Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

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Erhard Schlutz

Verstehen – Verständigung

V. bedeutet sowohl „etwas akustisch wahrzunehmen“ als auch „den Sinn von etwas zu erfassen“. Mit Problemen des Sinnerfassens hat man es in der WB vor allem beim → Lernen aus Texten und beim angemessenen Aufnehmen der mündlichen Äußerungen eines anderen, insb. in Lehr-/Lernsituationen (Arnold 1998), zu tun. Die Frage des V. geistiger Zusammenhänge, insb. beim Textlesen, hat in den Geisteswissenschaften und in der Pädagogik eine lange Tradition, die um die Auslegung (Hermeneutik) von Texten kreist. V. stellt danach kein lineares Fortschreiten dar, sondern durchläuft einen „hermeneutischen Zirkel“ (Dilthey 1964). Diese und andere Erkenntnisse werden erst allmählich von einer empirischen Psychologie bestätigt und eingeholt. Während hier früher Textv. als sukzessive Addition von Bedeutungseinheiten aufgefasst wurde, hat sich inzwischen die Einsicht durchgesetzt, dass zwischen Leser und Text eine intensive → Interaktion stattfindet und ganzheitlichere mentale Modelle dabei eingesetzt werden. Seit J. Piaget wird der Aktivierung von Vorwissen in Gestalt von kognitiven Schemata ( → Deutungsmustern) eine große Bedeutung beigemessen. Schemata regen die Suche nach solchen Informationen im Text an, die die noch vorhandenen Leerstellen ausfüllen. Praktisch ergibt sich daraus die Empfehlung, bei der Lektüre schwieriger Texte nicht in Einzelheiten stecken zu bleiben, sondern Hypothesen im Hinblick auf Sinn und Absicht des vorliegenden Textes zu bilden und durch laufende Schlussfolgerungen aus dem Text zu korrigieren. Solche Schemata zu Hilfe zu nehmen, hat durchaus etwas Ambivalentes: Zum einen ermöglichen sie einen Zugang zum Fremden, zum anderen aber unterstützen sie die Tendenz zur Selbstbestätigung: Man versteht u.U. nur das, was man ohnehin schon kennt.

Auch der geisteswissenschaftlichen Hermeneutik ist von den modernen Sozialwissenschaften vorgeworfen worden, sie bliebe an die Selbstauslegung der eigenen Kultur gebunden. Für die Erforschung fremder Kulturen brauche man Methoden des kontrollierten Fremdverstehens (Kade 1983). Zur Frage, wie man (Lehr-)Texte verständlicher macht, hat sich eine eigene psychologische Forschungsrichtung etabliert. Auch für das V. der Äußerungen von Lernenden gilt, dass – vor allem angesichts der Flüchtigkeit der Situation – der Verstehende weder eine Art vollständiger Übersetzung noch eine tiefe seelische „Einfühlung“ vornimmt, sondern vor allem die Absicht des Sprechers zu erfassen und das Gemeinte in die eigenen Verstehensschemata zu integrieren sucht. Im Zweifelsfall sollte man deshalb eher von möglichem Missverstehen ausgehen.

V. ist Voraussetzung und Teilaktivität von Vg. Unter Vg. wird zum einen der Prozess verstanden, in dem Mitteilungen ausgetauscht werden und offensichtlich den anderen erreichen. Unter Vg. kann man aber auch das Erzielen eines Einverständnisses im Hinblick auf eine Sache oder im Sinne einer bestimmten Lösung verstehen. Eine solche Vg. ist in Prozessen organisierten Lernens für den Erfolg unabdingbar, aber keineswegs garantiert. Schulungsmodelle gehen meist implizit davon aus, dass Vg. dadurch erreicht wird, dass der Lehrende die anderen über die von ihm zu vertretende Sache verständigt. Dieses Modell ist ebenso defizitär wie die oft in Gesprächskreisen vorhandene Überzeugung, die Übereinstimmung ergebe sich schon aufgrund der gemeinsamen Betroffenheit. In Lehr-/Lernsituationen Erwachsener geht es vielmehr um den Austausch unterschiedlicher Wissensinhalte und vor allem Wissensformen (z.B. von Laien und Experten, → Wissen) als prinzipiell gleichberechtigten Perspektiven. Ein an Habermas anschließendes Verständigungsmodell (Schlutz 1984) verlangt deshalb, dass diese Wissens- und Erfahrungsgehalte in möglichst offene Konkurrenz treten, argumentativ begründet oder eingeschränkt und so nach und nach einem überprüfbaren Einverständnis näher gebracht werden müssen. Das gilt nicht nur für Diskursformen ( → Diskurs) des Diskutierens, sondern durchaus auch für solche des Erzählens und der sachlichen Vermittlung. Werden Beispiele, Feststellungen und Rückfragen auch als latente Argumentationen verstanden, mit denen um die Geltung des jeweiligen Wissens, einer Vorgeschichte und Vorerfahrung gerungen wird, so wird ernst gemacht mit der Grundannahme, dass V. und Vg. nicht einfach gegeben sind, sondern erarbeitet werden müssen, zumal wenn dabei etwas gelernt werden soll, also Schemata zu differenzieren oder zu revidieren sind.

Literatur

  • Arnold, R. u.a. (Hrsg.): Lehren und Lernen im Modus der Auslegung. Baltmannsweiler 1998

  • Dilthey, W.: Die Entstehung der Hermeneutik. In: Gesammelte Schriften, Bd. V. Göttingen 1964

  • Kade, S.: Methoden des Fremdverstehens. Bad Heilbrunn 1983

  • Nolda, S.: Interaktion und Wissen. Eine qualitative Studie zum Lehr-Lernverhalten in Veranstaltungen der allgemeinen Erwachsenenbildung. Frankfurt a.M. 1996

  • Schlutz, E.: Sprache, Bildung und Verständigung. Bad Heilbrunn 1984

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt