaltung und innerverbandlichen Demokratie unter Beteiligung von Fachleuten der EB und Laien, didaktisch verwirklicht mit entschiedener und konsequenzenreicher Ablehnung jeder Indoktrination, ideologischen Lenkung und weltanschaulichen Formung. Gegenüber der Berliner Richtung, wie sie fachpublizistisch vor allem von Werner Picht (1887-1965) und Robert v. Erdberg (1866-1929) vertreten wurde, setzte die T.R. u.a. folgende regionalspezifische Akzentuierung: Vereinsform statt kommunaler Volkshochschule, Netzwerkbildung und Anspruch flächendeckender Versorgung, Integration aller Erwachsenenbildungsaktivitäten in die Volkshochschule, Lebensbildung als Lehrplanprinzip, Vielseitigkeit der Bildung unter Betonung des Künstlerischen, Kultivierung eines eigenen reformerischen Lebensstils, inspiriert durch die Jugendbewegung, besondere Hochschätzung des Typus der dänischen Heimvolkshochschule, Pflege eigener Bildungsformen, insb. der sog. Bildungswochen und später der großen Auslandsreisen.

Die T.R. war in der EB der 1920er Jahre (so im Hohenrodter Bund) in einigen ihrer Erscheinungsformen und Ideen durchaus kontrovers (insb. als neuromantisch) und war zeitweise heftiger Kritik seitens der weltanschaulich und parteipolitisch gebundenen EB ausgesetzt. In den 1990er Jahren bahnte sich ein neues Verständnis für die Leistung dieses Ansatzes an, dessen Hauptverdienst im Aufbau eines flächendeckenden Netzwerks, in der beispielhaften Realisierung der Idee der „lernenden Region“ auf weitgehend hohem Qualitätsniveau und in der inhaltlich anspruchsvollen Vermittlung eines fachlichen Images, gewissermaßen einer Coporate Identity eines regionalen Erwachsenenbildungsverbandes, zu sehen sein dürfte.

Literatur

  • Flitner, W.: Laienbildung. Jena 1921

  • Friedenthal-Haase, M./Meilhammer, E.: Volkshochschule – Bewegung, Organisation, Kommunikation. Einleitung zum Nachdruck der „Blätter der Volkshochschule Thüringen“, 1919-1933. Hildesheim 1999

  • Nohl, H.: Berliner oder Thüringer System? In: Blätter der Volkshochschule Thüringen, H. 13, 1920 (Nachdruck 1999, Bd. 1, S. 137-138)

  • Reimers, B.I.: Die neue Richtung der Erwachsenenbildung in Thüringen 1919-1933. Essen 2003

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt