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Helmut Vogt

Wissenschaftliche Weiterbildung

Wenn man sich dem Begriff historisch nähert, so kam w.WB in unterschiedlichen Gewändern daher: Als erste moderne Ausprägung kann man die Universitätsausdehnungsbewegung des späten 19. und frühen 20. Jh. ansehen, die bis in die Weimarer Zeit anhielt. Dabei ging es für daran beteiligte Wissenschaftler darum, die Mauern der Universität zu verlassen und „volkstümliche“ Vorträge zu halten oder Wissenschaft zu popularisieren, was nicht unumstritten blieb. Die Zielgruppe war nicht nur das Bildungsbürgertum, sondern auch die Arbeiterschaft. Aus dieser Bewegung sind heute noch die „Urania“ in Berlin und in Wien erhalten.

Als neues Gewand für die w.WB brachten deutsche Remigranten in der Nachkriegszeit vorwiegend aus Großbritannien und Schweden die extramurale EB mit. Darunter versteht man universitäre Lehrveranstaltungen, die in Verbindung mit Volkshochschulen oder anderen Weiterbildungsträgern als Teil von deren Programmen und für deren Publikum durchgeführt wurden. Zu besonderem Erfolg gelangten die auch als Seminarkurse bezeichneten Veranstaltungen in Niedersachsen, da das dortige Erwachsenenbildungsgesetz von 1970 dafür günstige Bedingungen schuf. Diese erste Phase der w.WB im westlichen Nachkriegsdeutschland war insb. verbunden mit den Namen Fritz Borinski, Willy Strzelewicz, Helmut Plessner und Hans-Dietrich Raapke.

Obwohl die Universitätsausdehnungsbewegung und die Seminarkursarbeit in vielerlei Hinsicht nachhaltig wirkten, darf man nicht verkennen, dass sie jeweils nur geringe Teile der Hochschullandschaft erfassten und mit Blick auf das gesamte Hochschulwesen eine Randerscheinung blieben. Das entwickelte sich erst anders, als die w.WB sich anschickte, in ihrem zeitgenössisches Gewand zu erscheinen. Im Zuge der Bildungsreform der 1970er Jahre wurde WB von der Hochschulpolitik zur neuen Hochschulaufgabe erklärt und fand Eingang zunächst in das Hochschulrahmengesetz (HRG) von 1976 und in der Folge in die Hochschulgesetze der Länder. Allerdings erhielt die Aufgabe erst bei der Novelle des HRG von 1998 neben Forschung, Lehre und Studium den Stellenwert einer Hochschul-Kernaufgabe. Doch auch diese Aufwertung führte nicht automatisch zum Ende der Nischenzeit. Das wurde erst durch den → Bologna-Prozess eingeleitet, durch den w.WB stärker in das Zentrum der Diskussion in den Hochschulen rückte. Dies ist insb. bedingt durch die Schaffung eines akademischen Weiterbildungsabschlusses, des Weiterbildungs-Masters.

Geht man die Sache systematisch an, wird es schwieriger. Es ist nämlich keineswegs so, dass w.WB ausschließlich als Hochschulaufgabe angesehen werden muss. Schon immer gab es auch bei anderen Einrichtungen Weiterbildungsangebote auf Hochschulniveau. Gedacht werden muss dabei an wissenschaftliche Gesellschaften, außerhochschulische Forschungseinrichtungen, betriebliche Weiterbildungseinrichtungen und andere öffentliche Weiterbildungseinrichtungen wie etwa Volkshochschulen. Natürlich kann meistens nur ein Teil der Programme als „wissenschaftliche“ WB bezeichnet werden, aber unzweifelhaft ist auch dort w.WB vorhanden. Das führt zu der Frage nach dem Eigentlichen, dem „Proprium“ der w.WB, wie Werner Schneider es genannt hat (Schneider 1981). Oder anders gefragt: Was unterscheidet w.WB von anderen Aufgabenfeldern der WB? Man kann definieren, dass es bei w.WB um organisierte Lernprozesse für Personen geht, die in der Regel ein Hochschulstudium abgeschlossen oder sich beruflich für eine Teilnahme qualifiziert haben und in das Berufsleben eingetreten sind. Die Lehrpersonen sind auf hohem Niveau fachlich einschlägig wissenschaftlich qualifiziert. Die Lernprozesse zeichnen sich inhaltlich durch Forschungsnähe aus und vom didaktischen Ansatz her dadurch, dass es immer auch um die kritisch-analysierende Distanz zu den Phänomenen der Welt geht. Wenn die Ausbildung und Einübung von Kritikfähigkeit nicht auch Gegenstand der Lernprozesse ist, handelt es sich nicht mehr um w.WB.

W.WB kann sowohl abschlussbezogen als auch nicht abschlussbezogen sein. Drei Tendenzen der jüngsten Zeit, die als solche viele positive Impulse ausgelöst haben, bergen jedoch auch mögliche Probleme in sich:

  • Die in der Vergangenheit vorherrschende Angebotsorientierung wird zunehmend von dem Paradigma der Nachfrageorientierung abgelöst. Das stellt tendenziell den gesellschaftlichen Auftrag der w.WB infrage und birgt die Gefahr einer ausschließlichen Ausrichtung auf den Weiterbildungsmarkt in sich.

  • Durch den Bologna-Prozess ist es erstmals möglich, einen akademischen Abschluss auf dem Weiterbildungsweg zu erlangen, den Weiterbildungs-Master. Damit verbunden sind zwei Strömungen: Zum einen entdecken die Fakultäten das Thema w.WB neu und die sehr wertvollen Ansätze und Erfahrungen, die in zentralen Einrichtungen entwickelt und gesammelt wurden, drohen verloren zu gehen. Zum anderen könnte bei einer Konzentration auf den Abschluss Weiterbildungs-Master das nicht abschlussbezogene Angebot verlieren. Gerade die Formate unterhalb der Abschlussebene werden aber von der Praxis nachgefragt.

  • W.WB wird zunehmend in den Zusammenhang von Konzepten → Lebenslangen Lernens gestellt. Dadurch erfährt das Aufgabengebiet auch konzeptionell einen Aufschwung. Es ist aber nicht auszuschließen, dass die theoretische Eigenständigkeit fraglich wird. Eigenständigkeit ist zwar kein Wert an sich, aber man wird schauen müssen, dass dabei die Eckpfeiler der w.WB (Forschungsbezug, Praxisbezug, didaktischer Bezug zur Berufswelt der Teilnehmenden) nicht untergehen.

Die Formen, in denen w.WB an den Hochschulen organisiert wird, sind vielfältig. Man findet im deutschsprachigen Raum zentrale Einrichtungen (vorherrschend), An-Institutionen (häufig) als eingetragene gemeinnützige Vereine und auch (gemeinnützige) GmbHs und zum Teil auch Verwaltungsreferate und Stabsstellen vor. Neuerdings kommen „Professional Schools“ hinzu.

Die w.WB ist in allen drei deutschsprachigen Ländern national organisiert, und zwar in der → Deutschen Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium (DGWF), AUCEN (Austrian University Continuing Education Network), Netzwerk der österreichischen Universitäten für wissenschaftliche Weiterbildung und Personalentwicklung, und SwissUni, Vereinigung der Weiterbildungsstellen der schweizerischen Universitäten. Auf europäischer Ebene kümmert sich das European Continuing Education Network (EUCEN) um das Thema. Soweit es um w.WB im Fernstudium als Form der akademischen Lehre geht, gibt es darüber hinaus als europäischen Verband das European Distance und E-Learning Network (EDEN) und als Weltverband den International Council for Open and Distance Education (ICDE). Beide Organisationen widmen sich nicht nur dem weiterbildendem Fernstudium, sondern der Fernlehre und dem Fernstudium insgesamt und darüber hinaus auch dem Fernunterricht. Die im deutschen Sprachraum übliche Unterscheidung von Fernstudium und Fernunterricht ist ansonsten so nicht bekannt.

Literatur

  • Faulstich, P. u.a.: Länderstudie Deutschland. In: Hanft, A./Knust, M. (Hrsg.): Weiterbildung und lebenslanges Lernen in Hochschulen – Eine internationale Vergleichsstudie zu Strukturen, Organisation und Angebotsformen. Münster u.a. 2007

  • Report. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung: Wissenschaftliche Weiterbildung, H. 1, 2008

  • Schäfer, E.: Historische Vorläufer der wissenschaftlichen Weiterbildung. Von der Universitätsausdehnungsbewegung bis zu den Anfängen der universitären Erwachsenenbildung in der Bundesrepublik Deutschland. Opladen 1988

  • Schneider, W.: Wissenschaftliche Weiterbildung an der Universität Hamburg. Stand und Perspektive. In: Vogt, H. (Hrsg.): Wissenschaftliche Weiterbildung als neue Aufgabe der Universität. Hamburg 1981

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt