Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung

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Rolf Arnold

Deutungsmuster

Mit dem Begriff D. entwickelte die erwachsenenpädagogische Diskussion der 1980er Jahre eine Kategorie, die es ihr ermöglichte, die prinzipielle Interpretationsabhängigkeit und den Lebensweltbezug ( → Lebenswelt) des Erwachsenenlernens sowohl theoretisch als auch didaktisch angemessen zu konzeptualisieren.

D. sind kognitive Perspektiven ( → Kognition), die durch alltägliches Handeln erworben, verändert und gefestigt werden und selbst wieder Handeln anleiten. Sie sind lebensgeschichtlich verankert und eng mit der eigenen → Identität verwoben und insofern auch affektiv bzw. emotional besetzt (Arnold 2007) besetzt. Durch ihre handlungsorientierende und identitätsstabilisierende Funktion bieten sie dem Einzelnen Sicherheit, Sinnhaftigkeit und Kontinuität in seinem Verhalten, wobei sie ihrem Träger nur eingeschränkt reflexiv verfügbar sind. Um Verunsicherungen zu vermeiden, ist das Individuum in der Regel bestrebt, an bestehenden D. festzuhalten und die Umwelt so zu deuten, dass möglichst keine Widersprüchlichkeiten zu bisherigen vertrauten Ansichten entstehen. Die Nachhaltigkeit, auch „Persistenz“, und Veränderungsresistenz ist bei solchen D. am größten, die bereits früh im Lebenslauf erworben wurden und grundlegend die Basispersönlichkeit prägen.

Erwachsene leben und lernen daher im „Modus der Auslegung“ (Tietgens 1981) bzw. im Modus der Deutung. D.h. ihre biographischen Erfahrungen und ihre lebensgeschichtlich entwickelten D. sind sowohl für die Inhaltlichkeit als auch für den Verlauf und die Ergebnisse ihres Lernens prägend. Diese prägende Wirkung der D. erwachsener Lernender kann sich nun in ganz unterschiedlicher Weise erwachsenendidaktisch auswirken. So kann man zum einen davon ausgehen, dass alles „signifikante“, d.h. wirklich verändernde Lernen immer mit einer Transformation bisheriger D. verbunden ist, da Erwachsene sich in der Regel dann auf Lernprozesse einlassen, wenn sie „mit ihrer Weisheit am Ende sind“ und nach Neuem bzw. weiterentwickelten Interpretations- und Erklärungsmöglichkeiten suchen. EB stellt sich uns demnach immer als ein Deutungslernen, d.h. als eine Differenzierungsarbeit an den D. der → Teilnehmenden dar. Durch diese D.abhängigkeit des Erwachsenenlernens ist auch das Bild einer Vermittlung von Inhalten ins Wanken geraten. Wenn erwachsene Lernende auch in ihren Lernprozessen ihre D. „ins Spiel bringen“, ist davon auszugehen, dass jeder Einzelne von ihnen an einem anderen „Lernprojekt“ (Holzkamp 1993) arbeitet, EB also nicht mit einem einheitlichen Lernprozess, sondern mit unterschiedlichen Lernprozessen zu tun hat. Erwachsenenpädagog/inn/en vermitteln deshalb nicht wichtigeres oder angemesseneres Wissen, sie legen vielmehr Sichtweisen vor, arrangieren Lernsituationen und fragen nach, um diese individuelle Aneignung ( → Aneignung – Vermittlung) im Sinne einer Transformation bisheriger D. anzuregen und zu initiieren. Dabei geht es auch nicht in erster Linie um Aufklärung durch die Verbreitung differenzierteren (in der Regel wissenschaftlichen) → Wissens, es geht dem Deutungslernen, welches bisherige D. nachhaltig zu differenzieren und zu transformieren vermag, vielmehr um die Ermöglichung von Selbstaufklärungsprozessen. Entscheidend ist, dass dieses Differenzierungslernen zu viablen, d.h. gangbaren bzw. anwendbaren Erklärungen und D. bei den Teilnehmenden führt. In diesem Sinne ist Erwachsenenlernen stets auf eine Veränderung bzw. Weiterentwicklung biographisch eingespurter und „bewährter“ Muster des Denkens, Fühlens und Handelns bezogen. Erwachsene lernen letztlich nur zu ihren eigenen inneren Bedingungen. Die Nachhaltigkeit dieses Lernens (Schüßler 2007) hängt wesentlich davon ab, wie vielfältig und offen die Lehr-Lernarrangements sowie die Begleitungsweisen gestaltet sind, um der unhintergehbaren Subjektivität der Aneignungsprozesse Erwachsener die Rahmung zu geben, die diese benötigt.

Literatur

  • Arnold, R.: Die emotionale Konstruktion der Wirklichkeit. Beiträge zu einer emotionspädagogischen Erwachsenenbildung. Baltmannsweiler 2007

  • Arnold, R. u.a.: (Hrsg.): Lehren und Lernen im Modus der Auslegung. Erwachsenenbildung zwischen Wissensvermittlung, Deutungslernen und Aneignung. Baltmannsweiler 1998

  • Holzkamp, K.: Lernen. Subjektwissenschaftliche Grundlegungen. Frankfurt a.M./New York 1993

  • Schüßler, I.: Deutungslernen. Erwachsenenbildung im Modus der Deutung. Eine explorative Studie zum Deutungslernen in der Erwachsenenbildung. Baltmannsweiler 2000

  • Schüßler, I.: Nachhaltigkeit in der Weiterbildung. Theoretische und empirische Untersuchungen zum nachhaltigen Lernen. Baltmannsweiler 2007

  • Tietgens, H.: Die Erwachsenenbildung. München 1981

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hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl
2. Aufl. 2010, 334 S., 29,90 €

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt