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Dieter Nittel

Biographie

Der lexikalische Sinngehalt von B. geht auf die griechischen Begriffe bios für „Leben“ und graphein für „schreiben“ zurück. Im wissenschaftlichen Kontext setzt Lebensbeschreibung – im Kontrast zur in der Sinnwelt der Kunst angesiedelten „Autobiographie“ – nicht nur Empathie und Einfühlungsvermögen, sondern auch Distanz gegenüber dem Protagonisten der Lebensgeschichte voraus. Nur so kann die für die Erstellung einer B. konstitutive Beobachtungsperspektive eingenommen und Erkenntnis generiert werden. Die erziehungswissenschaftliche Konnotation von B. ist komplex: Sie weist entweder in Richtung „Lebensgeschichte“, als Synonym für die exklusiv nur dem einzelnen Menschen zugängliche sinnhafte Organisation des Erfahrungsstroms, oder in Richtung „Lebensverlauf“. Dieser zielt auf objektivierbare Lebensereignisse, Karrieremuster, Statuspassagen und ritualisierte Einschnitte im Lebenszyklus.

Sozial- und Erziehungswissenschaftler/innen stehen vor der schwierigen Aufgabe, weder die subjektive noch die objektive Seite von B. zu vereinseitigen. Dabei gilt es, am konkreten Fall den Nachweis der Verschränkung von Subjektkonstitution und einer gleichzeitigen Vergesellschaftung zu erbringen, so dass Gegensatzanordnungen, etwa nach dem Muster Individuum vs. → Gesellschaft, vermieden werden. B. stellen so gesehen den Prototyp einer Bildungsgeschichte dar. Darin liegt ihre generelle pädagogische Bedeutung.

In modernen Gemeinwesen, in denen der Einfluss intermediärer Instanzen (Familie) schwächer wird und strukturelle Faktoren (Globalisierung) unmittelbarer das Lebensschicksal bestimmen, scheint die B. immer mehr den Charakter eines Vergesellschaftungsprogramms anzunehmen (Biographisierung). Sowohl das biographische Dokument ersten Grades (Interviewaussagen) als auch die wissenschaftliche Analyse, also die Reflexionen zweiten Grades, geben die Realität des Lebens nicht in einem Eins-zu-eins-Verhältnis wieder, sondern haben den Status von Konstruktionen. Obwohl die Einschätzungen über die Reichweite des konstruktiven Charakters biographischer Texte weit auseinandergehen, halten Erziehungs-, Sozial-, Geschichts- und Literaturwissenschaftler die Differenz von fiktionalen und nicht-fiktionalen B. aufrecht. Als erkenntnisproduktiv und empirisch umsetzbar hat sich das Konzept der biographischen Prozessstrukturen von Schütze erwiesen (Schütze 1981).

Grundlagentheoretisch ist B. insofern relevant, als die Interventionen und Einflüsse des Erziehungssystems sowohl die beschriebene als auch die unbeschriebene Seite der B. maßgeblich bestimmen, womit eine Leistung angesprochen wäre, die kein anderes gesellschaftliches Funktionssystem zu erbringen vermag. B. bildet für die Bildungspraktiker/innen einen nicht hintergehbaren Rahmen, um die Bedeutsamkeit von Bildungsbemühungen vom Standpunkt der → Teilnehmenden einzuordnen, zu reflektieren und in ihre Planungsüberlegungen einfließen zu lassen. Die Umsetzung des Prinzips der → Teilnehmerorientierung ist an laienhafte Formen der „Biographieforschung“ seitens der praktisch Tätigen gebunden. Derartigen Konzepten liegt die Überlegung zugrunde, dass im Alltag der Einrichtungen eine Vielzahl von Situationen der biographischen Selbst- und Fremdthematisierung stattfindet (Nittel 1994): Dazu gehören etwa die persönliche Vorstellung zu Beginn eines Kurses, aufwendigere Formen der Weiterbildungsberatung ( → Beratung) und didaktisierte Varianten des → biographischen Lernens. B. bildet sowohl im wissenschaftlichen als auch im Kontext der Berufspraxis vielfältige Anschlüsse gegenüber Schlüsselkategorien wie → „lebenslanges Lernen“, „lebensbegleitende Bildung“, „Erwachsenensozialisation“ usw. Der Verzahnung solcher Schlüsselbegriffe mit biographischen Zugängen liegt gewöhnlich die Haltung zugrunde, die sozialen Welten und Kulturen mittels Biographieforschung anders und neu zu sehen und reife Formen von → Professionalität zu entwickeln. Die hier sichtbare makro- und mikrodidaktische Relevanz von B. evoziert allerdings einen hohen Bedarf an prozessorientierter empirischer Forschung (Kade/Nittel 1997).

Literatur

  • Kade, J./Nittel, D.: Biographieforschung – Mittel zur Erschließung von Bildungswelten Erwachsener. In: Friebertshäuser, B./Prengel, A. (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in den Erziehungswissenschaften. Opladen 1997

  • Nittel, D.: Report: Biographieforschung. Frankfurt a.M. 1994

  • Schütze, F.: Prozeßstrukturen des Lebensablaufs. In: Matthes, J. u.a. (Hrsg.): Biographie in handlungswissenschaftlicher Perspektive. Nürnberg 1981

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt