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Henning Pätzold

Bologna-Prozess

Mit B. wird die politisch gesteuerte Vereinheitlichung des tertiären Bereichs fast aller europäischer Staaten im Sinne der Entwicklung eines gemeinsamen europäischen Hochschulraumes („European Higher Education Area“, EHEA) bezeichnet. Da der EG-Vertrag seit den Änderungen durch die Maastrichter Verträge die Harmonisierung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften im Bildungsbereich explizit verbietet (§ 149), wird der B. unmittelbar durch Vereinbarungen zwischen europäischen Staaten getragen. Auch wenn die Organisationsstruktur der Europäischen Union inzwischen in wichtige Bereiche des B. hineinwirkt (Reinalda/Kulesza 2006), bleibt es ein wesentliches Prozessmerkmal, dass die Einzelstaaten sich individuell und freiwillig zur Teilnahme an Harmonisierungsprozessen entscheiden (Bechtel u.a. 2005).

Den Ausgangspunkt des B. bildet die „Sorbonne-Deklaration“, Resultat eines Treffens der Bildungsminister von Frankreich, Italien, Großbritannien und Deutschland im Mai 1998. In diesem Dokument einigten die vier Minister sich auf das Ziel, das europäische Hochschulsystem zu harmonisieren, unter anderem um die Mobilität der Studierenden zu fördern und die gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen zu vereinfachen. Dem Treffen folgte ein Jahr später das zweitägige „Bologna-Forum“, an dem sich die zuständigen Minister/innen von 29 europäischen Staaten beteiligten (15 davon waren EU-Mitglieder). Dieses Treffen führte zur „Erklärung von Bologna“, die eine umfassende Entwicklung und strukturelle Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraumes anstrebt. Sie benennt drei Hauptziele: internationale Wettbewerbsfähigkeit, Mobilität und Beschäftigungsfähigkeit, und möchte diese durch sechs Handlungslinien fördern:

  • Einführung eines vergleichbaren, transparenten Systems von Abschlüssen im Hochschulbereich,

  • Gliederung der Hochschulbildung in zwei Zyklen: ein erster Zyklus führt nach mindestens drei Jahren zum ersten berufsqualifizierenden Abschluss („undergraduate“), darauf kann ein zweiter Abschluss („graduate“) folgen, der etwa zu Master und/oder Promotion führt (später wurde die Promotionsphase explizit als dritter Zyklus angeschlossen),

  • Einführung eines Leistungspunktesystems, dass es ermöglichen soll, Leistungen anzuerkennen, die an einem anderen Studienort oder auch außerhalb eines regulären Studiums erworben wurden,

  • Förderung der Mobilität von Studierenden und Lehrenden,

  • europäische Kooperation bei der Qualitätssicherung, Erarbeitung vergleichbarer Kriterien und Verfahren,

  • Förderung der europäischen Dimension im Studium auf der Ebene von → Curricula, Kooperationen usw.

Nach dem „offiziellen“ Initialtreffen in Bologna schlossen sich weitere Treffen im Zwei-Jahres-Rhythmus an. In deren Verlauf wurden die Handlungslinien um weitere ergänzt, weitere Teilnehmer aufgenommen (die Gesamtzahl beträgt seit der letzten Erweiterung 2007 in London 46 Teilnehmerstaaten, darunter alle 27 EU-Mitglieder), die Organisationsstruktur des B. verfeinert (u.a. die Anbindung an die EU-Kommission und den Europarat verstärkt) und ein System vorbereitender und ergänzender Aktivitäten unterhalb der Ministerebene geschaffen. Programmatisch wurden auf der Ministerkonferenz in Prag (2001) unter anderem die drei Handlungslinien → „Lebenslanges Lernen“, „Beteiligung der Lernenden“ und „Förderung der Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Hochschulraums im außereuropäischen Ausland“ ergänzt. Im darauf folgenden Treffen in Berlin (2003) wurden die nun neun Handlungslinien durch drei Prioritäten konkretisiert, die in den folgenden zwei Jahren verfolgt werden sollten: die Entwicklung und Anwendung eines gemeinsamen Kriterien- und Methodensystems zur Qualitätssicherung, mindestens ein Einstieg in die Einführung des oben beschriebenen zweistufigen Qualifizierungssystems und die Verbesserung der Verfahren zur gegenseitigen Anerkennung von Studienzeiten und -abschlüssen. Das „Berliner Communiqué“ enthält darüber hinaus weitere Zielformulierungen, die aber nicht mit dem Termin 2005 verbunden sind, und ergänzte eine zehnte Handlungslinie, „das Promotionsstudium und die Synergie zwischen europäischem Hochschulraum und europäischem Forschungsraum“. Beim Ministertreffen in Bergen (2005) spielte die Konsolidierung des B. eine wichtige Rolle. Die Hauptthemen des „Bergen Communiqués“ sind die Partnerschaft aller am Prozess Beteiligten (insb. der Bildungseinrichtungen, ihres Personals sowie der Studierenden), die Bestandsaufnahme der bisherigen Ergebnisse (einschließlich der Notwendigkeit, die Entwicklungen zwischen den beteiligten Staaten konsistent zu halten) und die weiteren Aufgaben im Rahmen des B. (v.a. die Berücksichtigung der sozialen Dimension bei der Entwicklung des gemeinsamen europäischen Hochschulraums). Im darauf folgenden „London Communiqué“ von 2007 ist bereits spürbar, dass der B. sich dem Ende seiner geplanten Laufzeit nähert. Entsprechend wird das bisher Erreichte gewürdigt; statt um eine Differenzierung der Aufgaben geht es (wieder) mehr darum, in zentralen Handlungsfeldern, insb. bei der Mobilität und sozialen Dimensionen des europäischen Hochschulraums, vorwärts zu kommen. Daneben werden die Akteure des Bildungswesens mit Blick auf das Ziel der Beschäftigungsfähigkeit insb. aufgefordert, den Dialog mit den Arbeitgebern zu intensivieren, um das Beschäftigungssystem und das dreistufige Studienmodell des B. besser aufeinander abzustimmen. Die nächste Ministerkonferenz wird 2009 in Leuven stattfinden, weiterhin ist für 2010 ein Ministertreffen geplant, in dem der B. bilanziert werden, aber auch Maßnahmen zur weiteren Entwicklung des europäischen Hochschulraums beschlossen werden sollen.

Die Bedeutung des B. für die EB/WB ist mit der Zeit immer deutlicher geworden. So ist in der ursprünglichen „Bologna-Erklärung“ von WB noch nicht die Rede. Im „Prager Communiqué“ taucht der Begriff des Lebenslangen Lernens in sehr allgemeiner Weise auf, im „Berliner Communiqué“ wird er wiederum aufgegriffen und insb. in Bezug auf flexible Lernwege und die Anerkennung früherer Lernergebnisse hin konkretisiert. Hierzu ist es erforderlich, Maßstäbe und Verfahren zur Beurteilung von Lernergebnissen zu bilden. Einen wichtigen Schritt in diese Richtung stellt der „Europäische Qualifikationsrahmen“ (EQR/EQF) dar, der zwar nicht unmittelbar Teil des B. ist (er wird vor allem von der Europäischen Kommission vorangebracht), aber dezidiert darauf bezogen wird. Der EQR sieht die Beschreibung von Lernergebnissen auf acht Niveaustufen in den drei Dimensionen „Kenntnisse“, „Fertigkeiten“ und „Kompetenzen“ vor. Dabei sind die Niveaustufen den Zyklen im Bologna-Modell (z.B. Bachelor, Master) zugeordnet. Durch derartige Entwicklungen ist der B. nicht zuletzt eine weitere Triebkraft für die immer noch recht begrenzt ausgebaute wissenschaftliche WB im Hochschulbereich (Bredl u.a. 2006) und die Verringerung von Zugangsbarrieren zur Hochschule. Traditionell oft betonte Unterschiede zwischen einer wissenschaftlich ausgerichteten Hochschulbildung und der handlungspraktischen Orientierung beruflicher Aus- und Weiterbildung werden damit zunehmend verwischt. Auch das „London Communiqué“ fordert explizit einen Ausbau dieser Form von Flexibilisierung lebenslangen Lernens. Im Rahmen der EB/WB kann durch den B. überdies ein weiterer Beitrag zur Professionalisierung geleistet werden. Die Mehrstufigkeit des Studiums bietet die Möglichkeit, an eine bestehende Fachqualifikation (etwa auf Diplom- oder Bachelor-Ebene) ein Master-Studium mit erwachsenenpädagogischer Orientierung anzuschließen, um erwachsenenpädagogische Aufgaben mit Bezug auf das jeweilige Fachgebiet wahrzunehmen. Mittlerweile existieren derartige Studienangebote auf nationaler und internationaler Ebene.

Literatur

  • Bechtel, M./Lattke, S./Nuissl, E.: Portrait Weiterbildung Europäische Union. Bielefeld 2005

  • Bredl, K. u.a.: Wissenschaftliche Weiterbildung im Kontext des Bologna-Prozesses. Jena 2006

  • Reinalda, B./Kulesza, E.: The Bologna Process – Harmonizing Europe's Higher Education. 2. Aufl. Opladen/Farmington Hills 2006

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt