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Ekkehard Nuissl

Zertifikate und Abschlüsse

Z. werden auch in der Weiterbildung immer wichtiger. Grund dafür ist sowohl die Verzahnung der Bildungsbereiche als auch die Verzahnung des Berufslebens mit der WB. Die frühere Distanz der EB gegenüber Lehrplänen, Prüfungen und Zeugnissen tritt damit in den Hintergrund. Heute werden Z. nicht nur in berufsbezogenen, sondern auch im allgemeinbildenden Sektor der EB vergeben. Dabei spielt auch immer mehr die internationale, vor allem die europäische Dimension der Anerkennung von Z. eine Rolle.

Begrifflich muss man unterscheiden zwischen „Teilnahmebescheinigungen“, Z. und A. Bei Teilnahmebescheinigungen erfolgt in der Regel keine Überprüfung des Lernerfolgs, bei Z. finden in der Regel Prüfungen statt, während A. meist einen länger währenden Ausbildungsgang voraussetzen und stärker verregelt sind. Den größten Teil der A. in der Weiterbildung verzeichnet man bei den Meisterprüfungen der Kammern. Der → zweite Bildungsweg spielt quantitativ eine deutlich geringere Rolle.

Zahlenmäßig am häufigsten sind in der WB die Z., vielfach im Sprachenbereich, in der Informationstechnologie und in berufsbezogenen Kursen. Insgesamt kommen Z. und A. in der WB (geschätzt) auf knapp eine Million pro Jahr.

Die Funktion von Z. und A. wird in vier Kontexten sichtbar: bei denjenigen, die ein Z. erwerben; bei denjenigen, welche sich für die zertifizierte Kompetenz interessieren; für die zertifizierende Instanz selbst und für die Gesellschaft oder einzelne gesellschaftliche Gruppierungen.

Für die zertifizierte Person wird ein Lernerfolg bzw. eine Lernleistung konstatiert, die auch einen Vergleich mit anderen Personen ermöglicht. Die Motivierung geht von Z. aus und ist auf das Weiterlernen gerichtet. Z. sind Beurteilungen, die auch für das Selbstwertgefühl wichtig sind. Sie können zur Identitätsstiftung beitragen, zur Orientierung in Lernangeboten und Lernanforderungen, und sie unterstützen schließlich die Positionierung auf dem Arbeitsmarkt und im Beruf.

Die Abnehmer von Z., also Betriebe, Organisationen u.a., sehen diese hauptsächlich als Selektionsinstrument zum Nachweis der Kompetenz der Person. Dabei spielt der Prognosewert des Z. eine Rolle. Da die Prognostik unsicher ist, wird allerdings mittlerweile vielfach ein betriebseigenes Assessment der Gültigkeit der Z. vorgezogen. Im Bildungssystem fungieren die Z. als Zugangsberechtigung für weiterführende Bildungsgänge.

Mit dem Recht, Z. zu vergeben, werden die zertifizierenden Institutionen öffentlich aufgewertet. Vielfach ist damit auch eine Monopolfunktion verbunden. Mit dem Recht der Vergabe von Z. üben Institutionen auch eine gewisse Herrschaftsfunktion aus, indem sie einen Ausleseprozess steuern und den Zugang zu bestimmten Berufs- und Tätigkeitsfeldern lenken.

Für die Gesellschaft erfüllen Z. vor allem eine Selektionsfunktion, sie haben eine ordnungsstiftende und standardsetzende Funktion. Z. stellen eine Form von Übersichtlichkeit und Stabilität her, die ab einem bestimmten Anerkennungsgrad des Z. unstrittig ist.

Rechtliche Grundlagen von Z. sind in der Weiterbildung vielfältig. Sie liegen auch auf unterschiedlichen Politikebenen. Im europäischen Strukturrahmen betrifft vor allem der Artikel 47, der die Freizügigkeit und den freien Dienstleistungs- und Kapitalverkehr regelt, die gegenseitige Anerkennung von Diplomen, Zeugnissen und sonstigen Z. Dies ist allerdings auf den beruflichen Bereich beschränkt. Eine weitere Vereinheitlichung der Z. auf europäischer Ebene liegt im „Europass“ (als Nachweis von Kompetenzen), in gemeinsamen Prinzipien zur Validierung von Kompetenzen sowie der ECVET, einem europäischen Leistungspunktesystem für die berufliche Bildung. Weitere Schritte in Richtung auf eine europäische Standardisierung von Z. sind durch die Einrichtung des europäischen Qualifikationsrahmens (EQR/EQF) zu erwarten.

Auf der Ebene der föderalen Bundesrepublik gibt es nur Regelungen, die sich auf berufliche Z. anwenden lassen. Sie betreffen berufliche Fortbildungsabschlüsse, Fortbildungen in IT-Berufen, im Gesundheits- und Pflegewesen, Meisterprüfungen, Ausbildereignung, Fernunterricht, wissenschaftliche Weiterbildung, Weiterbildungsförderung im Sozialgesetzbuch III sowie (personengruppenspezifisch) die WB von Beamten und Soldaten.

Auf der Ebene der Länder sind Z. der WB teilweise geregelt in den → Weiterbildungsgesetzen der Länder, den Hochschulgesetzen und den Bestimmungen für den zweiten Bildungsweg. Dabei gibt es von Land zu Land Unterschiede, was die Regelungsbereiche, die Art von geregelten Z. und die Verbindlichkeit betrifft.

Quer zu den staatlichen Regelungsebenen von Z. liegen die Regelungen der Kammern, die rechtlich auf der Grundlage des Berufsbildungsgesetzes möglich sind. Hier sind vor allem die zuständigen Stellen (neben den Kammern auch die obersten Bundes- und Landesbehörden) benannt sowie die Verfahren, nach denen Z. vergeben werden.

In den Z. und A. werden in der Regel folgende Bereiche definiert und festgelegt:

  • Geltungsbereich, d.h. die Personengruppen und die Einsatz- und Verwendungsfelder für Z.; oft wird der Geltungsbereich auch nicht explizit genannt, sondern ergibt sich implizit durch die zertifikatvergebende Institution bzw. den jeweiligen Beschäftigungsbereich.

  • Qualifikationen, die mit dem jeweiligen Z. nachgewiesen werden. Dabei sind die entsprechenden Aussagen von höchst unterschiedlichem Differenzierungsgrad und gehen von ganz allgemeinen und abstrakten Qualifikationsdefinitionen (wie z.B. „betriebswirtschaftliches Fachwissen“) hin zu ganz konkreten Tätigkeits- und Kompetenznachweisen (z.B. Disponieren, Einkaufen und Verwalten von Waren). Eine Standardisierung der Qualifikationsbeschreibungen gibt es (noch) nicht.

  • Zugangsvoraussetzungen, bei denen für die Z. in der Regel zwei Aspekte potenziell formuliert werden: zum einen die Zugangsvoraussetzung der Person, die ein Z. erwerben will, zum anderen in Bezug auf die curricularen Lernprozesse, die vor Eintritt in eine Zertifikatsprüfung absolviert sein müssen.

  • Prüfungsverfahren: Sie legen fest, nach welchem Verfahren das Zertifikat erworben bzw. die dem Z. zugrundeliegende Prüfung abgelegt werden kann und muss. Das Prüfungsverfahren wird in der Regel standardisiert, transparent, verbindlich und überprüfbar formuliert. Dabei umfassen die Bestimmungen in der Regel das, was vor der eigentlichen Prüfung zu erfolgen hat (etwa Terminfestsetzung, Zuständigkeit, Anmeldeverfahren) sowie das Procedere bei der Durchführung der Prüfung (z.B. Gliederung und Ablauf, Aufgaben für den Prüfling, Öffentlichkeit, Aufsicht etc.).

  • Prüfungsinstitutionen und -gremien: Die Regelungen zu Z. legen fest, welche Institutionen und Gremien mit der Verteilung von Z. befasst sind und sein können. Dabei müssen die Institutionen in der Regel durch staatliche Stellen berechtigt sein, müssen die Prüfungsgremien und -ausschüsse nach einem formalisierten Verfahren zusammengesetzt werden und die Verfahren dieser Gremien ordnungsgemäß geregelt werden (z.B. Beschlussfähigkeit, Vorsitz, Verschwiegenheit, Protokollführung etc.).

  • Z. und Zeugnisse: In der Regel wird auch festgelegt, in welcher Weise die Z. vergeben werden und wie sie gestaltet sind. Dabei spielt besonders die Rolle einer Bewertung in Einzelprüfungen und in der Gesamtprüfung eine Rolle, aber auch Verfahren der Bezeichnung der Prüfungsfächer und des Nachweises der Prüfungsinstitution.

Die Anerkennung von Z. ist höchst unterschiedlich und hängt von der Art des Z. ab. Vielfach ist die Anerkennung des Z. eine Frage des Marktes. Dabei ist festzustellen, dass übergreifende Qualitätsmerkmale für Z. in der WB kaum existieren. Konkrete Anerkennungsverfahren und Richtlinien für Z. gibt es in der Berufsausbildung, bei den allgemeinbildenden Schulen und bei den Hochschulen. Der Stellenwert einzelner Z. erhöht sich, wenn sie Teil eines Zertifizierungssystems sind oder wenn sie durch entsprechende staatliche oder statuszuweisende Funktionen im betrieblichen Kontext eine ausgewiesene Einmündungsstruktur (insb. im Berufsleben) haben.

Es ist davon auszugehen, dass Z. im Rahmen des zunehmend realisierten → Lebenslangen Lernens eine immer größere Rolle spielen werden und in einem immer intensiver diskutierten System verortet sind.

Literatur

  • Faulstich, P./Vespermann, P.: Zertifikate in der Weiterbildung – Ergebnisse aus drei empirischen Explorationen. Berlin 2001

  • Käpplinger, B.: Abschlüsse und Zertifikate in der Weiterbildung. Bielefeld 2007

  • Nuissl, E., Leistungsnachweise in der Weiterbildung. In: Report. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung, H. 4, 2003

  • Nuissl, E./Conein, S./Käpplinger, B.: Zertifikate und Abschlüsse, Praxishandbuch Weiterbildungsrecht. München/Unterschleißheim 2008

  • Straka, G.A. (Hrsg.): Zertifizierung non-formell und informell erworbener beruflicher Kompetenzen. Münster 2003

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt