Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

Das Wörterbuch Erwachsenenbildung bündelt das gegenwärtige Wissen über Erwachsenenbildung. Es enthält über 300 Stichworte zu den Themenfeldern Didaktik und Methodik, Forschung und Wissenschaft, Geschichte und Entwicklung, Lernen und Erfahrung, Organisation und Profession, Politik und Recht sowie Theorien und Konzepte. Alle Artikel wurden von ausgewiesenen Fachleuten nach dem neuesten Stand der Diskussion verfasst. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Wörterbuch erfahren

Suchvorschläge:

Aufklapper schließen

Christine Zeuner

Bürgerschaftliches Lernen

B.L. bezieht sich auf Lernprozesse von Menschen im Rahmen ehrenamtlicher, bürgerschaftlicher oder zivilgesellschaftlicher Tätigkeiten. Ebenfalls gebräuchlich sind die Begriffe „Bürgerlernen“, „Bürgerbildung“, „Bildung für zivilgesellschaftliches Engagement“, „Lernen in kommunalen Projekten“ etc. Charakteristisch für diese Lernprozesse ist, dass sie zunächst informell im Rahmen der ehrenamtlich ausgeübten Tätigkeiten stattfinden und damit weitgehend auf → Selbstorganisation beruhen. Sie können formalisiert werden, wenn Einzelpersonen oder auch Gruppen Interesse haben, sich gezielt bestimmte Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten anzueignen, die durch ihr Engagement Bedeutung bekommen.

Inhalte, die für ehrenamtliches Engagement relevant sind, beziehen sich zum einen auf soziale → Kompetenzen, wie Kommunikationsfähigkeit, Konfliktmanagement; auf methodisches und prozedurales → Wissen, wie Fundraising, Netzwerkmanagement oder auf inhaltliches Wissen, wie betriebswirtschaftliches Organisationswissen und Personalmanagement. Relevant sind die Entwicklung politischen Zusammenhangwissens und Urteilsvermögens im Sinne einer kritischen → politischen Bildung, da ehrenamtliches Engagement sich sehr häufig auf das Agieren im gesellschaftlichen und politischen Raum auf lokaler und regionaler Ebene bezieht. Personen, die sich freiwillig engagieren, verfügen in der Regel vor dem Hintergrund beruflicher Tätigkeiten und Lebenserfahrung über ein ausgedehntes fachliches und allgemeines Wissen, das sich in individueller Handlungskompetenz ausdrückt, an das angeschlossen wird.

Traditionell beruhen Gesellschaften auf einem mehr oder weniger ausgeprägten System von Ehrenamtlichkeit. Innerhalb dieser Tätigkeiten haben Menschen immer gelernt. Allerdings wurden diese Lernprozesse kaum als solche wahrgenommen und thematisiert. Soziale Bewegungen und das Aufkommen von Bürgerinitiativen führten in den 1970er und 1980er Jahren zu einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Frage, ob die Bürgerinitiative als selbstgesteuerter politischer Lernprozess gewertet werden kann. Dass das Thema erneut bildungspraktische wie bildungswissenschaftliche Aufmerksamkeit erfährt, ist auf die zunehmende Relevanz der „Zivilgesellschaft“ als intermediärem Bereich zwischen Markt und Staat zurückzuführen, deren Ursache politische und ökonomische Transformationsprozesse sind. Als Reaktion und teilweise Antizipation von Entwicklungen im Rahmen von Modernisierungsprozessen, Globalisierung und Ökonomisierung von Gesellschaften, wurde die Rolle des sog. „Dritten Sektors“ gestärkt, also von Nonprofit-Organisationen (wie Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften), die subsidiär an Stelle des Staates gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Zivilgesellschaftliches Engagement und damit wiederum Lernprozesse der Beteiligten finden sich aber auch auf der Ebene von Vereinen, im Freizeit- und Sozialbereich, im kommunalen politischen Bereich usw. Es ist also ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.

Die → Erwachsenenbildung spielt für das b.L. eine doppelte Rolle: Zum einen kann sie im traditionellen Sinn Veranstaltungen für Personen anbieten, die sich zivilgesellschaftlich engagieren und im Rahmen dieser Tätigkeit → Bildungsbedarfe definieren und nachfragen. Dann ist es Aufgabe einer Einrichtung, geeignetes → Personal zur Verfügung zu stellen und → Angebote zu entwickeln. Zum anderen können Einrichtungen lokal und regional in zivilgesellschaftliche Prozesse eingebunden sein und damit selbst zu Akteuren werden. In einer solchen Konstellation ist es Aufgabe der Einrichtungen, einerseits die beteiligten Personen bei der Entwicklung ihrer Kompetenzen zu unterstützen und andererseits sich selbst auf Veränderungsprozesse einzulassen und Strukturprobleme zu bewältigen. Die Definition der → Inhalte geschieht in einem Aushandlungsprozess zwischen den beteiligten Personen und den Einrichtungen, was zu einer Enthierarchisierung der Lehr-Lernprozesse führt und neue Formen der → Professionalität des Weiterbildungspersonals erfordert.

Bürgerschaftliches Engagement erhielt politisch einen zusätzlichen Stellenwert, indem der Europäische Rat das Jahr 2005 zum „European Year of Citizenship through Education“ deklarierte. Die Rolle des Bürgers bei der Gestaltung von Demokratie, seine gesellschaftliche und (mit-)bürgerliche Verantwortung wird angesichts der Ausdehnung grenzüberschreitender zivilgesellschaftlicher Strukturen an Relevanz zunehmen.

Literatur

  • Bildung und Erziehung: Bürgerschaftliche Bildung, H. 3, 2005

  • Klemm, K.: Lernen für eine Welt. Globalisierung, Regionalisierung, Bürgergesellschaft. Herausforderungen für die Erwachsenenbildung. Neu-Ulm 2005

  • Rosenzweig, B./Eith, U.: Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft. Schwalbach/Ts. 2004

  • Voesgen, H. (Hrsg.). Brückenschläge. Neue Partnerschaften zwischen institutioneller Erwachsenenbildung und bürgerschaftlichem Engagement. Bielefeld 2006

Zurück zur Startseite

Das Buch zur Site

Wörterbuch Erwachsenenbildung

Wörterbuch Erwachsenenbildung
hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

» Buch online bestellen

Sie erhalten das Buch auch in Ihrer Buchhandlung!

Die Anbieter

Diese Seite ist ein Kooperationsprojekt des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, des Klinkhardt-Verlags und der UTB GmbH.

Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) ist die zentrale Einrichtung für Wissenschaft und Praxis der Weiterbildung in Deutschland. Aus dem Institut stammen die Herausgeber des Wörterbuchs.

Der Klinkhardt-Verlag ist ein pädagogischer Fachverlag. Er hat die Entwicklung des Wörterbuchs verlegerisch betreut.

UTB ist ein Verlag für Lehr- und Studienbücher. Bei UTB ist die Druckausgabe des Wörterbuchs erschienen.

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt