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Ekkehard Nuissl

Weiterbildungspolitik

W. ist ein junges Politikfeld. Erste Ansätze finden sich in den Volksbildungsbewegungen des 19. Jh. und in der Arbeiterbewegung als Mittel im Klassenkampf. In Gesetze fand WB erstmals Eingang in der Weimarer Republik, was 1919-1990 auch zur Gründung der meisten Volkshochschulen führte. Während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft wurde WB im Kontext von Propaganda und zur Verbreitung der Rassenideologie eingesetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg zielte die Politik der Besatzungsmächte darauf ab, WB zur Umerziehung der erwachsenen Bevölkerung zur Demokratie einzusetzen ( → politische Bildung). Im Osten Deutschlands wurde WB auf die sozialistische Schulung der Bevölkerung konzentriert.

Zu einem eigenständigen Feld der Bildungspolitik wurde WB in (West-)Deutschland erst im Jahre 1960 mit dem „Gutachten des deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen“; hier wurde erstmals die in Verbänden und Vereinen bzw. in kommunaler Trägerschaft veranstaltete WB als Einheit gesehen und eine gesellschaftliche Zuständigkeit für sie proklamiert. In den darauf folgenden zehn Jahren, die bildungspolitisch vom Thema der „Bildungskatastrophe“ beherrscht wurden, gewann WB immer mehr öffentliche Aufmerksamkeit. Mit dem Erscheinen des Bildungsgesamtplans (1970) und des Strukturplans für das Bildungswesen (1973) wurde WB als „vierte Säule“ des Bildungswesens deklariert und eine staatliche W. explizit konstituiert. In der Folge erließen nahezu alle Länder der Bundesrepublik Deutschland → Weiterbildungsgesetze (in Hessen zudem ein Volkshochschulgesetz) sowie ein → Bildungsurlaubsgesetz. In diesen Gesetzen sind insbesondere die Bedingungen für den Erhalt einer öffentlichen (staatlichen) Förderung in der WB geregelt.

W. ist im föderalen System der Bundesrepublik Deutschland Angelegenheit der Länder. Eine Ausnahme bildet hierbei die → berufliche Bildung, die bundesweit geregelt wird. Die staatliche W. in Deutschland (wie auch in Österreich und der Schweiz) legt zwei Prinzipien zugrunde: das der „Pluralität“ und das der „Subsidiarität“. Das Prinzip der Pluralität in der W. betont die Existenz und Anerkennung unterschiedlicher Träger und Veranstalter der WB (Kirchen, Sozialpartner, Parteien oder Kommunen u.a.), die oft, auch im eigenen Interesse, zum Angebot an WB beitragen. Die Subsidiarität bedeutet, dass staatliche W. überall dort aktiv wird, wo bestimmte staatliche oder gesellschaftspolitische Ziele im freien Spiel der Kräfte nicht oder nur unzureichend zustandekommen. Dabei konzentriert sich W. in der Regel auf bestimmte Bildungsinhalte (insb. → politische Bildung), bestimmte Zielgruppen (insb. Benachteiligte, Migrant/inn/en, Arbeitslose) sowie bestimmte → Supportstrukturen (Bildungsinformation, Bildungsberatung und übergreifende Bildungswerbung). In anderen Bereichen, wie Qualität, Professionalität, neue Lehr- und Lernkulturen sowie Übergängen in den Bildungssystemen (Zertifikate, Abschlüsse etc.) entwickelt W. derzeit weitere Handlungsfelder.

Übergreifender Gegenstand von W. sind Maßnahmen, welche sich auf die Finanzierung und Ordnung der WB insgesamt beziehen. In Bezug auf die Finanzierung geht W. immer mehr von der angebots- zur nachfrageorientierten → Finanzierung über (Finanzierungsmodelle wie Bildungsgutscheine oder steuerliche Absetzbarkeit sind solche Maßnahmen der W.).

Hinsichtlich der Ordnung der WB geht es um

  • die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen staatlichen Ressorts auf den verschiedenen Ebenen (einschl. der Europäischen Union),

  • die Schaffung von Rahmenkonzepten oder Modellversuchen (etwa im Programm „Lernende Regionen“),

  • die Beauftragung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten,

  • die Schaffung von Gremien und Instanzen, in denen die gemeinsamen Aspekte des pluralen und marktorientierten → Weiterbildungssystems beraten werden.

Als offener und nur teilsystematisierter Bereich bietet sich WB politisch als Feld der „Governance“-Politik an, d.h. einer Politik, die eine Ebene zwischen Staat und Zivilgesellschaft sucht und deren Rolle im politischen Prozess festlegt. Konkrete „Governance“-Maßnahmen weist die WB etwa im „Forum Bildung“ (2001), im „Innovationskreis Weiterbildung“ (2007) oder auf Länderebene im „Sachverständigenrat Weiterbildung“ in Rheinland Pfalz (2005) auf. Auf Ebene der EU, wo im Bildungsbereich nach dem Prinzip der offenen Koordinierung verfahren wird, beraten Gremien („Fokusgruppen“) unter Berücksichtigung der einzelnen Mitgliedsstaaten über die W.

Literatur

  • Sumner, J.: Governance, Globalization and Political Economy: Perspectives from Canadian adult education. In: Brumlik, M./Merkens H. (Hrsg.): Bildung. Macht. Gesellschaft. Opladen 2007

  • BMBF (Hrsg.): Empfehlungen des Innovationskreises Weiterbildung für eine Strategie zur Gestaltung des Lernens im Lebenslauf. Bonn/Berlin 2008

  • Landesregierung Rheinland Pfalz (Hrsg.): Abschlussbericht Sachverständigenrat Weiterbildung. Mainz 2005

  • Nuissl, E.: Ordnungsgrundsätze der Weiterbildung in Deutschland. In: Tippelt, R./Hippel, A. v. (Hrsg.): Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung. 3., überarb. und erw. Auflage Opladen 2009

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt