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Sigrid Nolda

Wissensgesellschaft

Der Begriff der W. ist als prognostischer Begriff Anfang der 1970er Jahre von Daniel Bell in die Diskussion eingeführt worden, um auf eine in den Vereinigten Staaten bereits erkennbare Verschiebung von Wirtschafts- und Sozialstruktur aufmerksam machen: Dort sei nämlich erkennbar, dass theoretisches → Wissen (und nicht mehr Produktion und Maschinen) die Achse bildet, um die sich die neue Technologie, das Wirtschaftswachstum und die Schichtung der Gesellschaft organisieren. Die güterproduzierende Industriegesellschaft werde von der auf Dienstleistungen beruhenden, nachindustriellen Gesellschaft abgelöst.

Nico Stehr hat diesen Ansatz 20 Jahre später aufgegriffen und in mehreren Publikationen vertieft. Dabei hat er hervorgehoben, dass die gestiegene Bedeutung von Wissenschaft und Technik in modernen → Gesellschaften nicht gleichbedeutend mit einer unbeschränkten Macht wissenschaftlichen Wissens ist. Dessen Verbreitung, also sein Erfolg, bedinge nämlich auch die Wahrscheinlichkeit unterschiedlicher Positionen und intelligenten Widerstands, so dass entstehende oder bereits existierende W. nicht durch mehr Sicherheit, sondern durch erhöhte Kontingenz und Fragilität sozialen Handelns gekennzeichnet seien. Wissen wird unter dieser Perspektive generell als Ressource und Grundlage sozialen Handelns gesehen.

Während sich die Theorie der W. zwischen Prognose und Beschreibung bewegt und die Auswirkungen der Bedeutung vornehmlich, aber nicht nur wissenschaftlichen Wissens auf Beschäftigungs- und Sozialstruktur beobachtet, wird im politischen und ökonomischen Diskurs die W. meist als fait accompli dargestellt, an die es sich durch besondere – lebenslange – Lernanstrengungen anzupassen gelte. Bei der verbreiteten Verwendung des Begriffs – auch in den Massenmedien – wird häufig übersehen, dass der mit dem Konzept der W. verbundene Begriff des → Wissens weit entfernt ist von der Vorstellung eines gesicherten oder gar eines Kanonwissens. Stattdessen wird von Theoretikern der W. der Wert des fragilen, unsicheren, auf Zukunft bezogenen Wissens bzw. Nicht-Wissens und damit die gesellschaftliche notwendige Expertise im Umgang mit Nicht-Wissen betont.

Das Konzept der W. weist Überschneidungen zum Konzept der reflexiven Modernisierung (Giddens) und zur Individualisierungsthese ( → Individualisierung) (Beck) auf. Die Betonung der Notwendigkeit der individuellen Gestaltung der eigenen → Biographie unter unsicheren Bedingungen eint das Konzept der W. mit dem der Risikogesellschaft, wobei die W. als weniger dramatische Variante der Risikogesellschaft erscheint. Die Verbreitung neuer Informations- und Kommunikationstechniken hat in gewisser Weise die These von der durch immaterielles Wissen bestimmten modernen Gesellschaft und Wirtschaft bestätigt, so dass entgegen dem ursprünglichen Sinn häufig „Wissens-“ mit „Informationsgesellschaft“ gleichgesetzt wird.

Die Theorie der W. ist nicht unwidersprochen geblieben. Angezweifelt wird vor allem die Gültigkeit des empirischen Nachweises, die Industriegesellschaft sei global an ihr Ende gelangt, ebenso wie die Auffassung, dass in wissensbasierten Gesellschaften traditionelle soziale Ungleichheiten verschwinden.

In der EB spiegelt sich die allgemeine Diskussion: Neben der oberflächlichen Verwendung des Begriffs zu Legitimationszwecken finden sich Stimmen, die vor einer unkritischen Übernahme der in Politik und Wirtschaft formulierten Appelle zur Lernbereitschaft warnen, ebenso wie Überlegungen, die das Konzept zum Anlass nehmen, EB als Wissen übermittelnde, Wissen und Nicht-Wissen reflektierende und dabei Wissen produzierende Wissensarbeit zu verstehen.

Literatur

  • Bittlingmayer, U.H./Bauer, U. (Hrsg.): Die „Wissensgesellschaft“. Mythos, Ideologie oder Realität? Wiesbaden 2006

  • Nolda, S.: Das Konzept der Wissensgesellschaft und seine (mögliche) Bedeutung für die Erwachsenenbildung. In: Wittpoth, J. (Hrsg.): Erwachsenenbildung und Zeitdiagnose. Theoriebeobachtungen. Bielefeld 2001

  • Willke, H.: Dystopia. Studien zur Krisis des Wissens in der modernen Gesellschaft. Frankfurt a.M. 2002

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt