Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

Das Wörterbuch Erwachsenenbildung bündelt das gegenwärtige Wissen über Erwachsenenbildung. Es enthält über 300 Stichworte zu den Themenfeldern Didaktik und Methodik, Forschung und Wissenschaft, Geschichte und Entwicklung, Lernen und Erfahrung, Organisation und Profession, Politik und Recht sowie Theorien und Konzepte. Alle Artikel wurden von ausgewiesenen Fachleuten nach dem neuesten Stand der Diskussion verfasst. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Wörterbuch erfahren

Suchvorschläge:

Aufklapper schließen

Rudolf Tippelt

Bildungsreform

In demokratischen → Gesellschaften vollzieht sich die B. als permanenter Prozess unter dem Einfluss verschiedener Akteure. Auf institutioneller Ebene kann die B. als ein Vorgang beschrieben werden, der durch die Intentionen von Individuen entsteht und eng mit Wirtschaft, Politik und Kultur verflochten ist. Sprechen wir heute von B. oder auch von Wandel und Entwicklung von Bildungsinstitutionen ( → Institutionen), haben wir die großen Versuche der Modernisierung im Blick, denen Schulen, Berufsbildungseinrichtungen, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen in den vergangenen 200 Jahren unterworfen wurden.

Modernisierung meint zwei verschiedene und in ihrer historischen Dynamik manchmal widersprüchlich auftretende Strömungen: Einerseits geht es um die Steigerung von Effizienz, um das Durchsetzen des Leistungsprinzips, um die Behauptung von Qualifikations- und Qualitätsansprüchen, wobei Modernisierungs- und Reformprozesse regelmäßig in Widerspruch zu den Privilegien saturierter Bevölkerungsgruppen geraten. Andererseits sind diese Prozesse seit der → Aufklärung mit den Zielen individueller Menschenbildung verknüpft und werden immer stärker im Kontext der Reduktion herkunftsbedingter Disparitäten diskutiert.

Als zentrales Problem der B. wurde in den 1960er und 1970er Jahren die Kluft zwischen dem niederen und dem höheren Bildungswesen, das Problem der Zementierung sozialer Ungleichheit durch Selektion und Chancenungleichheit ( → sozialer Wandel) gesehen. Dieses bestimmende Problem führte zur Formulierung von fünf Hauptzielen der B.:

  • Abbau von Ungleichheit im Bildungswesen,

  • Demokratisierung im Sinne der Mitwirkung aller am Bildungswesen Beteiligten,

  • Wissenschaftsorientierung der → Curricula,

  • Humanisierung des pädagogischen Umgangs,

  • Integration unterschiedlicher Bildungsgänge.

Am Soll-Ist-Vergleich werden im Rückblick grundlegende Reformvorstellungen häufig enttäuscht kommentiert. Während die vormals benachteiligten Mädchen zumindest im allgemeinbildenden Schulwesen mit den Jungen gleichgezogen haben, bleibt die Sozialschichtzugehörigkeit weiterhin eng an Kompetenzerwerb und Bildungsbeteiligung gekoppelt; die in den 1980er Jahren erreichte Nivellierung des Stadt-Land-Gefälles scheint nicht zuletzt mit Blick auf die Zusammenlegung und Schließung von Grundschulen v.a. in ländlichen Regionen der neuen Bundesländer wieder aufgehoben zu werden. Aber im historisch relevanten War-Ist-Vergleich fällt die Bilanz besser aus. Zahlreiche Veränderungen sind zu nennen, z.B. die soziale Öffnung der weiterführenden Bildung, die Erprobung der Integration allgemeiner und beruflicher Bildung, die Modernisierung der Lehrpläne, die Gestaltung neuer → Medien in Lehr-Lernprozessen, die wissenschaftliche Ausbildung für alle Lehrämter, die Expansion der WB und des institutionell gestützten → lebenslangen Lernens.

In den 1980er und 1990er Jahren ist parallel zur konjunkturellen Stagnation und zur Reduzierung von Bildungs- und Sozialetat eine Verlagerung der Reformdebatte festzustellen. Eine intensive Diskussion über Qualitätsmanagement von Hochschulen, Weiterbildungseinrichtungen, Schulen, betrieblichen Bildungseinrichtungen hatte verschiedene Formen von → Evaluation, manchmal mehr der ökonomischen Effektivität, manchmal mehr der pädagogischen Qualitätssicherung, ausgelöst. Auch die verstärkte Beteiligung an indikatorengestützter, international vergleichender empirischer Bildungsforschung bildet Grundlagen für weitere Reformen. Einen wichtigen Rahmen bilden dabei die sieben Handlungsfelder zur Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung im Schulsystem, die u.a. die Entwicklung und Umsetzung von Bildungsstandards, den Ausbau schulischer und außerschulischer Ganztagsangebote, Maßnahmen zur Verbesserung der Sprachkompetenz sowie die weitere Professionalisierung der Lehrertätigkeit umfassen (KMK 2003).

Die institutionelle B. der nächsten Jahre steht vor schwierigen Problemen: kaum kalkulierbare demographische Schwankungen, Einstellungsänderungen der Klientel aller Bildungseinrichtungen, deutliche bildungsabhängige Verdrängungswettbewerbe beim Übergang vom Bildungs- in das Beschäftigungssystem, Schieflage des dualen Ausbildungssystems, Ausbau oder rigorose Begrenzung des Hochschulwesens, Umbau der WB zu lebenslangen und stärker selbstregulierten Lernprozessen mit Auswirkungen auf alle Ebenen des Bildungswesens etc. Wurden in den 1960er und 1970er Jahren in Übereinstimmung mit Prinzipien des Grundgesetzes Menschen- und Bürgerrechte sensibel wahrgenommen und eingeklagt, wurden in den1980er und 1990er Jahren die → Autonomie des Einzelnen im Verhältnis zur Tradition und eine größere Offenheit für neue Ideen und Erfahrungen berücksichtigt, so bleibt auch künftig die B. auf der Tagesordnung, weil die europäische Integration B. dringlich macht, die Institutionen sich auf veränderte Fördersysteme einstellen müssen und grundsätzlich Bildungseinrichtungen ihre Bedeutung für eine Krisenbewältigung keinesfalls verloren haben. Wie die Geschichte der B. allerdings zeigt, ist zu bedenken, dass über den Fortgang der B. nicht pädagogische Einsichten und organisatorische Konzepte, sondern gesellschaftliche Machtverhältnisse entscheiden.

Literatur

  • Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.): Bildung in Deutschland 2008. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Übergängen im Anschluss an den Sekundarbereich I. Im Auftrag der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland und des BMBF. Bielefeld 2008

  • Cortina, K. u.a.: Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Hamburg 2005

  • Friedeburg, L. v.: Bildungsreform in Deutschland. Geschichte und gesellschaftlicher Widerspruch. Frankfurt a.M. 1989

  • Führ, C./Furck, C.L. (Hrsg.): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Bd. VI: 1945 bis zur Gegenwart. Erster Teilband: Bundesrepublik Deutschland. München 1998

  • KMK (Hrsg.): Bildungsbericht für Deutschland – Erste Befunde. Opladen 2003

Zurück zur Startseite

Das Buch zur Site

Wörterbuch Erwachsenenbildung

Wörterbuch Erwachsenenbildung
hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

» Buch online bestellen

Sie erhalten das Buch auch in Ihrer Buchhandlung!

Die Anbieter

Diese Seite ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, des Klinkhardt-Verlags und der UTB GmbH.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) ist die zentrale Einrichtung für Wissenschaft und Praxis der Weiterbildung in Deutschland. Aus dem Institut stammen die Herausgeber des Wörterbuchs.

Der Klinkhardt-Verlag ist ein pädagogischer Fachverlag. Er hat die Entwicklung des Wörterbuchs verlegerisch betreut.

UTB ist ein Verlag für Lehr- und Studienbücher. Bei UTB ist die Druckausgabe des Wörterbuchs erschienen.

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt